Zehn Thesen zum Verhältnis von Psychiatrie und Öffentlichkeit


Autor: Christian Zechert

Der Autor setzt sich in seinen Thesen kritisch auseinander mit der Einstellung von Betroffenen, Angehörigen aber insbesondere auch von in der Psychiatrie Tätigen zur Öffentlichkeit und Öffentlichkeitsarbeit. 

 

1. Öffentlichkeitsarbeit für psychisch kranke Menschen funktioniert nicht mehr nach dem Prinzip der Skandalisierung. Die in den 70er und 80er Jahren notwendige Skandalisierung etwa der Zustände in den Langzeitbereichen der psychiatrischen Kliniken zur Herstellung von Öffentlichkeit hat für die Anliegen der Psychiatrie ausgedient.

2. Genauso falsch und langweilig ist es, stets nur die gelungenen Projekte und Entwicklungen zu präsentieren. Eine permanente "Schönwetter-Psychiatrie" geht an der Realität vorbei. Dies wird durchschaut, führt zu Glaubwürdigkeitsverlusten und wird auf die Dauer von den Medien und der Öffentlichkeit mit Ignoranz bestraft.

3. Die Vorurteile der Öffentlichkeit gegenüber psychisch kranken Menschen sind belanglos gegenüber unseren eigenen Vorurteilen.

4. Der tatsächliche oder vermeintlich hohe Anteil negativer Berichterstattung über psychisch kranke Menschen und psychiatrische Institutionen ist eine unmittelbare Folge unseres fahrlässigen Umgangs mit den Medien. Die Psychiatrie geht mit den Medien dilettantisch um.

5. Ein qualifizierter Umgang mit den Medien gelingt am besten, wenn Betroffene, Angehörige und Professionelle gemeinsam in den Medien auftreten. Dass sie verschiedene Positionen einnehmen, ist dabei kein Problem – im Gegenteil. Die differenzierte Berichterstattung erhöht die Glaubwürdigkeit. Angehörige und Betroffene sind authentischer und wirken deshalb in den Medien glaubwürdiger als Professionelle. Wir sollten darüber nachdenken, warum dies so ist.

6. Die Öffentlichkeitsarbeit der Psychiatrie will die Öffentlichkeit nicht wirklich erreichen. Sie will eher nach innen statt nach außen wirken. Ihre tatsächliche Funktion ist die der Selbstvergewisserung und der eigenen Standortbestimmung. Die Öffentlichkeit wird dafür nur benutzt und steht am Rande des Blickfeldes.

7. Wenn wir in der Psychiatrie Öffentlichkeitsarbeit betreiben, sollten wir an die Öffentlichkeit denken und uns fragen: Was interessiert die Öffentlichkeit tatsächlich? Wir werden feststellen, dass die Öffentlichkeit Basisinformationen zu psychiatrischen Krankheitsbildern, Therapien und Entlastungsangeboten für Angehörige viel mehr interessieren als unser zehntes Jahresfest.

8. Die wohlmeinende Verharmlosung der Aggressionsproblematik oder von Gewaltvorfällen bestimmter Patienten in gewissen Situationen wird von der Öffentlichkeit schnell durchschaut und führt zu Glaubwürdigkeitsverlusten der Psychiatrie. Nur wer in der Öffentlichkeit zugibt, dass es auch ein Gewaltproblem in der Psychiatrie gibt, signalisiert, dass er das Problem zumindest im Blick hat.

9. Gibt es Konflikte zwischen der Öffentlichkeit und der Psychiatrie, haben Ängste und Bedürfnisse der Öffentlichkeit Vorrang gegenüber den Bedürfnissen der Psychiatrie. Die Interessen der psychisch kranken Menschen können nicht gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt werden, sondern müssen in Einklang mit ihr gebracht werden.

10. Öffentlichkeit ist weit mehr als die der Zeitungen, des Fernsehens, des Internets und der Radiosendungen. Zur Öffentlichkeit der Psychiatrie gehören vor allem auch die Freunde und Nachbarn, die Kommunalpolitiker, die Kirchen, Parteien, Verwaltungen und Verbände vor Ort.

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