Öffentlichkeitsarbeit in der Psychiatrie - Werbung für Verrückte?


Autorin: Beate Lisofsky

 
Eine durchaus provozierende Frage; denn Werbung ist ein Marketingbegriff und, wenn es um (Selbst-)Hilfe geht, im Verständnis der Betroffenen und der Helfer anrüchig. Dieses schlechte Image färbt auch ab auf die Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations), obwohl es hier nicht wie bei der Werbung um die Vermarktung eines Produktes, sondern um langfristige und dauerhafte Beziehungsarbeit geht. Diese Skepsis teilt die Psychiatrie mit anderen Bereichen der Sozialen Arbeit.

Die Öffentlichkeitsarbeit wird in der Psychiatrie traditionell aber auch sehr stark mit Lobbyarbeit verbunden. Das Ziel besteht darin, die Stigmatisierung psychisch Kranker und des Systems Psychiatrie insgesamt zu korrigieren und das Bild in der Öffentlichkeit zu verbessern. Öffentlichkeitsarbeit wird aus diesem Verständnis stärker als Kontakt mit den Medien definiert, die dieses Image offensichtlich aufbauen und am Leben erhalten.

Einig ist man sich darin, dass die Psychiatrie ein schlechtes Image hat, welches es gilt, durch Öffentlichkeitsarbeit zu verbessern. Darüber hinaus geht es um Themen wie das Bekanntmachen einer Einrichtung oder Selbsthilfegruppe und die Schaffung von Akzeptanz in der Nachbarschaft. Und nicht zuletzt sind die psychisch Kranken selbst eine Zielgruppe von Öffentlichkeitsarbeit; ein Tatbestand, der bisher noch viel zu wenig Berücksichtigung gefunden hat.

Daraus ergeben sich an die Öffentlichkeitsarbeit und -arbeiter zwei Forderungen:

  1. Öffentlichkeitsarbeit ist nichts anderes, als über das eigene Tätigkeitsfeld zu informieren.
  2. Öffentlichkeitsarbeit ist Anti-Stigma-Arbeit, der Kampf gegen Vorurteile und Diskriminierung von psychischer Krankheit gegenüber den Betroffenen und ihren Familien und der Psychiatrie.

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Öffentlichkeitsarbeit ist Lobbyarbeit

Nach Brauer (1993) umfasst die Öffentlichkeitsarbeit im Wesentlichen vier Arbeitsbereiche:

  • Medienarbeit für die Beziehungen zu den Nachrichtenmittlern
  • Publikumsarbeit für das Gespräch mit den (potenziellen) Nutzern, Partnern und anderen Zielgruppen
  • Innerbetriebliche/-verbandliche Information (Mitarbeiterkommunikation)
  • Verbands-(politische) Arbeit, die vor allem auf Entscheidungsträger in gesellschafts- und sozialpolitischen Strukturen ausgerichtet ist und häufig mühsame Gremienarbeit beinhaltet

Nach Schätzungen sind in Deutschland derzeit zwischen 2,5 und 4 Millionen Menschen in etwa 60.000 Selbsthilfegruppen organisiert. Sie treten in unterschiedlicher Weise in Kontakt mit der Öffentlichkeit: mit Betroffenen und deren Angehörigen selbst, mit anderen Verbänden, mit Vertretern von Institutionen des Gesundheitswesens, kommunalen Einrichtungen und potentiellen Förderern.

Für ihre Arbeit ist es wichtig, bei möglichst vielen dieser Menschen

» persönlich bekannt zu sein,
» ein gutes Image zu haben und
» mit grundsätzlichem Interesse und Offenheit für die Anliegen rechnen zu können.

 

Auch jemand, der von der Sinnhaftigkeit seines Tuns und dem Nutzen für die Allgemeinheit (zu Recht) überzeugt ist, sollte sich einer Erkenntnis des Informationszeitalters bewusst sein:

Die Welt wird nicht durch Tatsachen, sondern durch die Meinungen über Tatsachen geprägt.

Tatsachen sind durch Öffentlichkeitsarbeit nicht im Nachhinein zu verändern. Allerdings können sich Einstellungen zu Tatsachen wandeln, und in einem langen Prozess des Dialogs können auch neue Fakten geschaffen werden.

Öffentlichkeitsarbeit hat das Ziel

  • sachlich, verständlich, aktuell und dialogorientiert über Tatsachen zu informieren,
  • den Informationsaustausch mit allen internen und externen Partnern zu pflegen und
  • Sympathie und Vertrauen bei den Partnern zu gewinnen und zu festigen.

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Wie gewinnt man Sympathie und Vertrauen in der Öffentlichkeit?

Auch wenn es nicht sympathisch klingt: am besten systematisch.

Bevor man mit der Presse oder der Öffentlichkeit Kontakt aufnimmt, sind einige Überlegungen angebracht, damit der Kontakt für alle sinnvoll ist:

  • Wie ist unsere aktuelle Situation?
  • Wie werden wir gesehen?
  • Wo liegen unsere Stärken, wo unsere Schwächen?

Von psychischen Krankheiten sind viele Menschen betroffen, aber wenige haben den Mut, darüber zu sprechen. Das ist für die Öffentlichkeitsarbeit nicht unbedingt nur ein Nachteil, sondern auch ein Vorteil: Denn diejenigen, die darüber sprechen, brauchen ein Forum und die Medien sind interessiert an bewegenden und originellen Themen, die ihre Leser oder Zuhörer finden. Und spannende Geschichten gibt es in der Psychiatrie allemal zu erzählen.

 

Neben der Einschätzung der eigenen Situation ist es, wie im "normalen Leben" schließlich auch, hilfreich zu überlegen, wem man – und welche Botschaft am dringendsten – etwas mitzuteilen ha

  • Welche Zielgruppen sind für uns wichtig?
  • Welche Ziele sind zunächst am wichtigsten?

Die eigenen Mitglieder, Vertreter von Verbänden und Institutionen, Mitarbeiter kommunaler Einrichtungen, Politiker, Journalisten sind Zielgruppen der Öffentlichkeitsarbeit. Auch wenn es darauf ankommt, Kontakte zu möglichst allen wichtigen Zielgruppen kontinuierlich zu pflegen: Nicht alle sind zu einem bestimmten Zeitpunkt der Arbeit gleich wichtig.

Gerade am Beginn der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sollte man sich nicht zu viel vornehmen. Die kontinuierliche Pflege des Kontaktes und Dialoges muss gewährleistet sein. Und ganz wichtig – und oft vergessen – ist die Kommunikation nach innen.

Auch die eigenen oder "befreundeten" Organe müssen mit Informationen versorgt werden. Von der Klärung dieser Fragen hängt vieles ab, beispielsweise auch die Auswahl der Mittel und nicht zuletzt die Motivation und der nötige lange Atem der Öffentlichkeitsarbeiter, seien es nun Profis oder engagierte Amateure.

Systematische Öffentlichkeitsarbeit erfordert neben der persönlichen Überzeugung und Überzeugungskraft auch eine Menge Aufwand im Detail, den man nicht unterschätzen sollte.

Fragen, die man schon im Vorfeld und in Ruhe bedenken sollte, sind z.B.:

  • Welche Kommunikationsmittel (Handzettel, Pressemitteilung, Broschüre, eigene Zeitschrift, Website, Veranstaltungen usw.) sind für das Erreichen welcher Ziele besonders geeignet?
  • Welche Medien sind für welche Ziele von zentraler Bedeutung (Lokalpresse, Fachpresse, Hörfunk, Fernsehen, Internet)?
  • Gibt es Partner, mit denen wir gemeinsam eine bestimmte Aktion oder ein bestimmtes Ziel verfolgen können?
  • Wie sind unsere personellen und finanziellen Ressourcen?

Ohne vorher gründlich über diese Dinge nachzudenken, sind Misserfolge und damit verbunden Frustration und Ärger bei den Akteuren vorprogrammiert.

Nicht immer muss es der traditionelle Tag der offenen Tür sein und nicht immer muss der in selbstgebackenem Kuchen und dem Basar mit selbst gebasteltem Holzspielzeug seinen Höhepunkt finden. Hier ist Phantasie gefragt und auch der Mut, einmal etwas Neues zu wagen. Austausch und der Blick über den Tellerrand können dabei auch nicht schaden.

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