Jahrestagung 2005 in Bamberg
"Helfen und Heilen – wo stehen wir heute?"
Seit nunmehr 20 Jahren gibt es den Zusammenschluss der Familien auf Bundesebene. Genau der richtige Zeitpunkt, um Bilanz zu ziehen nach 30 Jahren Psychiatriereform in Deutschland und der Frage nachzugehen, ob und wie der medizinische Fortschritt die Familien mit psychisch erkrankten Menschen erreicht hat und wie die Perspektiven sind.
Grund genug aber auch, dass jeder und jede von uns sich Gedanken macht, wo wir als Selbsthilfeverband heute stehen und – wichtiger noch – wo die Reise in Zukunft hingeht. Im Drang der Geschäfte kommen diesbezügliche Überlegungen leicht etwas zu kurz.
War die Vergangenheit geprägt durch die Schaffung einer wirkungsvollen Organisationsstruktur und den zähen Kampf um Mitsprache, Akzeptanz und Partnerschaft bei psychiatrisch Tätigen, Krankenkassen, Verbänden, in Gremien und in der Politik, so geht es heute darum, die errungenen Erfolge zu sichern und auszubauen.
Das fordert von den aktiven Angehörigen nicht nur mehr Zeit und Mobilität, sondern auch mehr Wissen, bessere Informiertheit, tiefere Einblicke und kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen. Kurz: Es fordert mehr Professionalität. Dem einen oder anderen von uns mag diese Erkenntnis schwer fallen, weil er einen total "verkopften" Verband von Fachleuten befürchtet, die sich kaum noch von all den anderen Profis unterscheiden, mit denen wir jeden Tag zu tun haben. Doch die Alternative wäre der Rückzug in eine Nische, in die politische Bedeutungslosigkeit.
Und liegt es nicht an uns, den richtigen Ton, das richtige Maß zu finden, einen fairen Umgang untereinander zu pflegen, unsere Beziehungen und die Kommunikation untereinander lebendig zu halten? Wenn wir das schaffen, muss uns um unsere Zukunft nicht bange sein.
23. Bundestagung der Familien in Bamberg
Tagungsbericht von Beate Lisofsky
Im sonnigen Oktober hatte der Bundesverband zu seiner Jahrestagung ins schöne Frankenland, nach Bamberg, eingeladen. In diesem Jahr stand die Angehörigentagung ganz im Zeichen von Jubiläen:
Seit nunmehr 20 Jahren gibt es den Zusammenschluss der Familien auf Bundesebene. Genau der richtige Zeitpunkt, um Bilanz zu ziehen nach 30 Jahren Psychiatriereform in Deutschland und der Frage nachzugehen, ob und wie der medizinische Fortschritt die Familien mit psychisch erkrankten Menschen erreicht hat und wie die Perspektiven sind.
Hierbei eröffnete der Tagungsort, die Nervenklinik St. Getreu hoch über dem Dom zu Bamberg noch einen weitaus größeren zeitlichen Rahmen. Sie kann in diesem Jahr auf ihr 200jähriges Bestehen zurückblicken und gehört damit zu den ältesten psychiatrischen Kliniken im deutschsprachigen Raum.
Viele Teilnehmer waren natürlich aus Bayern, aber auch aus Thüringen, Hessen, Sachsen oder Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz waren Angehörige angereist, um sich auszutauschen, alte Bekannte wieder zu treffen, neue Leute kennen zu lernen und ihren Beitrag zur Diskussion um Bilanz und Ausblick für die Angehörigenbewegung zu leisten.
Am Freitag nachmittag konnte die neue Bundesvorsitzende, Eva Straub – als frühere bayerische Landesvorsitzende sozusagen im "Heimspiel" – ca. 120 Teilnehmer in der neuen Mehrzweckhalle der Bamberger Klinik begrüßen.
Grußworte vom "Hausherrn" Prof. Dr. Dr. Wilfried Günther, dem Chefarzt Nervenklinik Bamberg, Dr. Günther Denzler, dem Bezirkstagspräsidenten von Oberfranken, Herbert Lauer, Oberbürgermeister von Bamberg, und das schriftliche Grußwort von Christa Stewens, der Staatsministerin für Soziales des Freistaates Bayern, die persönlich leider verhindert war, belegen, dass die Angehörigen "vor Ort" durchaus keine Unbekannten mehr sind und auf politischer Ebene bestens eingebunden.
Ehrenpreis Familien-Selbsthilfe Psychiatrie
Wie es sich für eine "richtige" Tagung gehört, war der nächste Programmpunkt eine Preisverleihung.
Zum zweiten Mal wurde der "Ehrenpreis Familien-Selbsthilfe Psychiatrie" für hervorragendes ehrenamtliches Engagement für Familien mit psychisch Kranken verliehen. Das Preisgeld in Höhe von 1.500 Euro stiftete in diesem Jahr die Familien-Stiftung Psychiatrie.
Der Preis ging an den Leipziger Wege e.V., Verein Angehöriger und Freunde psychisch Kranker für sein Projekt: "Lebensräume zur Bewältigung seelischer Krisen".
In einem alten Industriegebäude in Leipzig stampft der Verein ein Projekt nach dem andern aus dem Boden: Eine Kontakt- und Beratungsstelle von Angehörigen für Angehörige, Hilfen für die Kinder psychisch kranker Eltern, Arbeitsmöglichkeiten und, und, und. Für das Wohnprojekt, das "Haus Chiron", eine familienorientierte Wohngemeinschaft, fehlt es allerdings noch an Finanzierungsmöglichkeiten.
In seiner Laudatio würdigte der Vorsitzende der Familien-Stiftung Psychiatrie, Dr. Alfred Speidel, den erfolgreichen Einsatz, der eindrucksvoll das Motto "Hilfe zur Selbsthilfe" Realität werden lasse.
Mehr Fragen als Antworten?
Dr. Michael von Cranach, Kaufbeuren, hatte seine nachdenklichen Worte unter das Thema "Krankheitsverständnis fängt mit Verstehen an" gestellt. Dabei konnte er auf seine eigene langjährige praktische Auseinandersetzung als Arzt mit der Thematik zurückgreifen und er schilderte dabei sehr eindrücklich den Wandel und die Zweifel, die im Laufe des Lebens mit manchen "Schulweisheiten" entstanden sind.
Er lokalisierte psychische Erkrankungen auch im Kontext von Lebensentwürfen, was einige der Teilnehmer so nicht ganz nachvollziehen konnten und so ergaben die Vorträge des Nachmittags zweifelsfrei einen interessanten Einblick in die Dialektik von Verständnis und Verstehen, nicht nur beim Umgang mit biologischen und psychosozialen Krankheitsmodellen.
Genug Gesprächsstoff also am Ende des 1. Veranstaltungstages, der ausklang im weltberühmten "Schlenkerla", einer Bamberger Institution bei zünftiger Schweinhaxe und gewöhnungsbedürftigem Schwarzbier.
20 Jahre Bundesverband – Angehörige in Bewegung?
Hildegunt Schütt, Bonn, Mitbegründerin und Ehrenvorsitzende des BApK, eröffnete den Samstag mit einem Rückblick auf die Entstehungsgeschichte des Verbandes im Kontext der gesellschaftlichen Veränderungen. Dabei würdigte sie den Einsatz und das Engagement der Gründergeneration, die nun dabei ist, den "Stafettenstab" an Jüngere weiter zu geben.
Dabei gilt es, Traditionen und Altbewährtes zu bewahren, aber auch, Neues zu wagen und stets aktuell den Platz der Selbsthilfe der Familien in der Psychiatrie zu definieren.
Prof. Wilfried Günther, der übrigens die gesamte Tagung mit Interesse dabei war und seinen Hausherrenpflichten mit großem persönlichem Einsatz nachkam, erläuterte in seinem Vortrag die wechselvolle Geschichte der Bamberger Klinik und gab gleichzeitig Einblicke in die medikamentöse Behandlung psychischer Krankheiten.
Die Mittagspause gab wieder die Möglichkeit für die Tagungsteilnehmer, sich auszutauschen, über Infos, Kontakte, Projekte, "Netzwerkeln", nicht nur in Kontakt, sondern auch weiterhin in "Bewegung" zu bleiben.
Daneben ergab sich für Interessiert die Möglichkeit zur Besichtigung der historischen Barock-Kapelle auf dem Gelände der Klinik, einem gerade frisch restaurierten Kleinod, selbst für "Bamberger Verhältnisse".
Modelle und Perspektiven einer integrierten Versorgung
Prof. Dr. Jürgen Fritze, Pulheim, leitete mit seinen Ausführungen zum Stand der Vertragsentwicklung zur integrierten Versorgung den letzten Teil der Tagung ein.
Dabei verwies er auf so manche Stolpersteine bei einem Thema, das den Angehörigen wohl seit jeher aufgrund der eigenen Erfahrungen mit einem unzureichend vernetzten Versorgungssystem besonders auf den Nägeln brennt.
Nachdrücklich betonte er aber auch die Chancen und Gestaltungsmöglichkeiten der Selbsthilfe, sich in diesem Prozess einzubringen und als Mitgestalter tätig zu werden.
Sich hier als kompetenter Partner und Vertreter der Interessen der Patienten und ihrer Familien in die Verhandlungen zwischen den Krankenkassen und den Anbietern einzubringen, war die einhellige Forderung der Teilnehmer in der anschließenden Diskussion, die sie als Aufgabe an den Bundesverband formulierten.
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