Pressekonferenz 2002: "Mit psychisch Kranken leben - selbstbewusst und solidarisch"


Presseinformation

Berlin/Bonn, 10. Dezember 2002. Psychisch kranke Menschen haben keine Lobby. Obwohl einnicht unbeträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung von psychischen Störungen betroffen ist – man rechnet allein mit circa 600.000 chronisch psychisch Kranken – findet ihre Situation weder in der Öffentlichkeit noch im gesundheitspolitischen Diskurs ausreichende Berücksichtigung. Das gilt auch für die gegenwärtige, von Interessenkonflikten und Machtkämpfen geprägte Auseinandersetzung um eine Reform des Gesundheits- und Sozialwesens. Hier will die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie (Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V.) durch stärkere Einbeziehung der Selbsthilfepotenziale wirksam gegensteuern. Das erklärte der Bundesverband auf seiner Jahres-Pressekonferenz in der Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz am 10. Dezember 2002 in Berlin. Vorgestellt wurden dabei neben dem neuen Leitbild und den politischen Forderungen aus der neuen Agenda 2006 auch erstmals das gemeinsame Projekt mit dem BKK-Bundesverband zu psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz.

"Familien sind bei weitem die größte Versorgungs- und Betreuungseinrichtung für chronisch psychisch Kranke in unserem Land. Wir wollen erreichen, dass wir in Öffentlichkeit und Politik das Gewicht bekommen, das dieser Rolle entspricht", sagte Margit Golfels, Geschäftsführerin der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie (BApK). Der Bundesverband macht sich stark für die Gleichstellung von psychisch Kranken mit somatisch Kranken. Gleichzeitig wendet er sich gegen Stigmatisierung und Diskriminierung der Psychiatrie, psychisch Kranker und ihrer Familien. Der Bundesverband fordert eine Gesundheitspolitik, die eine qualitativ und quantitativ ausreichende Versorgung psychisch Kranker sichert und sich dabei an den individuellen Bedürfnissen des einzelnen Patienten und seiner Angehörigen orientiert.

Um dies auch in Zeiten knapper Kassen möglich zu machen, sollten vorhandene Wirtschaftlichkeits-reserven ausgeschöpft werden:

  • Finanzierung von Versorgungsangeboten nur dann, wenn die oben angeführten Qualitätskriterien erfüllt sind,
  • Integration aller Leistungen und deren Verortung in der Gemeinde,
  • Abbau von Fehlversorgung, Nutzung des therapeutischen Fortschritts (zum Beispiel Soziotherapie, Psychoedukation oder Einsatz moderner Medikamente),
  • stärkere Berücksichtigung des Präventionsgedankens.

Diese qualitätsorientierte Ausschöpfung von Wirtschaftlichkeitsreserven kann nur stattfinden, wenn politisches Handeln sich nicht an kurzfristig wirksamen Einsparhoffnungen orientiert und die starren Fronten zwischen den verschiedenen Leistungsträgern einerseits und den Interessengruppen im Gesundheitssystem andererseits überwunden werden.

Familien-Selbsthilfe Psychiatrie

Mehr als 17 Jahre nach seiner Gründung hat sich der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker ein neues äußeres Erscheinungsbild gegeben und seine Grundsätze und Ziele in einem Leitbild nieder-gelegt. Mit der Bezeichnung "Familien-Selbsthilfe Psychiatrie" will er den Selbsthilfe-Charakter des Verbands unterstreichen und die Interessen von Betroffenen und ihren Angehörigen noch wirkungsvoller als bisher vertreten. Das Motto lautet: Mit psychisch Kranken leben – selbstbewusst und solidarisch.

Familien-Selbsthilfe Psychiatrie will aufgeklärte, solidarische und selbst-bewusste Familien, die ihre Rechte kennen und die Hilfen einfordern, die sie zur Bewältigung ihrer schwierigen Lage brauchen. Der Familienbegriff des Bundesverbandes umfasst alle Mitglieder einer Familie – Eltern, Partner und Kinder, kranke wie gesunde. Familie ist für ihn auch da, wo Menschen füreinander sorgen und einstehen. So versteht der Bundesverband den Begriff "Familien-Selbsthilfe Psychiatrie". Von psychischen Erkrankungen ist die ganze Familie und das soziale Umfeld betroffen. Daraus leitet die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie die Legitimation ab, auch die Interessen der erkrankten Familienmitglieder in der öffentlichen Diskussion vertreten zu wollen.

Psychisch krank am Arbeitsplatz?

Neben dem familiären Umfeld ist der Arbeitsplatz für psychisch Kranke von entscheidender Bedeutung. Auf die großen Probleme in diesem Bereich weist unter anderem der im Juni dieses Jahres veröffentlichte DAK-Gesundheitsreport hin, der eine dramatische Zunahme von Arbeitsunfähigkeit aufgrund von psychischen Erkrankungen dokumentiert. So hat sich die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage, die auf psychische Erkrankungen zurückgehen, seit 1997 in Deutschland verdoppelt. Oftmals sind psychische Störungen nicht nur Ursache für Arbeitsunfähigkeit, sondern auch für vorzeitige Berentung und in großem Ausmaß für den Verlust des Arbeitsplatzes durch Kündigung.

Hier Hilfe zu leisten, bevor es zu Eskalation und Krisen kommt, ist Ansatzpunkt eines Praxisprojekts, das die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie gemeinsam mit dem Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK) in diesem Jahr initiiert hat.

Ziel ist es, Informationen zu psychischen Erkrankungen und ihren Behandlungsmöglichkeiten in Betrieben zu vermitteln. Zu diesem Zweck werden Schulungsveranstaltungen angeboten für Multiplikatoren, Mitarbeiter und Führungskräfte. Ab Januar 2003 finden diese Schulungsveranstaltungen in verschiedenen Unternehmen, unter anderem beim Betriebsrat der REWE, Zentral AG, Köln, statt.

Als weiteres Modul des gemeinsamen Projekts ist ab Januar 2003 eine Hotline geschaltet, bei der sich Arbeitgeber, Kollegen, Betroffene und Angehörige über Auswirkungen psychischer Erkrankungen in der Arbeitswelt beraten lassen können und Informationen über Versorgungsstrukturen erhalten.

Gemeinsam sind wir stark

Die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie ist auf Bündnispartner im Bereich der Psychiatrie, aber auch auf eine breite gesellschaftliche Unterstützung angewiesen. Besonders freut sich der Bundesverband über die konstruktive Zusammenarbeit, die Roswitha Beck, Gattin des Rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten und Gründerin des Vereins zur Umsetzung der gemeindenahen Psychiatrie in Rheinland-Pfalz, ihm zuteil werden lässt. "Eine veränderte gesellschaftliche Einstellung zur psychischen Erkrankung wäre ohne die Selbsthilfe nicht denkbar. Wie human eine Gesellschaft ist, erkennt man auch daran, wie sie mit benachteiligten Menschen umgeht. Ohne die Selbsthilfe, ohne bürgerschaftliches Engagement ist das verfassungsrechtlich garantierte Sozialstaatsprinzip nicht haltbar", betont Roswitha Beck.

Psychische Krankheit betrifft immer die gesamte Familie. Erika Huss, von psychischer Krankheit Betroffene und Angehörige zugleich, ist daher überzeugt: "Dass sich der BApK öffnet, sich nicht nur als 'Elternverband' sehen will, sehe ich als unabdingbare Notwendigkeit. Nur eine auf alle Beteiligten ausgerichtete 'Familien-Selbsthilfe Psychiatrie' kann sinnvoll und erfolgreich arbeiten."

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:

Familien-Selbsthilfe Psychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V.
Pressebüro
Beate Lisofsky
Mannheimer Straße 32, 10713 Berlin
Telefon 030 / 86 39 57 - 04
Telefax 030 / 86 39 57 - 02
e-mail: bapk-berlin@psychiatrie.de
Internet: www.bapk.de

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