"Initiative Forensik": Hilfe für Angehörige von Forensik-Patienten


Dr. Gerwald Meesmann

(veröffentlicht in der Zeitschrift Psychosoziale Umschau 1/2012)

 

Der psychisch kranke Sohn beginnt, von Stimmen getrieben, in der Wohnung alle elektrischen Geräte und Leitungen zu zerstören, und bedroht und verletzt die ihm Einhalt gebietenden betagten Eltern schwer. Seine Schwester ruft in ihrer Not die Polizei; es folgen vorläufige Einweisung in die Forensische Klinik, Einholung eines psychiatrischen Gutachtens im Rahmen des Strafverfahrens und schließlich die richterliche Einweisung in die Forensik (Maßregelvollzug). Darüber wird in der Lokalpresse ausführlich berichtet.

Die Reaktionen des sozialen Umfelds reichen von kalter Distanzierung bis zu zwar gut gemeinten, doch nur noch mehr belastenden "guten Ratschlägen". Und die Familie selbst macht sich Vorwürfe, die Polizei gerufen zu haben, gibt sich die Schuld, dass der Sohn und Bruder auf unbestimmte Zeit in der forensischen Psychiatrie untergebracht ist. Den einschränkenden Bedingungen des Maßregelvollzugs (Kontaktmöglichkeiten, Kontrollen, bauliche und andere Sicherungsmaßnahmen) steht sie hilflos gegenüber.
 
Das alles muss die Familie in der Regel ohne jede Hilfe von außen verkraften – oft übersteigt das die Kräfte, weckt das Gefühl der Ohnmacht, führt zu Rückzug und "Selbst-Stigmatisierung". Weder seitens der Klinik noch im Familien- und Freundeskreis findet man Unterstützung oder wenigstens Verständnis, stattdessen Vorurteile und Ängste. In der Angehörigenbewegung bzw. in den einzelnen Selbsthilfegruppen fehlt es an Wissen und Erfahrungen mit dem Maßregelvollzug; das Thema wird hier vielmehr weitgehend verdrängt.

 
Ziele der "Initiative Forensik"

Die "Initiative Forensik" will diesem Dilemma entgegenwirken. Sie will erstens betroffenen Angehörigen durch Information und Erfahrungsaustausch Hilfe bieten sowie zweitens die Situation und Nöte von Angehörigen stärker in das Blickfeld der in der Forensik Tätigen, aber auch der Angehörigenbewegung rücken.

Vor allem in der ersten Phase, unmittelbar nach der Tat und während des Gerichtsverfahrens ist der Hilfebedarf der Angehörigen groß. Informations- und Gesprächsangebote sollen dem Rechnung tragen. Folgen sollen regelmäßiger Erfahrungsaustausch und – bei entsprechender Resonanz – die Bildung von Selbsthilfegruppen.

Die "Initiative Forensik" sucht den Kontakt zu und die Zusammenarbeit mit den forensischen Einrichtungen aus zwei Gründen:

  • Über die Kliniken können am ehesten die Angehörigen erreicht werden, die Mitarbeiter können besuchende Angehörige motivieren, das Angebot der "Initiative Forensik" anzunehmen.
  • Und mit den Kliniken sind Maßnahmen zu überlegen, wie das oft von Ängsten, Vorurteilen und Misstrauen belastete Verhältnis zwischen Angehörigen und Mitarbeitern in den Kliniken zu mehr wechselseitigem Verständnis entwickelt werden kann.

Das ist besonders in der Forensik wichtig, weil die Patienten hier, anders als in der Allgemeinpsychiatrie, nicht nur wenige Wochen, sondern wesentlich länger (im Durchschnitt fünf bis sechs Jahre) verbleiben und damit die Kontakte zwischen vor allem Pflegekräften und Angehörigen (soweit sie sich um den Patienten – noch – kümmern) intensiver sind. Außerdem können die Angehörigen bei Erprobungen sowie bei der Entlassung des Patienten aus dem Maßregelvollzug eine wichtige Rolle spielen.

Erste Schritte in Baden-Württemberg und Bayern

Im April 2010 trafen sich Angehörige von Forensik-Patienten aus Baden-Württemberg und Bayern, um ihre Erfahrungen auszutauschen und einen Weg zu finden, wie man mit in gleicher Weise betroffenen Angehörigen in Kontakt kommen kann. Die Akteure der "Initiative Forensik" werden von ihren Landesverbänden der Angehörigen in Baden-Württemberg und Bayern unterstützt, nicht zuletzt auch finanziell. Auch der Bundesverband steht hinter dieser Initiative, was u.a. darin zum Ausdruck kommt, dass er auf seiner Homepage unter den Schwerpunktthemen "Angehörige von Forensik-Patienten" nennt und auf die Seiten der Initiative verweist.

Personell befindet sich die Initiative noch im Aufbau, vor allem aus den übrigen Bundesländern wären Angehörige sehr willkommen, da das Ziel besteht, nach und nach in allen Bundesländern nicht nur für die Idee zu werben, sondern dort auch präsent zu sein und aktiv zu werden.

Wie das aussehen kann, wurde in Bayern und Baden-Württemberg schon sichtbar. Über die beiden Landesverbände wurden hier die Chefärzte aller Forensischen Kliniken angeschrieben mit der Bitte, dort das Faltblatt auszulegen und sich in einem persönlichen Gespräch vorstellen zu können. Ersteres wurde von allen gewährt, zu Gesprächen kam es bisher nur vereinzelt. Daraus entwickelten sich

  • die Bildung von Selbsthilfegruppen in München, Taufkirchen, Straubing und Günzburg;
  • die Benennung eines Koordinators durch die Klinik;
  • die Präsentation der "Initiative Forensik" vor Mitarbeitern von Kliniken und
  • die Teilnahme der Initiative an Angehörigentagen einzelner Kliniken mit einem Informationsstand.

Erfreulich ist es, wenn wie in Taufkirchen ein Mitarbeiter der Klinik auf uns zukommt. Er hatte im Internet das Faltblatt der "Initiative Forensik" entdeckt, der dortige Hinweis auf den "Stützpunkt Taufkirchen" führte zu einer Anfrage der Klinik. Es wurde ein Vorstellungsgespräch beim Chefarzt der Klinik, Prof. Dose vereinbart, das äußerst konstruktiv verlief. Danach gab es einen Termin zur Vorstellung der Initiative vor Mitarbeitern und beim Angehörigentag der Klinik. Die Klinik verschickte mit der Einladung ein Schreiben der Initiative an von den Patienten benannte Angehörige, in der Hauszeitschrift der Klinik wurde berichtet und bei der Einweihung des Klinik-Neubaus konnte sich die Initiative mit einem Stand präsentieren. Das Ergebnis dieser vorbildlichen aktiven Unterstützung durch die Klinik: eine Angehörigengruppe mit zurzeit zehn regelmäßigen Teilnehmern.

So erfreulich diese ersten Erfolge sind, es bleibt noch viel Überzeugungsarbeit zu tun, um in den Kliniken das Bewusstsein zu wecken, dass es auch in ihrem Interesse liegt, die "Initiative Forensik" aktiv, nicht nur duldend, zu unterstützen. Der besser informierte Angehörige gewinnt mehr Verständnis für die Situation der Therapeuten und Pflegemitarbeiter, viele, den Mitarbeitern aus Zeitgründen oft lästige Fragen können in einer Angehörigengruppe beantwortet werden und das oft mit Vorurteilen und Misstrauen belastete Klima zwischen Klinik und Angehörigen kann verbessert werden.

Aktivitäten in weiteren Bundesländern

In Hamburg vermittelte der Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker ein Gespräch mit dem Chefarzt der Forensik (Asklepios Klinik Nord Ochsenzoll), Dr. Knecht. Dabei ging es der "Initiative Forensik" darum, sich über die Erfahrungen und Arbeitsweise der dort seit zehn Jahren bestehenden, von der Klinik fachlich geleiteten Angehörigengruppe zu informieren. Die Hamburger Erfahrungen belegen, dass die Bedenken der Mitarbeiter inzwischen überwunden sind und dass eine Angehörigengruppe auf Dauer bestehen kann, wenn man es nur ernsthaft will.

Wenn so ein Angebot der Klinik besteht, sind parallele Bemühungen der "Initiative Forensik" überflüssig. Allerdings bleibt ein Wunsch aus Angehörigensicht bis heute unerfüllt. Die Gruppe steht nur Angehörigen von Patienten des Hauses offen – das ist unbefriedigend, da es auch Angehörige in Hamburg gibt, deren Familienmitglied in Neustadt/H untergebracht ist.

In Schleswig-Holstein ist es nach einem Gespräch mit dem Chefarzt, Herrn Bürkle, gelungen, mit dem Klinikseelsorger einen Ansprechpartner vor Ort (neben dem Landesverband) für Angehörige von Forensik-Patienten zu gewinnen.

In Nordrhein-Westfalen präsentierte sich die "Initiative Forensik" auf Einladung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe vor den Betriebsleitungen der sechs von ihm getragenen Maßregelvollzugseinrichtungen, ein erster Schritt, um auch in diesem Bundesland "Flagge zu zeigen". Hier geht es nun darum, Mitstreiter für die "Initiative Forensik" zu gewinnen, die sich aktiv für das Anliegen der Initiative einsetzen und Angebote für Angehörige vor Ort entwickeln.

Zu Rheinland-Pfalz siehe Anmerkung der Redaktion.

Angehörigenarbeit in der Forensik als Fortbildungsthema

Ein wesentlicher Schritt zur Förderung des wechselseitigen Verständnisses zwischen in der Forensik Tätigen und Angehörigen bedeutete, dass die Forensik aus der Sicht der Angehörigen als Thema in Fortbildungsveranstaltungen aufgenommen wurde. So, wie die Angehörigen kaum Vorstellungen haben, was Pflegekräfte in der Forensik leisten, fehlt auch vielen Pflegekräften der Blick für die Situation und die Nöte der Angehörigen. Vor allem dann, wenn die Patienten vorher in den Familien lebten, ist das Informationsbedürfnis der Angehörigen sehr groß und sie können den Pflegekräften der Station, die ja im Grunde die Rolle der Familie übernimmt, durch mehr Kommunikation Entlastung bieten.

In zwei Veranstaltungen (Regensburg, Fortbildung für Klinikmitarbeiter; München, DGSP-Seminar "Komplementäre Nachsorge für psychisch kranke Straftäter") war festzustellen, dass die Darstellung der Erfahrungen von Angehörigen mit der Forensik (positive wie negative) den hier Tätigen ebenso Denkanstöße gibt wie umgekehrt den Angehörigen die Diskussion mit den Teilnehmern mehr Einblick in deren Arbeit vermittelt – das zeigt, dass mehr Transparenz zu mehr Verständnis für die jeweils andere Situation beiträgt.

Alle sind gefordert

Die Angehörigenarbeit muss – wie in der Allgemeinpsychiatrie – auch in der Forensik zur Selbstverständlichkeit und als Aufgabe auch der Kliniken gesehen werden. Angehörige von Forensik-Patienten fühlen sich wegen der doppelten Stigmatisierung ("krank und kriminell") allein gelassen und brauchen Hilfe.

Die Tatsache, dass viele Patienten der Forensik keine Angehörigen mehr haben, die sich um sie kümmern (wollen), darf nicht verdrängen, dass es auch viele Angehörige gibt, die zu dem Patienten stehen. Aus Scham oder Mutlosigkeit finden sie allein nicht den Weg, mit anderen ihre Sorgen und Nöte zu teilen.

Hier sind alle gefordert, die Angehörigenselbsthilfe wie die Professionellen!

Dr. Gerwald Meesmann ist Jurist und stellvertretender Vorsitzender im LV ApK Baden-Württemberg.

 

Anmerkung der Redaktion:

Bereit im Jahr 2006 wurde an der rheinland-pfälzischen forensischen Klinik in Andernach die bundesweit erste Selbsthilfegruppe für Angehörige von Forensik-Patienten gegründet, seit 2011 gibt es eine weitere Gruppe an der forensischen Klinik in Alzey.
Nach den scheuen Anfängen im Jahr 2006 hat sich mittlerweile eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit entwickelt, die auch die Aufsichtsbehörde einschließt und sich auch in kritischen Situationen bewährt hat. Neben regelmäßigen Kontakten zur Klinikleitung und zu Klinikmitarbeitern aller Professionen gehören u.a. die Teilnahme von Angehörigen an Fachtagungen, die Unterstützung von Werbemaßnahmen für die Angehörigengruppen seitens der Kliniken oder die Teilnahme von Klinikvertretern an Veranstaltungen des Landesverbandes der Angehörigen in Rheinland-Pfalz inzwischen zur Normalität.
Die rheinland-pfälzischen Gruppen haben ihre Erfahrungen in die "Initiative Forensik" eingebracht und betrachten sich als Teil der Initiative.

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