Was brauchen Kinder psychisch kranker und Kinder suchtkranker Eltern? – Gemeinsamkeiten und Unterschiede


Praxis-Workshop

der Familienselbsthilfe Psychiatrie in Kooperation mit den "Freundeskreisen für Suchtkrankenhilfe Bundesverband"

Eine Veranstaltung am 6. Oktober 2009 im Rahmen der "Woche für Seelische Gesundheit" in Berlin


Der Workshop sollte zur Annäherung, zum Abgleich und zur Vernetzung von Unterstützungsangeboten für Kinder aus Familien mit psychisch kranken Eltern, aus Familien mit suchtkranken Eltern und aus Familien mit Eltern mit Doppeldiagnose führen.

  • Was brauchen diese Familien an Unterstützung - genau das gleiche?
  • Gibt es Unterschiede und was kann man voneinander lernen?
  • Wie könnte eine Kooperation der Suchtkrankenhilfe und der psychiatrischen Versorgung aussehen?
  • Ist die Entwicklung von gemeinsamen Hilfeangeboten möglich, sinnvoll oder unabdingbar?

Eingeladen waren Fachleute, die in den Versorgungsstrukturen mit Kindern psychisch kranker und/oder suchtkranker Eltern arbeiten.

Der Workshop wurde gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit.


Tagungsbericht von Beate Lisofsky

 

Obwohl sowohl in der Psychiatrie wie in der Suchthilfe die Kinder in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt sind, gibt es bisher nur wenig Austausch über Hilfskonzepte und mögliche Zusammenarbeit. Gemeinsamkeiten und Unterschiede versuchte der BApK in einem gemeinsamen Workshop klären.

Im Verlaufe der 3. Berliner Woche der Seelischen Gesundheit veranstaltete die Familien-Selbsthilfe Psychiatrie im Rahmen des Projektes "Die vergessenen Kinder – Kinder psychisch kranker Eltern" mit Unterstützung des Bundesministeriums für Gesundheit und in Kooperation mit den Freundeskreisen für Suchtkrankenhilfe einen bundesweit ausgeschriebenen Workshop Anfang Oktober in Berlin. Er hatte die Annäherung, den Abgleich und die Vernetzung von Unterstützungsangeboten für Kinder aus Familien mit psychisch kranken, mit suchtkranken Eltern bzw. Eltern mit Doppeldiagnose zum Inhalt.

Dabei sollten folgende Fragen bearbeitet werden: Was brauchen diese Familien an Unterstützung – genau das gleiche? Gibt es Unterschiede und was kann man voneinander lernen? Wie könnte eine Kooperation der Suchtkrankenhilfe und der psychiatrischen Versorgung aussehen und ist die Entwicklung von gemeinsamen Hilfeangeboten möglich, sinnvoll oder unabdingbar?

Teilnehmer der Veranstaltung waren Fachleute, die in den Versorgungsstrukturen mit Kindern psychisch kranker und/oder Kindern suchtkranker Eltern arbeiten. Besonders bereichernd für die Diskussion erwies sich die Mitarbeit von "Experten in eigener Sache": betroffenen Eltern, erwachsenen Kindern psychisch Kranker und "gesunden" Partnern.

In Impulsreferaten wurde zu Beginn der Blick auf die Situation der Kinder psychisch kranker bzw. suchtkranker Eltern aus der Perspektive der unterschiedlichen Hilfesysteme dargestellt. Melanie Gorspott ist als Leiterin der Beratungsstelle "AURYN" in Leipzig tätig. Sie hat langjährige Erfahrung in der Arbeit mit betroffenen Familien und ist selbst ein Kind psychisch kranker Eltern. Jacqueline Engelke ist als selbstständige Journalistin und Psychologin für die Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe tätig, u.a. bei der Mitarbeit in Projekten und bei Fachtagen zum Thema "Kinder von Suchtkranken". Die Impulsreferate finden Sie weiter unten auf dieser Seite.

Erfahrungen aus der Praxis der Teilnehmer

Vor dem Hintergrund ihrer unterschiedlichen (Arbeits-)Bezüge diskutierten die Teilnehmer im Anschluss die Bedürfnisse und Bedarfslagen der Kinder in Familien mit suchtbelasteten bzw. psychisch kranken Eltern. Dabei wurde deutlich, dass die Einbeziehung der gesamten Familien unabdingbar ist, um die Kinder wirksam zu unterstützen. Obwohl dies bei allen Teilnehmern Konsens war, wurde dabei aber auch einhellig geäußert, dass es hier noch breite Defizite in der Sichtweise der Behandler wie auch bei der Umsetzung dieses Ansatzes gibt.

Neben einer guten Behandlung für die Eltern geht es darum, sensibel auf die Situation der Kinder zu schauen und "Räume für Kinder" zu schaffen, um ihnen Information, Entlastung und Möglichkeiten für eine altersgerechte Entwicklung zu bieten.

Wichtig war auch allen Teilnehmern zu betonen, dass die Kontinuität der Hilfen ein zentraler Faktor für eine gelingende Entwicklung der Kinder ist. Auch hier wurden offensichtliche Versorgungsdefizite geschildert. Viele Angebote in beiden Bereichen finanzieren sich über Projektmittel bzw. sind zeitlich befristet, so dass der Bedarf an Hilfen für die Kinder zwar vermehrt gesehen wird, jedoch bei weitem nicht gedeckt werden kann. Hierbei gibt es große regionale Unterschiede zwischen Ballungsräumen wie Berlin oder Hamburg und der Situation in Flächenländern.

Thema in der Suchthilfe wie auch bei den Angeboten für Kinder psychisch kranker Eltern ist die Vernetzung, wobei es an dieser Stelle nicht in erster Linie um die Zusammenarbeit zwischen den hier vertretenen Bereichen ging, sondern hauptsächlich um die Vernetzung mit Angeboten der Jugendhilfe, den Erwachsenentherapeuten und nicht zuletzt mit Kooperationspartnern im Bildungsbereich (Schule, Kindergarten usw.). Schwierigkeiten hierbei wurden auf die fehlende Qualifikation der pädagogischen Fachkräfte sowie die mangelnde personelle Ausstattung zurückgeführt. Aber auch die Stigmatisierung von Sucht und psychischer Erkrankung wurden als Ursachen für Schwellenängste und eine zögerliche Kooperation benannt.

Gemeinsamkeiten der Arbeit mit den Kindern

Einhellig war auch die Auffassung, dass aus Sicht der Kinder es nicht entscheidend ist, an welchen Problemen und Störungen ihre Eltern leiden. Und obwohl den Eltern aufgrund ihrer individuellen Erkrankung Kompetenzen in der Betreuung und Erziehung fehlen, gilt für alle: Alle Eltern wollen gute Eltern sein. Deshalb ist ein ressourcenorientiertes Arbeiten mit der Gesamtfamilie Grundlage zur Entwicklung von Unterstützungsangeboten für die Kinder.

Gemeinsam sind auch die Stigmatisierung der Familien und die sich daraus ergebenden Probleme: Die Familien ziehen sich zurück und fordern Hilfen nicht ein bzw. lassen sie nicht zu. Gerade die Gruppenangebote für Kinder psychisch kranker Eltern erweisen sich als recht hochschwellig: Zum einen muss die Einwilligung der Eltern sowie deren Mitarbeit gegeben sein, zum anderen können diese aber häufig die Bedürftigkeit des Kindes nicht erkennen, aufgrund ihrer eigenen psychischen Erkrankung.

Berichtet wurde auch, dass in den letzten Jahren Gewalt- bzw. Traumaerfahrungen in den Familien zunehmen. Dies hat ganz erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder und erfordert die Auseinandersetzung mit Fragen zur Gefährdung des Kindeswohls.

Schwerpunkt der Diskussion war die Rolle des Jugendamtes. Hierbei wurde berichtet, dass die Angst vor dem Jugendamt bei den Familien nach wie vor groß ist. Auch die Teilnehmer erleben die Mitarbeiter dort vielfach als unsicher und überfordert. Generell wurde die fehlende Kooperation mit Suchtkrankenhilfe bzw. Angeboten für Kinder psychisch kranker Eltern benannt und das Fehlen von praktischen, zeitnahen Hilfen beklagt. Die Folge: Das "Verwalten" von Krisen ist an der Tagesordnung.

Unterschiede der Auswirkung der elterlichen Erkrankung

Gibt es also keine Unterschiede in der Auswirkung der elterlichen Erkrankung auf die Entwicklungsrisiken der Kinder, die in den Familien aufwachsen? Nachdem die Teilnehmer in großer Übereinstimmung heraus gearbeitet hatten, dass die Bedürfnisse der Kinder völlig gleich sind, wurden im Folgenden die Unterschiede thematisiert, die sich aus den Störungsbildern ergeben.

Psychische Erkrankungen sind in ihrem Verlauf oftmals nicht linear; krisenhafte Zustände wechseln sich ab mit Phasen, wo es den Eltern gut geht und sie ihre Elternrolle adäquat wahrnehmen können. Kinder psychisch kranker Eltern leiden oftmals unter dieser Phasenhaftigkeit und dem "Wechselbad der Gefühle" und sie benötigen vor allem in Krisenzeiten, z.B. bei einer stationären Einweisung, verlässliche Unterstützung. Hier haben sich Patenschaftsmodelle als hilfreich erwiesen, die beides versprechen: Kontinuität und Sicherheit in krisenhaften Phasen.

Im Bereich der Suchterkrankungen gehören der Umgang mit Rückfällen und die immer wieder neu zu weckende Hoffnung, die Erkrankung zu überstehen, für die Familien zu den Bewältigungsstrategien. Allerdings sind hier mittlerweile mehr Hilfsprogramme und Angebote für die Familien vorhanden als im Bereich der psychischen Erkrankungen. Dies mag damit zusammenhängen, dass Suchterkrankungen zwischenzeitlich gesellschaftlich "anerkannter" sind als psychische Erkrankungen, die immer noch einer sehr starken Tabuisierung unterliegen. Obwohl die Auswirkungen auf die Kinder nahezu identisch sind, so konnte zusammenfassend festgestellt werden, haben Eltern aufgrund ihrer Erkrankung unterschiedliche Bedarfe.

Prävention

Um den Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, sollten Unterstützungsangebote verfügbar sein, bevor "das Kind in den Brunnen gefallen ist". Dabei geht es darum, annehmbare Alternativen aufzuzeigen – für die ganze Familie. In erste Linie bedeutet das, Eltern zu stärken in ihrer Krankheitsbewältigung, aber auch in ihrer Erziehungskompetenz. Hier haben sie – neben den krankheitsbedingten Problemen – Sorgen, Nöte und Schwierigkeiten wie andere Eltern auch. Durch die Vermittlung in Programme oder Elterntrainings können hier Impulse gesetzt und Defizite ausgeglichen werden.

Durch gezielte und strukturierte Information (Faktenwissen!) über die Erkrankungen, ihre Behandelbarkeit und Auswirkungen auf das "System Familie" können nicht nur Ängste und Vorbehalte bei den Kindern abgebaut werden, sondern auch innerfamiliäre und auf das soziale Umfeld bezogen Haltungen verändern werden. Information über die Erkrankung gehört zu den präventiven Faktoren mit hoher Wirksamkeit.

Für beide Hilfesysteme gilt, dass darüber hinaus die Aufklärung der Öffentlichkeit über Situation und Unterstützungsbedarf der Kinder als wichtige Aufgabe angesehen wird. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sehen sich als engagierte Anwälte für die betroffenen Familien und gleichzeitig als Interessenvertretung gegenüber Öffentlichkeit und Politik.

Wie geht es weiter?

Von den Mitarbeitern aus allen Versorgungsbereichen wird die Zunahme von Eltern, die neben psychischer Erkrankung auch eine Suchtproblematik mitbringen, berichtet. Hier gibt es Handlungsbedarf, zumal diese Familien neben krankheitsbedingten Einschränkungen auch vielfältige andere Belastungen zu bewältigen haben und über wenige Ressourcen verfügen. Dabei die Perspektive der Kinder zu vertreten, erfordert eine enge und strukturierte Kooperation, nicht nur zwischen den Behandlern, der Eltern und der Jugendhilfe, sondern auch zwischen Suchthilfe, Erwachsenpsychiatrie und speziellen Angeboten für die Kinder und Jugendlichen in diesen Familien.

Desweiteren wurde die Notwendigkeit übergreifender Hilfen angesprochen. Dabei gab es kein Votum für eine flächendeckende Institutionalisierung von speziellen Angeboten für die Kinder. Es gilt, so weit wie möglich, auch hier "Normalität" zu vermitteln, das heißt Angebote in der Lebenswelt der Kinder (Gemeinde, Sportverein, Schule usw.) zu stärken und für die Belange der betroffenen Kinder und Jugendlichen zu sensibilisieren.

Hierbei sehen die Teilnehmer nach wie vor großen Handlungsbedarf. Wie erfahren Eltern und Multiplikatoren, was für Hilfen es gibt? Hierbei geht es zum einen um eine allgemeine Aufmerksamkeit für die Thematik, aber auch um die Vermittlung von Wissen und die Stärkung der Bereitschaft, Unterstützung und Hilfe, auch aktiv einzufordern.

Auch gegenüber der Politik sahen die Teilnehmer die Notwendigkeit, sich für die Belange der Familien und insbesondere der Kinder stark zu machen. Hier fehlt es nach wie vor an einer gemeinsamen Interessenvertretung. Ein Vorschlag war hier, die Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern als Lobby und Diskussionsplattform zu stärken. Aber auch der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker wird diesen Prozess im Rahmen seiner Möglichkeiten weiterhin begleiten und unterstützen.


Impulsreferate


Melanie Gorspott

Kinder psychisch kranker Eltern - Erfahrungen und Perspektiven

Melanie Gorspott ist Diplom-Sozialpädagogin und als Leiterin der Beratungsstelle AURYN in Leipzig tätig. Sie hat langjährige Erfahrung in der Arbeit mit betroffenen Familien und ist selbst betroffenes Kind.


Jaqueline Engelke

Kinder suchtkranker Eltern - Erfahrungen und Perspektiven

Jaqueline Engelke ist selbständige Journalistin und Psychologin und unter anderem für die Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe tätig. Sie hat an Projekten zum Thema "Kinder von Suchtkranken" mitgearbeitet.


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