Das Leitbild der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie


Mit psychisch Kranken leben – selbstbewusst und solidarisch.

Leid und Not zu lindern, Familien zu schützen und behinderten Menschen die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen - diese Normen sind in unserer Verfassung, den Gesetzen und im Bewusstsein der Gesellschaft verankert. Sie gelten auch für psychisch kranke Menschen.

Ihre Zahl ist nicht klein: In Deutschland leben rund eine halbe Million chronisch psychisch Kranke, die Mehrzahl davon in ihren Familien. Diese sind mit ihren Problemen und Belastungen oft alleingelassen und überfordert.

Schon vor Jahren haben sich vor diesem Hintergrund in allen Bundesländern Selbsthilfegruppen und Landesverbände gebildet, um sich gegenseitig zu stützen und die Interessen der Familien besser zu vertreten. 1985 wurde der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. gegründet.

Wer wir sind

Familien mit psychisch Kranken organisieren sich auf drei Ebenen:

  • auf lokaler und regionaler Ebene durch Selbsthilfegruppen. Sie bieten unmittelbar und vor Ort Hilfe und Entlastung durch Gespräch, Aufklärung und Information,
  • auf Landesebene durch die Landesverbände, die als Ansprechpartner für Angehörige fungieren, Aufklärungsarbeit leisten, Veranstaltungen organisieren und wichtige Aufgaben auf landespolitischer Ebene erfüllen,
  • auf Bundesebene durch den Bundesverband, der die Interessen der Familien auf nationaler Ebene und Informationsaufgaben gegenüber den Landesverbänden wahrnimmt.

Mitglieder des Bundesverbands sind die einzelnen Landesverbände. Oberstes Gremium ist die Mitgliederversammlung, die einmal jährlich tagt. Sie trifft alle wichtigen inhaltlichen, personellen und finanziellen Entscheidungen. Der Vorstand besteht aus sieben Mitgliedern, die – wie auch die Vorstände der Landesverbände – ehrenamtlich tätig sind.

Die Bundesgeschäftsstelle hat ihren Sitz in Bonn, in Berlin unterhält der Verband ein Pressebüro.

Der Bundesverband finanziert sich aus den Beiträgen seiner Mitglieder, Zuwendungen der öffentlichen Hand, Förderbeiträgen und Spenden. Die Mittel werden nach den Prinzipien der Gemeinnützigkeit, der Verantwortbarkeit, der Kostenminimierung und der Transparenz eingesetzt; ihre Verwendung wird in einem jährlichen Geschäftsbericht dokumentiert.

Was wir wollen

Wir berufen uns auf Artikel 3 des Grundgesetzes. Dort heißt es: Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. Dieser Grundsatz muss auch für psychisch kranke Menschen verwirklicht werden. Noch immer haben diese Menschen und ihre Familien unter Ausgrenzung und Stigmatisierung zu leiden. Der selbstverständliche, tolerante Umgang mit ihnen wird durch mangelndes Wissen insbesondere über Schizophrenie und Depressionen, durch Klischees und Vorurteile verhindert. Gegen diese Stigmatisierung und Diskriminierung kämpfen wir auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen.

Wir wollen aufgeklärte, solidarische und selbstbewusste Familien, die ihre Rechte kennen und die Hilfen einfordern, die sie zur Bewältigung ihrer schwierigen Lage brauchen. Unser Familienbegriff umfasst alle Mitglieder einer Familie – kranke wie gesunde. Das verstehen wir unter dem Begriff "Familien-Selbsthilfe Psychiatrie". Von psychischen Erkrankungen ist die ganze Familie betroffen. Daraus leiten wir für uns die Legitimation ab, auch die Interessen der erkrankten Familienmitglieder in der öffentlichen Diskussion vertreten zu wollen.

Psychisches Leiden und seelische Behinderung sind Teil der menschlichen Existenz, sie können nicht ignoriert oder negiert werden. Wir betrachten schwere psychische Störungen als Krankheit und treten dafür ein, dass sie als solche behandelt werden. Genau wie somatische Erkrankungen können sie in den meisten Fällen erfolgreich therapiert werden. Psychisch Kranke dürfen nicht schlechter gestellt und nicht weniger ernst genommen werden als somatisch Kranke. Sie haben Anspruch auf Behandlung nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, auf den Einsatz wirkungsvoller Medikamente mit möglichst geringen Nebenwirkungen und auf bestmögliche Rehabilitation.

Wir treten für das gleichberechtigte Gespräch zwischen Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten der psychiatrischen Versorgung ein. Darüber hinaus befürwortet der Verband den Dialog und die Zusammenarbeit mit Institutionen, die einen gesellschaftlichen Auftrag zur Unterstützung der Selbsthilfe haben, wie etwa Krankenkassen oder Exekutivorgane des Bundes.

Wir setzen uns gegenüber Behörden, Kostenträgern und politisch Verantwortlichen im einzelnen für folgende Ziele ein:

  • Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen,
  • gesellschaftliche und rechtliche Gleichstellung von somatisch und psychisch Kranken,
  • eine medizinische Versorgung psychisch Kranker, die sich am Stand der Forschung orientiert und die sowohl psychisch Kranke wie auch Angehörige ernst nimmt,
  • ein niedrigschwelliges, gemeindenahes und vernetztes Versorgungsangebot, das sich an den Bedürfnissen der Schwerkranken orientiert. Dieses Angebot soll von den primären Kostenträgern und nicht von den Trägern der Sozialhilfe finanziert werden,
  • die Anpassung der Gesetzgebung an die besonderen Bedürfnisse psychisch Kranker,
  • eine berufliche und soziale Sicherung, die psychisch Kranken und ihren Familien nicht nur einen ausreichenden Lebensstandard sichert, sondern ihnen auch die Teilhabe am Leben der Gemeinschaft ermöglicht.

Was wir tun

Erfahrungen von Angehörigen können für andere in ähnlicher Lage sehr nützlich sein. Ein wesentlicher Teil der Verbandsarbeit besteht darin, diesen Erfahrungsaustausch zu fördern. Er umfasst gegenseitige Unterstützung im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe, Aufklärung und Beratung.

Auf örtlicher Ebene geschieht das in den Selbsthilfegruppen. Bei der Bildung und Begleitung dieser Gruppen können die Landesverbände hilfreich sein. Diese informieren in eigenen Veranstaltungen zu fachlichen und landesspezifischen Themen. Auch der Bundesverband organisiert Informationsveranstaltungen zu therapeutischen, sozialrechtlichen und anderen Fragen. Auf diese Weise entsteht ein Netzwerk, das Familien aus der Isolation holt und ihnen auch in Krisen Halt gibt.

Wenn Erkrankte ihre Interessen nicht ausreichend vertreten können, müssen das die Angehörigen an ihrer Stelle tun. Der Bundesverband und die Landesverbände unterstützen sie dabei durch eigene Veröffentlichungen, kostenlose Beratung, Vermittlung von Partnern oder Kontakten, Adressen und Literaturhinweisen.

Eine Informationsquelle mit interner und externer Wirkung ist die Zeitschrift "Psychosoziale Umschau", deren Mitherausgeber der Bundesverband ist. Die Internet-Präsenz ist über das Psychiatrienetz www.psychiatrie.de gesichert. 

Die Arbeit von Landesverbänden und Bundesverband zielt auch darauf, das gesellschaftliche Umfeld zugunsten psychisch kranker Menschen und ihrer Familien zu verbessern. Dazu gehört unter anderem die Aufklärung der Öffentlichkeit über psychische Erkrankungen, um falsche Vorstellungen und Stigmatisierung abzubauen.

Aufgabe des Bundesverbands ist es weiterhin, die politischen Forderungen der Landesverbände auf Bundesebene zu vertreten und die Landesverbände mit Informationen aus seinem Arbeitsbereich zu versorgen. Dabei kooperiert der Verband mit allen Personen und Institutionen, die seine Ziele in ihrer Gesamtheit oder in bestimmten Bereichen unterstützen.

Wir tragen die Erfahrung und das Wissen der Angehörigen an Entscheidungsträger und Multiplikatoren heran, weisen auf Defizite, Mängel und Ungerechtigkeiten hin und treten für deren Beseitigung ein. Als Ansprechpartner stehen wir immer dann zur Verfügung, wenn es um Fragen psychischer Krankheit und deren Auswirkungen auf die Familien geht.

Repräsentanten des Bundesverbands arbeiten in internationalen Angehörigenverbänden wie EUFAMI (European Union of Families Organizations) und WFSAD (World Fellowship For Schizophrenia And Allied Disorders) mit.

Auf allen Ebenen der Familienselbsthilfe Psychiatrie sind Ehrenamtliche mit hohem Engagement tätig. Inzwischen ist die Familienselbsthilfe Psychiatrie zu einer Stimme geworden, die nicht mehr überhört werden kann. Familien mit psychisch Kranken nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und folgen der Devise:

Mit psychisch Kranken leben – selbstbewusst und solidarisch.

 

Bonn, November 2002

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