Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker
Text: Alexandra Chuonyo, Karl Heinz Möhrmann, Eva Straub, 2011

In den 80er Jahren begannen auch in Bayern Angehörige, sich in Gruppen zusammenzutun und sich öffentlich zu Wort zu melden, zu protestieren gegen Schuldzuweisungen, gegen Missachtung durch professionelle Helfer, gegen Verwahrpsychiatrie und gegen die ständigen Verletzungen der Würde von Patienten und Angehörigen.
1983 schlossen sich in München zwei Selbsthilfegruppen von Angehörigen zur "Aktionsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker, ihrer Freunde und Förderer München e. V." zusammen. Nach und nach bildeten sich etliche weitere Angehörigengruppen und auch einige Vereine. Das erste Bayerische Angehörigentreffen fand im Mai 1985 in Kaufbeuren statt. Am 10. November 1990 konnte in München die Gründung des "Landesverbandes Bayern APK e.V." vollzogen werden. 78 Angehörige aus ganz Bayern waren anwesend. 1991 zählte der bayerische Landesverband der Angehörigen bereits 301 Mitglieder. Die Mitgliederzahl ist seither langsam aber stetig angewachsen. Heute können wir mit Stolz mehr als 2.200 Mitglieder verzeichnen. 2002 konnten wir, dank der kontinuierlichen Unterstützung durch den Verband der Bayerischen Bezirke, eine eigene Geschäftsstelle einrichten. Im LV Bayern sind heute11 Angehörigenvereine und 12 assoziierte Selbsthilfegruppen, zusätzlich eine große Anzahl Einzelmitglieder vertreten. Mit der „Aktionsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker, ihrer Freunde und Förderer e.V. München“ haben wir den bundesweit größten lokalen Angehörigenverein als Mitglied. Die Zusammenarbeit wird durch jährliche Treffen des „Verbandsausschusses“, in welchem Vertreter aller Vereine und Gruppen vertreten sind, gewährleistet. Im Jahr 2010 konnte der bayerische Landesverband sein 20jähriges Bestehen feiern und mit Stolz auf viele Jahre erfolgreicher Selbsthilfearbeit zurückblicken. Jede Ortsorganisation bietet Einzel- und Gruppenberatungen an und hat ihre eigenen Veranstaltungen wie Vorträge, Besuche bei Tagungen, Kraft gebende Wochenend-Seminare und gemeinsame Ausflüge. Einzelne Ortsvereine führen auch regelmäßige Angehörigensprechstunden an Kliniken durch oder arbeiten aktiv in Beschwerdestellen mit.
Leistungen des Landesverbandes für seine Mitglieder
In der Stärkung der Selbsthilfetätigkeit dort, wo sie am meisten gebraucht wird, nämlich an der Basis in den Kommunen und Landkreisen, sieht der Landesverband eine große Dringlichkeit. Auch die Gruppen- und Vereinsleiter sind Laien und haben sich als Autodidakten in oft jahrelangem praktischem Tun Fähigkeiten der Gruppenleitung erworben. Ehrenamtliche Tätigkeit im Selbsthilfebereich ist jedoch gefordert, sich zunehmend zu professionalisieren. Die Anforderungen an die Gruppen- und Vereinsleiter nehmen stetig zu. Aus diesem Grund lädt der Landesverband regelmäßig die Gruppen- und Vereinsleiter bzw. weitere aktive Mitglieder zu Fortbildungsseminaren ein.
Unbeirrbar – das InfoForum des Landesverbandes
Die Mitglieder des Landesverbandes erhalten für ihren Mitgliedsbeitrag die viermal jährlich erscheinende Verbandszeitschrift unbeirrbar. Die Zeitschrift erscheint in einem professionell anmutenden Äußeren und mit inhaltlichem Schwerpunkt auf psychiatrischen und politischen Ereignissen in Bayern, Kurznotizen und Analysen, Berichten von Angehörigen, Betroffenen und Profis und vielem mehr. Unbeirrbar dient insbesondere dem ständigen Informieren und dem Einbinden der Mitglieder in die rasante Entwicklung in der Psychiatrie und in der Sozialpolitik. Dank des großen ehrenamtlichen Engagements gelingt es dem Landesverband, diese Verbandszeitschrift, in eigener Regie und ohne Sponsormittel zu erstellen, drucken zu lassen und an einen großen Interessentenkreis zu versenden.
Zusätzlich erhalten unsere Mitglieder die „Psychosoziale Umschau“, die Beiträge zur psychiatrischen Entwicklung, zu sozialrechtlichen Themen und Berichte von und über Angehörige und Psychiatrie-Erfahrene enthält.
Seminare zu ausgewählten Themen
Seit dem Jahr 2008 bietet der Landesverband den Mitgliedern jährlich mehrere Tages-Seminare zu ausgewählten Themen an. Diese können rechtlicher Art sein, ein spezielles Krankheitsbild näher beleuchten oder den Umgang mit dem erkrankten Angehörigen betreffen. Die Seminare sind eine wichtige Ergänzung zu den Selbsthilfegruppen. Sie werden von Fachleuten (Ärzten, Psychologen, Juristen) moderiert und bieten aufgrund der Dauer von einem ganzen Tag und der begrenzten Teilnehmerzahl die Möglichkeit, sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen. Im Jahr 2010 bot der Landesverband vier Angehörigenseminare an: „Paar-Sein mit einem psychisch erkrankten Partner“, „Umgang mit suizidalem Verhalten“, „Burnout muss nicht sein“ und „Leben auf der Grenze – Borderline besser verstehen“.
Psychoedukation durch erfahrene Angehörige
Besonders zu erwähnen sind die laufend angebotenen psychoedukativen Schulungen von Angehörigen für Angehörige unter dem Namen: „Angehörige informieren Angehörige (AiA)“. Besonders motivierte Angehörigen wurden zu Psychoedukations-Moderatoren für „Schizophrenie“ oder „Depression“ ausgebildet. Sie führen nun schon seit Jahren “AiA“- Psychoedukationsveranstaltungen für Angehörige in ihrer Region durch. Diese Veranstaltungen finden mit Unterstützung der Psychiatrischen Klinik rechts der Isar in München statt.
Sozialrechtliche Erstberatung
Seit 01.10.2008 bieten wir unseren Mitgliedern eine kostenlose sozialrechtliche Erstberatung durch einen Rechtsanwalt an. Dieses Angebot besteht zum einen in einer telefonischen Beratung und zum anderen in der persönlichen Beratungsmöglichkeit bei vom Landesverband veranstalteten Tagungen. Viele Mitglieder nehmen dieses Angebot in Anspruch und sind dankbar über die fundierten Auskünfte auf ihre rechtlichen Fragen, die im Zusammenhang mit der psychischen Erkrankung entstehen.
Angebote für alle Angehörigen
Angehörigenberatung
Die allen Angehörigen zugängliche individuelle telefonische und persönliche Beratung durch Vorstandsmitglieder in unserer Geschäftsstelle stellt einen Schwerpunkt der ehrenamtlichen Vorstandsarbeit dar. Zusätzlich zu diesen Beratungen erteilt die Geschäftsstellenleiterin vielen Ratsuchenden Sachauskünfte zum System der psychiatrischen Hilfen. Und ergänzend dazu führen die einzelnen Vereins- und Gruppenleiter Beratungen auf regionaler Ebene durch. Mit diesem dreigliedrigem Angebot ist gewährleistet, dass alle Ratsuchenden – unabhängig von einer Mitgliedschaft im Landesverband – Hilfe finden.
Veranstaltungen und Tagungen
Zur Aufklärung und Information der Angehörigen bietet der Landesverband mehrmals jährlich in verschiedenen Regionen Bayerns Regionaltreffen und einmal jährlich ein Landestreffen an. Neben Fachvorträgen haben Angehörige bei diesen Tagungen immer auch die Möglichkeit, ihre persönlichen Fragen vorzubringen. Im Jahre 2010 führte der Landesverband ein Regionaltreffen in Mühldorf am 23.01.2010 zum Thema „Hilfen in der Region – und was haben die Familien davon?“ sowie ein Regionaltreffen in Nürnberg zum Thema „Klinik- und was dann?“ sowie das Landestreffen in München zum Thema „Angehörige zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ durch. Dieser Tagungsrhytmus mit zwei Regionaltreffen und einem Landestreffen wird auch in diesem Jahr, 2011, fortgesetzt. Ein besonderes Highlight wird das gemeinsam mit dem Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V. durchgeführte Landestreffen in Aschaffenburg zum Thema „Wenn Ängste das Leben bestimmen“ sein. Im Anschluss an das Landestreffen findet jeweils die jährliche Mitgliederversammlung des Landesverbandes statt.
Vorträge bei Angehörigengruppen
Nur ein Teil der Angehörigengruppen in Bayern sind reine Selbsthilfegruppen. Sie werden unter dem Begriff „assoziierte Gruppen im Landesverband“ geführt. Darüber hinaus gibt es etliche Angehörigengruppen in Bayern, mit denen der Landesverband eng zusammenarbeitet. Sie werden von Mitarbeitern von Sozialpsychiatrischen Diensten geleitet und andere sind bei psychiatrischen Krankenhäusern angesiedelt. Welche Organisationsform sie auch haben, Teilnehmer von Angehörigengruppen haben oft den Wunsch, mit dem Landesverband in Verbindung zu treten und über seine Arbeit informiert zu werden. Sie kommen damit dem Anliegen des Landesverbandes entgegen, die Verbindung zu Angehörigengruppen im ganzen Land zu intensivieren. So besuchen die Vorsitzenden regelmäßig Angehörigengruppen in Bayern und halten dort Vorträge zu ausgewählten angehörigenrelevanten Themen.
Projekt „Eltern helfen Eltern“
Unter diesem Motto bietet der Landesverband nun bereits seit Oktober 2006 in der Herzogsägmühle (Zentrum für medizinisch berufliche Rehabilitation für Menschen mit seelischer Erkrankung nahe Peiting/Obb) bei den dort monatlich stattfindenden Informationsveranstaltungen Angehörigenberatung an.
Herausgabe von Broschüren
Selbstverständlich haben wir ein Faltblatt und eine Broschüre, welche den Landesverband und seine Ziele vorstellen und vornehmlich der Erhöhung unseres Bekanntheitsgrades und der Werbung neuer Mitglieder dienen.
Aus Anlass des 20-jährigen Bestehens des Landesverbandes wurde die Jubiläumsschrift „Angehörige zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ erstellt. Sie enthält neben einem Rückblick und Ausblick auf die Angehörigen-Selbsthilfe in Bayern eine Anzahl an Artikeln, von welchen wir glauben, dass sie für Angehörige psychisch kranker Menschen von Interesse sind. Die Broschüre ist über die Geschäftsstelle des Landesverbandes zu beziehen.
In den Broschüren „Besser miteinander zurechtkommen“ und „Und wer fragt nach mir?“ geht es um die Rolle, die Angehörige für ihre psychisch erkrankten Nahestehenden einnehmen können, und wie sie selber damit zurecht kommen ohne sich zu überfordern.“
Mit der Broschüre „Angehörige zwischen Sorge und Hoffnung – Angehörige begegnen dem psychiatrischen Krankenhaus“ wollen wir Angehörigen und Freunden von psychisch kranken Menschen die Unsicherheit und Angst vor dem unbekannten Terrain „psychiatrisches Krankenhaus“ nehmen, indem wir über die Arbeitsweise in „der Psychiatrie“ sprechen und uralte Vorurteile diesbezüglich entkräften. Darüber hinaus werden Wege für eine entspannte und partnerschaftliche Begegnung zwischen Angehörigen und Klinikmitarbeitern und umgekehrt aufgezeigt.
Unter der inhaltlichen Mitwirkung des LV Bayern ApK entstanden ferner der „Wegweiser Psychotherapie für Migrantinnen / Migranten", herausgegeben vom BKK Landesverband Bayern, dem Bayerische Gesundheitsministerium und dem Ethno-Medizinischen Zentrum, sowie der deutschsprachige „Wegweiser Psychotherapie“ des BKK Landesverbandes Bayern.
Forensik-Initiative
2010 wurde auf Anregung eines Mitglieds unseres Landesverbandes eine bundesweite „Initiative Forensik“ von Angehörigen forensisch untergebrachter Patienten ins Leben gerufen. Der Landesverband begrüßt und unterstützt diese Initiative, welche inzwischen auch bereits zur Bildung mehrerer Selbsthilfegruppen von Angehörigen in Bayern geführt hat.
Aufklärungsarbeit
Da in der Öffentlichkeit noch immer viel Unkenntnis über psychische Erkrankung herrscht und diese zur Stigmatisierung von psychisch kranken Menschen und ihren Angehörigen führen kann, ist der Landesverband immer bemüht, in ausgewählten Fachkreisen und bei der Allgemeinbevölkerung Aufklärungsarbeit zu leisten. Der Landesverband beteiligt sich auch an den Informationsveranstaltungen der Bayerischen Anti-Stigma-Bewegung an der Polizeifachschule in Fürstenfeldbruck sowie an Vortragsveranstaltungen an Schulen zum Thema „Psychische Erkrankungen“.
Vorstandsmitglieder führten Gespräche im Kultusministerium Bayern, um über Aufklärungsarbeit an Schulen zu sprechen. Insbesondere wurde für jeden Regierungsbezirk ein Angehörigen-Ansprechpartner benannt, der über die staatl. Schulberatungsstellen kontaktiert werden kann. Weitere Projekte zur Aufklärungsarbeit in Schulen sind in Planung.
„Wandern mit Charly“
Als neues Angebot bietet der Landesverband seit April 2010 monatlich eine Wanderung im Münchner Umland für interessierte Angehörige und deren betroffene Familienmitglieder an. Diese dient dem gegenseitigen Kennenlernen und soll aber auch die Möglichkeit bieten, neben den Gesprächen über die eigenen Sorgen „die Seele baumeln zu lassen“.
Finanzierung
Effektive Selbsthilfearbeit ist mit ehrenamtlichem Engagement allein nicht zu erreichen. Sie ginge in den vielfältigen professionellen Angeboten unter, und doch ist sie unverzichtbar und mit Geld gar nicht zu bezahlen. Niemand sonst kann sie tun als die Selbst-Erfahrenen selber. Die aufgeführten Aktivitäten sind nur mit finanziellen Ressourcen zu ermöglichen. Ohne die öffentliche Förderung durch die Regierung von Oberbayern, die bayerischen Bezirke und die Selbsthilfeförderung durch die Krankenkassen wären all diese Tätigkeiten nicht möglich. Eine Förderung irgendwelcher Art durch Unternehmen der Pharmaindustrie findet seit 2011 nicht mehr statt.
Der Landesverband ist dankbar für das Bestehen des „Fördervereins des Landesverbandes Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e.V.“, der die Ziele und Aufgaben des Landesverbandes fördert und insbesondere die Herausgabe der Verbandszeitschrift unbeirrbar ermöglicht.
Kooperation mit anderen Verbänden
Auch über unsere Mitgliedschaft im Paritätischen Wohlfahrtsverband, Landesverband Bayern e.V., können wir Einfluss auf die Geschehnisse im Gesundheitswesen und in der Psychiatrie nehmen.
Der 1. Vorsitzende ist zugleich Mitglied im Vorstand der „Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung und ihrer Angehörigen in Bayern e.V.“ (LAG Selbsthilfe), dem bayerischen Dachverband der Behinderten-Selbsthilfe mit mehr als 100 Mitgliedsorganisationen und geschätzt mehr als einer halben Million Mitglieder. Ein Vorstandsmitglied ist Mitglied im Bayerischen Landesbehindertenrat.
Da es zu einigen psychischen Erkrankungen andere Fachverbände gibt, bestehen seit 2008 Kooperationsvereinbarungen mit der „Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen – DGBS“, der „Deutschen Alzheimer Gesellschaft Landesverband Bayern e.V.“ und der „Alzheimer Gesellschaft München e.V.“. Diese Kooperationen dienen dazu, dass wir unseren Mitgliedern die jeweils beste Hilfe anbieten können.
Im „Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker e.V.“ ist der Landesverband Bayern mit zwei Mitgliedern im Vorstand vertreten.
Öffentlichkeitsarbeit
Durch Pressemitteilungen, durch Veröffentlichungen in Zeitschriften über die Angehörigen-Selbsthilfe, durch den Versand von Informationsbroschüren an psychiatrische Einrichtungen und allgemeine Beratungsstellen ist der Landesverband ständig bemüht, seinen Bekanntheitsgrad zu erhöhen und auf die besondere Situation psychisch kranker Menschen und ihrer Angehörigen aufmerksam zu machen.
Zudem führte der Landesverband im Jahr 2010 eine Umfrage bei allen bayerischen psychiatrischen Kliniken zum Thema „Einbindung der Angehörigen in die stationäre Behandlung“ durch. In Zusammenhang mit dieser Umfrage wurde eine Besuchsreihe bei allen Klinikdirektoren gestartet, um den Landesverband vorzustellen und die Frage der Einbeziehung der Angehörigen im persönlichen Gespräch zu klären.
Potentiell interessant ist der Einsatz der „neuen Medien“ auch im Bereich der Angehörigen-Selbsthilfe. Wir haben versucht, ein Internet-Forum für Angehörige zu installieren, diese Aktivität aber mangels hinreichender Beteiligung wieder einstellen müssen. Zur Verbesserung unserer „public relations“ Aktivitäten führten wir 2011 ein Seminar Angehörigen-Selbsthilfe nach außen vertreten“ mit Beate Lisofsky vom Bundesverband der Angehörigen als kompetente Referentin durch.
Politische Arbeit
Der Landesverband setzt sich auf politischer Ebene für eine bessere Versorgung psychisch kranker Menschen und für eine intensivere Unterstützung und bessere Lebensqualität der Angehörigen ein. Zur Erreichung dieses Zieles ist der Landesverband im regelmäßigen Austausch mit politischen und medizinischen Gremien. So werden laufend Kontakte zu politischen Organisationen wie dem Verband der bayerischen Bezirke, dem Bezirk Oberbayern, zur Kassenärztlichen Vereinigung Bayern und den bayerischen Ministerien für Arbeit und Soziales sowie für Umwelt und Gesundheit gepflegt. Der Wechsel der Zuständigkeit für psychiatrische Themen vom Sozial- zum Gesundheitsministerium bereitet uns derzeit gewisse Probleme. Selbstverständlich bestehen zahlreiche Kontakte zu politischen Vertretern der im Landtag vertretenen Parteien sowie zu den Leitungen der bayerischen Bezirke.
Mitglieder des Vorstandes sind in zahlreichen politischen Gremien in Bayern vertreten, so z. B. im „Expertenkreis Psychiatrie“ des bayerischen Ministeriums für Gesundheit und Umwelt. Wir sind auch vertreten im Arbeitskreis zur Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung beim Verband der bayerischen Bezirke. Dies ist von besonderer Bedeutung, da die psychiatrischen Kliniken in Bayern (die sogen. „Bezirkskrankenhäuser“ mit Aufnahmeverpflichtung), weitgehend in der Zuständigkeit der Bezirke liegen (Ausnahme: einige privatwirtschaftlich organisierte Kliniken, Universitätskliniken und Kliniken, die zu einer sonstigen Forschungseinrichtung, z B. zu einem Max-Planck-Institut, gehören). Vertreter des Landesverbandes haben wesentlich mitgewirkt bei der Erarbeitung der Grundsätze zur Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in Bayern. Damit wird der Zweite Bayerische Landesplan zur Versorgung psychisch Kranker und psychisch Behinderter von 1990 fortgeschrieben. Selbstverständlich haben wir regelmäßige Kontakte zu allen psychiatrischen Kliniken in Bayern. Die Vertreter(innen) des Landesverbandes werden allseits als konstruktive Partner respektiert und ernstgenommen.
Die politische Arbeit wird durch die regionale Aufteilung Bayerns in sieben weitgehend selbständige Regierungsbezirke und die unterschiedlichen Zuständigkeiten durch Bezirke, Landkreise und Kommunen erschwert. Wir sind überall mit eingebunden, können aber wegen des Fehlens einer hinreichenden Zahl aktiver Mitarbeiter nicht überall so aktiv werden, wie wir uns das wünschen – daher werden „viele Gremien von wenigen bedient“. Die regionale Vertretung wird in der Regel durch aktive Mitglieder aus dem jeweiligen Bezirk wahrgenommen. Erste Ansätze einer an die politische Struktur angepassten Organisation ergeben sich durch die Gründung regionaler Angehörigen-Initiativen in einzelnen Bezirken (Unterfränkische Initiative; Oberbayerische Initiative), welche jedoch weitgehend selbstständig und ohne Einbeziehung des Landesverbandes aber in ständigem Kontakt mit ihm, agieren.
Themen, die uns bewegen
Das in den vorhergehenden Abschnitten Gesagte soll, bei aller Freude und Dankbarkeit für die bisher erzielten Erfolge, nicht heißen, dass wir mit der gegenwärtigen Situation zufrieden sein können.
Die Belastung der Angehörigen durch die psychische Erkrankung eines Familienmitglieds oder eines Partners ist nach wie vor enorm, zumal bei vielen Patienten wenig oder keine Krankheitseinsicht oder Behandlungsbereitschaft vorhanden ist. Insbesondere bei Ersterkrankungen kann es manchmal lange Zeit dauern, bis sich endlich die Möglichkeit einer Behandlung und Besserung eröffnet. Die emotional eng mit den Betroffenen verbundenen Angehörigen müssen es mit der/dem Erkrankten und den Begleitumständen der Erkrankung hautnah aushalten, ob sie nun wollen oder nicht.
Häufig tun sich die Angehörigen außerordentlich schwer, eine solche Krankheit zu verstehen und damit umzugehen, zumal psychische Erkrankungen in Teilen der Öffentlichkeit immer noch als Makel betrachtet werden. Auch die Medien tragen leider das Ihrige zu diesem falschen Bild bei. Die Angehörigen fragen sich, ob und inwieweit sie denn selbst schuld oder mitschuldig am Ausbruch der Krankheit sind - es entstehen Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen. Dazu kommt eine ständige Angst: „Was wird werden? Wie wird es weitergehen? Ist die Erkrankung ein einmaliges Ereignis oder eine lebenslange Behinderung?“. Wer jemals ein akut manisches Familienmitglied erlebt hat, kann auch die Angst der Angehörigen vor der nächsten akuten Episode des/der Betroffenen nur allzu gut verstehen.
In vielen Fällen ist das Verbringen eines akut Erkrankten in professionelle Behandlung außerordentlich schwierig. In vielen Regionen Bayerns gibt es immer noch keinen psychiatrischen Notdienst oder ambulanten Krisendienst. Ein herbeigerufener Arzt gehört einer ganz anderen Fachrichtung an, versteht nichts von psychischen Erkrankungen und weigert sich, eine Einweisung in die Psychiatrie auszustellen. Die Polizei kann und will aus guten Gründen nicht eingreifen, solange keine offensichtliche Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt. Oft muss “erst etwas passieren“, bis ein Betroffener endlich eine angemessene Behandlung bekommt.
Haben die Angehörigen es endlich geschafft, den Betroffenen „irgendwie“ in Behandlung zu bringen, ist es noch gar nicht gesagt, dass sie die Hilfe finden, die sie eigentlich erwartet haben. Leider ist, wie bereits vorne erwähnt, in vielen Fällen der Arzt oder Psychotherapeut immer noch weder willens noch bereit oder fähig, sich mit den Problemen und der Sicht der Angehörigen auseinanderzusetzen. Oft ist er einfach überlastet. Auch wird manchmal die ärztliche Schweigepflicht vorgeschoben.
Bei der stationären Versorgung haben wir das besondere Problem, dass der Aufbau einer Vertrauensbeziehung wie bei der ambulanten Versorgung aufgrund der heutzutage in der Regel doch relativ kurzen Verweildauer und aufgrund des häufigen Personalwechsels in der Klinik nicht ohne weiteres möglich ist.
Wir erleben es in manchen Kliniken leider immer noch, dass Patienten kurzfristig ohne Ankündigung und ohne Absprache mit dem Angehörigen entlassen werden, ohne dass vorher irgendein Konzept über das weitere mögliche Vorgehen und die längerfristige Perspektive diskutiert wurde. Ein Hinwirken auf eine Krankheitseinsicht ist häufig Illusion.
Die ständige Verkürzung der mittleren Verweildauer aufgrund des Drucks der Kostenträger führt in manchen Fällen zur „Drehtürpsychiatrie“, das heißt, dass der Betroffene aufgrund zu früher Entlassung nach kurzer Zeit akut rückfällig wird und erneut in die Klinik eingeliefert werden muss. Dieses Vorgehen, welches volkswirtschaftlich unsinnig und gegenüber Betroffenen und Angehörigen unmenschlich ist, wird gelegentlich seltsamerweise auch noch unter dem Stichwort “Qualitätssicherung“ verkauft! Wenn die Verweildauer schon verkürzt wird, so muss Betroffenen und Angehörigen auch mehr Hilfe (z. B. Übergangseinrichtungen, Tagkliniken, ambulante Krisenintervention, aufsuchende Hilfen usw.) zur Verfügung gestellt werden, um mit der veränderten Situation zurecht kommen zu können. Hier sehen wir in Anbetracht des derzeitigen Geldmangels ein zunehmendes Problem auf Patienten und Angehörige zukommen.
Als beunruhigend empfinden wir den zunehmenden Mangel an Psychiatern, vor allem in ländlichen Gegenden. Hier ist in den nächsten Jahren mit einem Versorgungsengpass zu rechnen. Dass trotzdem von Seiten der niedergelassenen Ärzte, offensichtlich aus Furcht vor Konkurrenz, derzeit gegen die psychiatrischen Institutsambulanzen Front gemacht wird, kann uns daher nicht recht sein und wir haben uns in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband gegen einschränkende Maßnahmen für die PIAs ausgesprochen.
Die Gründung und Aufrechterhaltung neuer Selbsthilfegruppen war und ist schwierig. Auch hier ist entscheidend, dass eine Person vor Ort verfügbar ist, welche willens und bereit ist, das Management und die Moderation zu übernehmen. Die Frage, inwieweit solche Gruppen angesichts der inzwischen vielgestaltigen Informationsmöglichkeiten heute noch zeitgemäß sind, bewegt nicht nur uns sondern auch unsere Kollegen in den anderen Landesverbänden und im Bundesverband. Wir werden weiter intensiv daran arbeiten, wie wir unsere Selbsthilfebewegung für Angehörige attraktiv machen können.
Profis und Angehörige beginnen zunehmend, sich um bestimmte Gruppen von Betroffenen und Angehörigen zu kümmern (z.B. um Kinder psychisch kranker Eltern). Es gibt inzwischen, zumindest in den größeren Städten, spezielle Selbsthilfegruppen für Kinder oder Geschwister von psychisch kranken Menschen, aber auch für Patienten mit speziellen Krankheitsbildern und deren Angehörige (Bipolare Störung, Schizophrenie, Borderline-Störung usw.).
Für Bayern existiert derzeit kein Psychiatrieplan. Die weiter oben erwähnten „Psychiatrie-Grundsätze“ sind unverbindliche Empfehlungen ohne Rechtskraft. Bayern ist zudem eines der wenigen Bundesländer ohne ein Psychisch-Kranken-Gesetz (PsychKG). Die Unterbringung öffentlich-rechtlicher Natur in einem psychiatrischen Krankenhaus erfolgt nach dem Bayerischen Unterbringungsgesetz. Wir fordern seit Jahren ein PsychKG für Bayern.
Die Ratifizierung der neuen UN-Behindertenrechtskonvention durch die BRD wird mit einiger Sicherheit zu Änderungen im Betreuungs- und Unterbringungsrecht sowie in den PsychKGs der Bundesländer führen. Der bisherige Entwurf eines „Aktionsplans für Schwerpunkte der bayerischen Politik für Menschen mit Behinderung im Lichte der UN- Behindertenrechtskonvention“ berücksichtigt unseres Erachtens die Belange psychisch kranker Menschen nur unzureichend. Wir haben daher beim federführenden Ministerium einen ergänzenden Textvorschlag betr. Die Einbeziehung psychischer Behinderungen eingereicht.
Derzeit ändert das bayerische Sozialministerium seine Förderpolitik und streicht die Förderung von Freizeitmaßnahmen für psychisch Kranke. Hiervon sind zahlreiche Institutionen betroffen, zumal die Bezirke sich voraussichtlich weigern, diese Förderung zu übernehmen. Wir haben dagegen Einspruch eingelegt und werden dies in Zusammenarbeit mit den Wohlfahrtsverbänden weiter verfolgen.
In Bayern gibt es bisher keine Besuchskommissionen, die vergleichbar mit anderen Bundesländern wie NRW oder Schleswig-Holstein sind. Wir haben dies – bisher vergeblich – angemahnt.
Problematisch bei derlei Aktionen ist jedoch, dass wir zwar die Beteiligung an allen möglichen Aktionen und bei allen möglichen Gremien fordern, im Ernstfall aber schnell Probleme bekommen, solche Aktivitäten personell zu besetzen, da es auch bei uns zu wenig Angehörige gibt, die bereit und in der Lage wären, sich aktiv einzusetzen (siehe auch die Anmerkung im vorigen Abschnitt). Typisch ist der Wunsch einzelner Kliniken nach Einrichtung von regelmäßigen Angehörigensprechstunden. Nur – wer soll’s machen?
Das schönste Geschenk wäre, wenn die Verhältnisse im Gesundheitswesen und in der Psychiatrie sowie die Haltung der Bevölkerung gegenüber psychischen Erkrankungen irgendwann so rosig wären, dass man unseren Landesverband schlicht nicht mehr braucht und wir unsere Geschäftsstelle auflösen könnten. Das ist aber leider eine weltfremde Illusion.
