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Es, Ich und Über-Ich

Freud hat ein dreistufiges Strukturmodell der Persönlichkeit entwickelt: Das Es, das Ich und das Über-Ich beschreiben unterschiedliche Persönlichkeitsanteile.

  • Die innersten, unkontrollierten Triebe und Körperenergien werden als das Es bezeichnet.
  • Das Über-Ich repräsentiert die übergeordneten normativen Instanzen, beinhaltet moralische Regeln und Gesetze (Gewissen) und hält das anarchistische Es unter Kontrolle.
  • Das Ich stellt die Entscheidungsinstanz zwischen gierig drängenden Es-Impulsen und streng kontrollierenden Über-Ich-Grenzen dar, es stellt den Kompromiss her zwischen der notwendigen individuellen Bedürfnisbefriedigung und den Ansprüchen des Gemeinwesens, die z. B. durch gesellschaftliche Normen vertreten werden.

Dem Es wiederum hat Freud einen konstruktiven und einen destruktiven Trieb zugeordnet. Grundsätzlich unterscheidet er zwischen »Eros«, dem Liebestrieb, und »Thanatos«, dem Todestrieb. Eros ist der Fortpflanzungstrieb, der nach dem Lustprinzip funktioniert. Als »Libido« wird die Energie bezeichnet, die von diesem Trieb gespeist wird. Quellen der Libido sind die unterschiedlichen erogenen Zonen. Die Libido macht im Laufe des Heranwachsens einen Veränderungsprozess durch.

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Erogene Zonen

Je nach Alter gewinnt eine weitere erogene Zone Bedeutung für die Bedürfnisbefriedigung. In der oralen Phase z. B. ist der Mund (Saugen an der Mutterbrust) die erste und wichtigste erogene Zone. Die orale Phase wird abgelöst von der analen Phase, wo es zusätzlich um Lustgewinn bei der Ausscheidung geht. Die phallische Phase (nur bei Jungen!) und die genitale Phase in der Pubertät markieren dann den Übergang zu einer auf andere Personen gerichteten Form von Sexualität.

Mit dem Todestrieb Thanatos versucht Freud die zerstörerischen Energien des Menschen (gegen sich selber und andere) zu erklären. Wenn sich diese destruktive Energie nach außen wendet, wird von Aggression gesprochen. Freud geht bereits davon aus, dass es krank macht, wenn Aggressionen zu sehr unterdrückt werden und nicht zum Ausdruck kommen.

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Trieblehre

Obwohl der Triebbegriff populärwissenschaftlich häufig verwendet wird, spielt Freuds Trieblehre in der modernen Psychotherapie keine zentrale Rolle mehr. Anders ist es mit der Hypnose. Freud selber hat sich von der Hypnose als therapeutischem Mittel relativ bald verabschiedet. Die Erwartung, einen Menschen durch Suggestion heilsam manipulieren zu können, hatte sich in dieser Form nicht erfüllt. In der Hypnotherapie wird diese Idee jedoch mit anderen Mitteln ganz erfolgreich weiterverfolgt (siehe dort).

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Psychoanalytische Schulen

Von einigen Schülern Freuds wurden verschiedene theoretische Konzepte zu eigenständigen Verfahren mit unterschiedlichen Schwerpunkten entwickelt. Der Individualpsychologe Alfred Adler (1870–1937) z. B. prägte Begriffe wie »Minderwertigkeitsgefühl « und »Geltungsstreben«. Er schrieb den sozioökonomischen Bedingungen einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung individueller Störungen zu. Adlers Theorien sind auch eine Grundlage der humanistischen Therapien.

Carl Gustav Jung (1875–1961) grenzte sich schon relativ früh von Freund ab. Er verstand unter Libido nicht nur den reinen Sexualtrieb, sondern den psychischen Antrieb generell. Für ihn war die Entwicklung des Individuums darauf ausgerichtet, die individuell angelegten Strukturen in einem Prozess der Selbstverwirklichung zur Geltung zu bringen. Über das individuelle Unbewusste hinaus beschreibt er das »kollektive Unbewusste« mit seinen Archetypen als kulturell übergreifende Gemeinsamkeiten unbewusster Inhalte.

Ein weiteres tiefenpsychologisch begründetes Therapieverfahren ist die Transaktionsanalyse von Eric Berne (1910–1970).Häufig auftauchende Begriffe wie »Kind-Ich« (unkontrollierter, frühkindlich geprägter emotionaler Anteil der Persönlichkeit), »Erwachsenen-Ich« (kognitive, rationale Steuerung) und »Eltern- Ich« (erlernte Wertvorstellungen und Normen) entstammen diesem Ansatz.

In einem genau festgelegten Verfahren (Strukturanalyse, Kommunikationsmodell, Spielanalyse, Skriptanalyse) wird eine Diagnose der Persönlichkeitsgrundmuster erstellt. Im therapeutischen Prozess geht es dann um die Offenlegung und Veränderung der dysfunktionalen Strukturen. In der Transaktionsanalyse wird die Ganzheitlichkeit und Einzigartigkeit der Person stark betont und das Wachstum der Persönlichkeit durch Selbstverwirklichung und Übernahme von Eigenverantwortung gefördert. Damit zeigt sich eine große Nähe zur humanistischen Psychologie.

Neben den sogenannten Freudianern gewannen die Neoanalytiker im Laufe der Zeit eine immer größere Bedeutung. Karen Horney z. B. hat schon sehr früh den sozialpsychologischen Aspekten und Umwelteinflüssen eine wichtige Rolle bei der individuellen Entwicklung zugeschrieben. Aus dieser Richtung wurde auch immer wieder eine Verkürzung der langen Psychoanalysen für notwendig erachtet.

Andere Psychoanalytikerinnen wie z. B. Anna Freud, Melanie Klein oder Virginia Axline haben die Entwicklung der Psychoanalyse ebenfalls maßgeblich geprägt. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde ihre Arbeit entsprechend gewürdigt.

Wie schon eine kleine Auswahl aus der großen Zahl der Schüler und Schülerinnen Freuds zeigt, gibt es »die« Psychoanalyse nicht, sondern viele unterschiedliche Richtungen. Je nach Interesse und Zeitgeist wurde die Psychoanalyse weiterentwickelt.

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Psychoanalytische Begriffe

Einige zentrale Begriffe aus der Psychoanalyse wie z. B. »Unterbewusstsein «, »Neurose«, »Verdrängung« oder »Traumdeutung « haben dabei Eingang in die Alltagssprache gefunden, und es hat sich ein lockerer, oft missverständlicher Umgang mit ihnen entwickelt. In einer psychoanalytischen Therapie haben diese Begriffe aber eine spezifische Bedeutung und machen nur im Zusammenhang mit dem Gesamtmodell Sinn.

Das analytische Modell geht von der Annahme aus, dass es bei einer frühkindlichen psychosexuellen Fehlentwicklung in der Pubertät und im Erwachsenenalter zu einer Störung kommen kann, die als Neurose sichtbar wird.

Wenn z. B. in der Sauberkeitserziehung beim Kleinkind sehr viel Druck ausgeübt wird und das Kind diese Fremdkontrolle mit viel Wut und Angst erlebt, kann das ein Baustein für die Entwicklung von zwanghaften Persönlichkeitszügen bis hin zu einer Zwangsneurose sein. Bei diesem Kind hat eine Fixierung (Hemmung in der psycho-sexuellen Entwicklung) in der analen Phase stattgefunden. Wenn es im Erwachsenenalter zu schweren Frustrationen und Konflikten kommt, dann wird auf diese Fixierungen zurückgegriffen. Diese Regressionen sind Wiederbelebungen früherer Entwicklungsstufen. Sie werden als »unreifes« und nicht angemessenes, neurotisches Verhalten im Erwachsenenalter sichtbar. Gleichwohl gibt es keine fachliche, international gültige Definition von Neurose im Sinne einer Diagnose, wie es etwa die Depression, die Psychose oder die Essstörung ist.

Trotzdem wird häufig von einer Neurose gesprochen, meistens dann, wenn weder eine klar definierbare Psychose noch eine organisch bedingte psychische Veränderung vorliegen, die psychischen Probleme aber über eine eingegrenzte Verhaltensstörung hinausgehen.

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Das Unterbewusstsein

Das Unterbewusstsein ist eine komplexe, vernetzte Gedächtnisstruktur, die im Alltag nicht ohne weiteres bewusst abrufbar ist. Dennoch ist sie wirksam und beeinflusst unser Erleben und Verhalten maßgeblich. Die im Unterbewusstsein befindlichen emotionalen Traumata (unbewältigte, sehr belastende Erfahrungen), die meistens aus der Kindheit stammen, müssen bewusst gemacht und die daraus resultierenden Konflikte gelöst werden, um zu einem zufriedenen Erleben und sinnvollen Verhalten zu gelangen.

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Threapie von Traumata

Bei der Therapie von Traumata werden auch die familiären und soziokulturellen Bedingungen berücksichtigt. Die auftretenden Symptome werden durchgearbeitet, integriert und damit aufgehoben. Es kommt zu Übertragungen, d. h. der Klient verhält sich dem Therapeuten gegenüber so, wie er sich z. B. in der Kindheit dem dominanten Vater gegenüber verhalten hat. Im therapeutischen Prozess werden unbewusste Konflikte in der aktuellen Beziehung zum Therapeuten wiedererlebt und ausgedrückt (Übertragungsbeziehung).

Der Klient wiederholt also mit dem Therapeuten Beziehungsmuster, die z. B. auf einer frühkindlichen Traumatisierung beruhen. Dabei werden möglicherweise bestimmte Abwehrmechanismen wie Verdrängung, Projektion und Verleugnung sichtbar. Der Therapeut bringt seine Wahrnehmung in das therapeutische Gespräch ein. Wenn der Klient diese Wahrnehmung nicht aufgreift oder ärgerlich zurückweist, kann dies als Widerstand gedeutet werden, sich den unbewussten Inhalten des Gedächtnisses zu stellen. Dieses Konzept ist nicht unumstritten, weil damit jede Art von Grenzsetzung – auch durchaus berechtigte – als neurotische Strategie abgetan werden kann.

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Was geschieht in einer psychoanalytischen Sitzung?

Psychoanalyse ist in sehr hohem Maß eine Frage des persönlichen Stils. In unterschiedlich orientierten Ausbildungsinstituten wird eine eigene Arbeitsweise vermittelt, die wiederum stark von der Persönlichkeit des Therapeuten geprägt ist. Von daher finden die Methoden sehr individuelle Ausprägungen, einige allgemeine Grundzüge sind jedoch zwingend. Die Zusammenarbeit zwischen Klienten und Therapeuten beruht auf mehreren Elementen.

Die Klienten bekommen liegend oder sitzend einen offenen Raum zur Verfügung gestellt, in dem sie möglichst viele Aspekte ihrer persönlichen Geschichte in freier Assoziation darlegen sollen. Dabei kommen meistens zentrale Aspekte der kindlichen Entwicklung, der Beziehung zu den Eltern, zu den Geschwistern oder anderen bedeutsamen Menschen zur Sprache. Jede Art von führendem oder direktem Eingreifen durch die Therapeuten wird als Manipulation betrachtet.

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Analytiker halten sich zurück

Die Analytiker halten sich zurück und unterstützen gleichzeitig den Selbstreflexionsprozess. Sie bieten Anteilnahme und Schutz und bringen Erklärungsmodelle und Deutungen ein, die helfen können, bedrohliche Gefühle und schmerzliche Erinnerungen zu ertragen, zu verstehen und zu verarbeiten. In der Therapie geht es oft um Emotionen wie Scham, Wut, Angst, Hass, Neid, Gier – alles menschliche Gefühle, die aber einen »schlechten Ruf« haben, gern tabuisiert werden und daher bevorzugt in der Verdrängung wirken.

Das Ziel ist es, aus den verbalen und nonverbalen Botschaften die unbewussten Konflikte und neurotischen Strukturen herauszufinden. Freud hat der Analyse der Träume als Botschafter des Unbewussten in seinen Therapien einen großen Stellenwert eingeräumt.

In der neueren Psychoanalyse ist die Traumdeutung mit den von Freud vorgegebenen Bedeutungsschemata nicht sehr verbreitet. Bei der Deutung haben die begleitenden Emotionen eine größere Bedeutung als die Symbolik der Trauminhalte. Stattdessen spielen heute das aktuelle Erleben und Verhalten eine wichtige Rolle. In der modernen Psychoanalyse geht es keineswegs ausschließlich um das Ereignisfeld Kindheit, sondern immer wieder auch um die konkrete Lebenssituation. In der Verarbeitung gegenwärtiger Erlebnisse reflektieren sich alle Anteile der Persönlichkeit und sind daher auch Gegenstand der Therapie.

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Ergebisoffene Therapie

Die Therapie ist ergebnisoffen, ohne Zielklärung, Ratschläge oder Verhaltensexperimente. Die Veränderung des Bewusstseins läuft über einen dynamischen Prozess von sich öffnen, Gefühle intensiv wahrnehmen und sich damit zeigen, Einsichten gewinnen, sich neu organisieren und dann anders fühlen, denken und verhalten. In diesem Prozess spielt die Beziehung zwischen Klientin und Therapeutin als Spiegelung der Beziehungsmuster aus der Kindheit eine wichtige Rolle. Die sogenannte Übertragungsbeziehung mit Projektion, Übertragung und Gegenübertragung wird als wichtiges therapeutisches Mittel genutzt. Je nachdem, wie sich die therapeutische Beziehung konstruiert, werden sich typische Muster, mit denen die Klientin immer wieder zu tun hat oder gar scheitert, auch in der Beziehung zwischen Therapeutin und Klientin zeigen.

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Aufgaben der Therapeuten

Die Aufgabe der Therapeutin ist es, ihre Wahrnehmungen der Klientin hilfreich zur Verfügung zu stellen. Eine klassische Psychoanalyse beansprucht viel Zeit, weil die Klientin nicht bewusst auf die Suche nach konkreten Lösungen geht, sondern über die Aktivierung des Unterbewusstseins im Gespräch und im Gefühlsaustausch mit der Therapeutin eine hilfreiche Neuordnung ihrer inneren Strukturen anstrebt, die dann die Probleme, die die Klientin in die Therapie gebracht haben, quasi mit erledigt.

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Literatur

  • Siegfried Elhardt: Tiefenpsychologie. Eine Einführung. Kohlhammer  2006 (16. Auflage)
  • Freud, S.: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Studienausgabe Bd. 5. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1982
  • Freud, S.: Triebe und Triebschicksale. Studienausgabe Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1982
  • Freud, S.: Das Ich und das Es. Studienausgabe Bd. 3. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1982
  • Freud, S.: Das Unbehagen in der Kultur. Studienausgabe Bd. 9. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1982
  • Freud, S.: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Studienausgabe Bd. 1. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1982
  • Wolfgang Mertens: Psychoanalyse. Geschichte und Methoden. C. H. Beck, München 2004
  • Wolfgang Mertens und Bruno Waldvogel (Hg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe, Stuttgart: Kohlhammer, 3. überarbeitete und erweiterte Ausgabe, 2008
  • Helmut Thomä, Horst Kächele: Psychoanalytische Therapie. Springer, Heidelberg 2006

Internet

  • Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT): www.dgpt.de
  • Deutsche Psychoanalytische Vereinigung: www.dpv-psa.de
  • Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft: www.dpg-psa.de
  • Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten: www.vakjp.de

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Rosemarie Piontek ist niedergelassene Psychologische Psychotherapeutin in einer Gemeinschaftspraxis in Bamberg. Sie ist Mitorganisatorin des Bamberger Instituts für Gender und Gesundheit (BIGG e.V.), tätig als Dozentin und Supervisorin.

Text von Rosemarie Piontek aus: Mut zur Veränderung. Methoden und Möglichkeiten der Psychotherapie. Balance buch + medien verlag, Bonn 2009

Buch zum Thema

Karl König: Psychoanalyse in der psychiatrischen Arbeit - Eine Einführung. Psychiatrie-Verlag, Bonn ISBN 3-88414-235-6, 9,50 Euro