Systemische Therapie

Systemische Denkmodelle versuchen die permanente Interaktion menschlicher Prozesse und deren Verhältnis zur Außenwelt abzubilden. Bei diesem Blick auf den Menschen als soziales Wesen in einer spezifischen Umwelt ist es nicht weiter verwunderlich, dass die systemische Therapie anfangs nur bei Paaren, Familien und Gruppen angewendet wurde. Mittlerweile hat das systemische Denken aber auch in die Methoden der Einzeltherapien Einzug gehalten.

Nach oben

Wirksamkeit und Schulen

Die systemische Therapie hat ihre Annahmen wissenschaftlich fundiert, eine eigenständige Therapietheorie entwickelt und überprüfbare Wirksamkeitskriterien für die Praxis aufgestellt. Dennoch wird die systemische Therapie von den Krankenkassen bislang nicht bezahlt, unter anderem, weil Familien- oder Paarprobleme, egal wie schwerwiegend sie sind, nicht als Störung mit Krankheitswert, sondern als soziales Problem gesehen werden.

Bei den Systemikern finden sich wiederum unterschiedliche Schulen, z. B. die »Heidelberger Schule« (Helm Stierlin u. a.), die »Mailänder Schule« (Mara Selvini Palazzoli u. a.), die Schule um Virginia Satir in Palo Alto (USA), zu der auch Paul Watzlawick und Salvador Minuchin gehören, oder die Schule um Jay Haley, der die Hypnotherapie in die »strategische Familientherapie « einführte.

Nach oben

Kommunikation in der Familie und Regeln

Einige Grundmuster sind jedoch bei allen Schulen in unterschiedlichen Varianten wiederzufinden, auch wenn sich die Methoden der praktischen Arbeit deutlich voneinander unterscheiden. Es geht immer um die Art der Kommunikation in der Familie und um bestimmte Regeln, nach denen das »System« Familie »funktioniert«. Die Beteiligten sind Teil des Systems, in dem sie versuchen eine Rolle oder eine Aufgabe zu übernehmen, die das System einigermaßen im Gleichgewicht hält.

Das kann für ein Kind bedeuten, dass es z. B. eine Störung entwickeln »muss«, damit die Eltern in der Sorge um das Kind vereint sind und sich nicht dauernd streiten. Damit hat das Kind die »Aufgabe« übernommen, das – wenn auch ungute – Gleichgewicht in der Familie aufrechtzuerhalten.

Nach oben

Therapeutisches Verfahren

In der Therapie wird nun versucht, mit unterschiedlichen Kommunikationsangeboten dieses ungute Gleichgewicht und die Aufgabe des Kindes darin sichtbar zu machen sowie das Ganze aus dem Gleichgewicht zu bringen, damit sich das Familiensystem auf einem für alle positiven Niveau neu organisieren und in Balance kommen kann. Methodisch könnte ein Therapeut bei dieser Familie z. B. die familiäre Wirklichkeit sichtbar machen und »verstören«, in dem er das Verhalten des Kindes als eine besondere Leistung, als besonderes Opfer oder als schwere Aufgabe, die es für den Zusammenhalt der Familie erbringt, würdigt und positiv herausstellt.

Das Verhalten des Kindes in einen neuen Bezugsrahmen zu setzen (Reframing), kann den Blick aller Beteiligten verändern. Vielleicht erkennen die Eltern dann, dass es nützlicher wäre, die Probleme, wegen derer sie dauernd streiten, endlich zu klären. Dann kann das Kind seine Störung aufgeben und bekommt vielleicht auch noch die Zuwendung und Unterstützung, die es braucht, weil die Eltern nun weniger streiten und mehr Zeit für ihr Kind haben.

Nach oben

Literatur

  • Jürgen Kriz: Systemtheorie für Psychotherapeuten, Psychologen und Mediziner. Eine Einführung. 3. Auflage, Facultas, Wien, Stuttgart 1999
  • Rudolf Klein, Andreas Kannicht: Einführung in die Praxis der systemischen Therapie und Beratung. Erste Auflage, Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2007
  • Kurt Ludewig: Systemische Therapie, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, 1997 4. Auflage
  • Arist von Schlippe, Jochen Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung.9. Auflage, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003
  • Günter Schiepek: Die Grundlagen der Systemischen Therapie, Vandenhoeck & Ruprecht, 1999

Internet

Nach oben

Suche

Derzeit befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Rosemarie Piontek ist niedergelassene Psychologische Psychotherapeutin in einer Gemeinschaftspraxis in Bamberg. Sie ist Mitorganisatorin des Bamberger Instituts für Gender und Gesundheit (BIGG e.V.), tätig als Dozentin und Supervisorin.

Text von Rosemarie Piontek aus: Mut zur Veränderung. Methoden und Möglichkeiten der Psychotherapie. Balance buch + medien verlag, Bonn 2009