On body and soul / Mit Leib und Seele

Im Herbst wird der ungarische Siegerfilm der Berlinale 2017 in unsere Kinos kommen. Ich finde, darauf können sich die Fans des Psychiatrienetzes freuen. Dieses ungewöhnliche Werk war von Anfang an mein Favorit, denn es war der erste Wettbewerbsfilm des diesjährigen Filmfestivals.

„On Body and Soul“ beginnt mit betörenden Aufnahmen eines Hirschs und einer Hirschkuh in einem winterlichen Wald. Die beiden nähern sich, umkreisen einander, in späteren Szenen werden sie sich berühren. Abrupter Wechsel in einen Schlachthof in Budapest samt Einführung in das effektive Töten und Verarbeiten der Kadaver. Eine sehr junge Veterinärin namens Maria tritt ihre Arbeit als Qualitätskontrolleurin an. Sie ist merkwürdig. In der Kantine sondert sie sich ab, das von ihr geprüfte Fleisch stuft sie als zweitklassig ein. Man tuschelt, Endre, der ältere Vorgesetzte mit der gelähmten Hand fragt nach: Die Fettschicht sei zwei Millimeter zu dick, meint sie ganz sachlich. Er lächelt amüsiert über die Präzision dieser jungen Frau, die eine Affinität zu Zahlen und ein enormes Gedächtnis hat.

Sie ist unhöflich, scheinbar gefühllos, doch durchaus attraktiv. Endre meint, er esse am liebsten die Gemüsegerichte. „Natürlich“, meint Maria, „weil Sie das mit Ihrer gelähmten Hand essen können.“ Die Kamera begleitet sie in ihre kahle Wohnung, beobachtet sie vor ihrer pedantisch arrangierten Mahlzeit. Mit Salz- und Pfefferstreuer spielt sie ihre Unterhaltung mit Endre nach, um für spätere Kommunikationen zu üben. Soziale Situationen sind ihr nicht geheuer; sie hat es gelernt, jede Begegnung sorgfältig zu planen. Nach dem spektakulären Diebstahl eines Potenzmittels für Bullen müssen alle Beschäftigten des Schlachthofs zu einem Einzelgespräch bei einer Gutachterin, einer Psychologin, die auch nach den nächtlichen Träumen fragt.

So stellt sich heraus, dass beide, Endre und Maria, von jenen Hirschen träumen, ja im Traum jene beiden Hirsche sind. Ab und zu sprechen sie darüber. „Warum sind Sie heute Nacht nicht zur Wiese gekommen?“ Man beschließt, die Nacht nebeneinander zu verbringen, der Träume wegen. Maria fragt ihren Therapeuten, wie man eine sexuelle Beziehung führt. Er windet sich und rät ihr, endlich zu einem Therapeuten für Erwachsene zu gehen. Sie erkundigt sich bei anderen - vielleicht hilft das Hören romantischer Songs?

Endre zieht sich immer mehr zurück, seine Tochter macht sich Sorgen um ihn. Es gibt dramatische Zuspitzungen, und erneut fließt Blut in diesem perfekt komponierten Film, dem man atemlos bis zu seinem sparsamen Happy End folgt.

Bei der Vorführung des Siegerfilms seien im Friedrichstadtpalast mehrere Menschen kollabiert, war in der Zeitung zu lesen, ein Zuschauer musste sogar ins Krankenhaus. Ich hoffe dieser blutige Beigeschmack schadet dem Film nicht, der im Herbst in die Kinos kommen wird. Ich fand die Begegnung zwischen autistischen Tieren und Menschen wirklich traumhaft.

On body and soul
Ungarn 2017
116 Minuten
Regie: Ildikó Enyedi
Darsteller: Alexandra Borbely, Géza Morcsányi (Kinostart Herbst 2017)

Ilse Eichenbrenner

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Alle Besprechungen sind von Ilse Eichenbrenner (Berlin) und erscheinen parallel in der Zeitschrift Soziale Psychiatrie.

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