Alles nur in meinem Kopf

Mit Mitte zwanzig wird Ellen Mersdorf scheinbar von heute auf morgen das Opfer quälender Gedanken. Die Fragen, ob sie nicht längst aufgehört hat, ihren Partner zu lieben und ob sie womöglich lesbisch ist – für sie eine beschämende Vorstellung –, beschäftigen sie auf einmal rund um die Uhr. Die junge Frau kommt kaum noch zur Ruhe, ist verzweifelt. Ein tiefenpsychologisch orientierter Therapeut treibt sie weiter auf den Abgrund zu, anstatt ihr Erleichterung zu verschaffen. Und auch in der Klinik wird man ihr nicht gerecht. Die Ärzte diagnostizieren mal eben eine Depression und entlassen sie mit unzureichender Medikation, ohne die zugrunde liegenden Zwangsgedanken als solche erkannt oder gar behandelt zu haben.

Kann man eine solch unglückliche Geschichte und überhaupt einen Bericht über eine Zwangsstörung »gern« lesen? Ja, man kann. Und das liegt nicht nur an der sehr ansprechenden Gestaltung des Buches. Die Autorin, einst Lehrerin und heute Journalistin, versteht es, ihre Geschichte anschaulich und ganz ohne Larmoyanz zu erzählen. Das Bild des Ohrwurms, der eines Nachts ihr Hirn okkupiert, vermittelt trefflich eine Idee davon, wie ohnmächtig man solchem Gedankenterror ausgeliefert sein kann. Aufschlussreich auch die Schilderung der misslungenen Interventionen durch die Profis: Da ist der Freud-Jünger »Stur«, der immer nur Leichen aus dem Keller bergen will, während seine Klientin schon längst alle emotionalen Reserven aufgebraucht hat.

Der Oberarzt »Calanda«, der sich zu sehr auf seinen ersten Eindruck verlässt. Oder die Klinikpsychologin »Stark«, die sich zwar hervorragend gegenüber ihren Patienten abgrenzen, aber eben nicht auf sie einlassen kann. Das alles ist keineswegs bitter und anklagend geschrieben, sondern durchaus mit einem gewissen Verständnis für die Therapeuten und überdies mit Humor, was der Lektüre bei allem Ernst auch Leichtigkeit verleiht.

Nicht ohne Komik zum Beispiel ist die Szene, als Ellen Mersdorf am ersten Weihnachtstag ihrer völlig entgeisterten Mutter gesteht, sie habe sich möglicherweise in sie verliebt. Und belustigend ist zuweilen auch die Schilderung des Ohrwurms, der sich schmatzend durch das Gehirn seiner Wirtin arbeitet und vor Freude jauchzt, wenn er ein neues Thema für seine Einflüsterungen entdeckt.

Tatsächlich entwickelt die Autorin noch ein paar weitere fixe Ideen, nachdem sie aus der Klinik entlassen ist. Dass sie es trotzdem schafft, erfolgreich ihr Referendariat zu beenden und als Lehrerin zu arbeiten, ist bemerkenswert. Die Arbeit mit den Kindern habe ihr sogar geholfen, den Ohrwurm im Zaum zu halten, schreibt sie. Auch die Zuneigung ihres Mannes, der über alle harten Zeiten zu ihr hält, stärkt sie. Und einen gewissen Schutz bietet sogar das Antidepressivum. Trotzdem ist man erleichtert, als sie nach zwei Jahren endlich auf einen Psychiater trifft, der die wahre Natur ihrer Störung erkennt und eine wirksame Therapie einleitet.

Auch verhaltenstherapeutische Strategien und passende Medikation haben den Ohrwurm nicht gänzlich zum Schweigen gebracht. Aber zehn Jahre nach seinen ersten Einflüsterungen hat sich Ellen Mersdorf eine gewisse Gelassenheit gegenüber ihren obsessiven Ängsten erkämpft. Und ein Mut machendes Buch geschrieben, das nicht nur Betroffenen und Angehörigen, sondern nicht zuletzt auch Profis zu empfehlen ist.

Cornelia Schäfer in Psychosoziale Umschau 4/2104

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Ellen Mersdorf: Alles nur in meinem Kopf. Leben mit Obsessionen und Zwangsgedanke. Balance buch + medien verlag, Köln 2014. ISBN Print: 978-3-86739-073-6, ISBN PDF: 978-3-86739-757-5, 134 Seiten, 14,95 Euro.