Eigensinn und Psychose

"Noncompliance als Chance" – der Untertitel von Thomas Bocks neuem Buch ist clevere Provokation und verspricht Bände. Bände noch zu haltender Reden und Vorträge über ein Thema, das nun auch endlich Eingang gefunden hat in die Salons der Professionellen, zu denen die Psychiatrie-Erfahrenen mit ihrem ureigenen Erfahrungsschatz bislang nicht geladen waren.

Der Eigensinn ist salonfähiger Diskurs in sozialpsychiatrischen Kreisen geworden. Jener Überlebenssinn, der als mangelnde Krankheitseinsicht diagnostiziert wurde und wird. Er war und ist letztes Refugium vor festlegenden Diagnosen, Medikamentencocktails und Stigmatisierungen der psychiatrischen Sprache. Er ist Schutz, hinter dem sich Würde, Selbstbestimmung, Verletzlichkeit, existenzielle Abgründe und unbehagliche Höhen verbergen.

Allerdings: Die Arbeit mit angepassten, folgsamen Patienten (zu denen diese oftmals erst gemacht werden) ist meines Erachtens nicht "langweilig" und die Arbeit mit eigensinnigen Menschen ist auch nicht "anstrengend", wie Bock es in seinem Buch bezeichnet. Langweilig ist höchstens das Anwenden lebensfremder Schemata. Methodenvielfalt in der Profession ist eine Herausforderung. Spaß macht es, sich dieser Herausforderung zu stellen, die Kreativität und Authentizität einfordert.

Das Normalisierungsprinzip der Sozialpsychiatrie hat nicht nur die Lern- und Lebensbedingungen erreicht, sondern scheint sich nun auch ernsthaft auszudehnen auf die Kommunikationsstrukturen zwischen Arzt und Patient im Allgemeinen und im Speziellen zwischen professionellen Mitarbeitern in der Psychiatrie und den Menschen, die dort Hilfe suchen und erwarten. Hierzu leistete Thomas Bock Pionierarbeit für die Sozialpsychiatrie. Bereits in den neunziger Jahren etablierte er zusammen mit Dorothea Buck, der Ehrenvorsitzenden des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener (BPE), Psychoseseminare, in denen der Terminus "psychische Krankheit" offen hinterfragt wurde.

Ganz so neu ist dies allerdings nicht. Es sei an den Klassiker "Statt Psychiatrie" erinnert, der 1993 im Berliner Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag erschienen ist. Hier findet sich ein im Mainstream des Trialogs nahezu ausgestorbener Widerspruchsgeist, der dem Eigensinn ein Gesicht gab und damit das nun salonfähige Credo "Eigensinn als Chance" einleitete. Jetzt, vierzehn Jahre später, sollten endlich "Experten in eigener Sache" Gehör finden und Konzepte, Einstellungen und Lebensumstände von Psychiatrie-Erfahrenen in den Mittelpunkt der Forschung gestellt werden. Seitenwechsel und Unsicherheit machen kreativ.

"Anerkennung der Verwirrung als der Königsweg zum Verständnis" – so ein aus Pascal Merciers Buch "Nachtzug nach Lissabon" entnommenes Zitat, welches Bock als Motto seinem Buch voranstellt.
Thomas Bock reflektiert auf den Punkt den bisherigen Umgang mit der sakrosankten "Compliance", die als Vorleistung für den Erhalt von Hilfe und Behandlung erst mal erbracht werden muss(te). Er diskutiert "anthropologische Aspekte" und mögliche sowie unmögliche Ursachen von Psychosen und stellt verschiedene Krankheitskonzepte vor. Dabei tritt er als Lernender auf, einer, der gelernt hat von seinen Patienten und ihren Geschichten, den Lebensgeschichten, die "kein Ende haben", wie er sagt. "Wir müssen mit Ungewissheiten leben. Das ist für mich auch eine wichtige Lehre der Geschichten. Wir müssen dem Sog der Vereinfachung widerstehen, müssen von medizinischen Konzepten abstrahieren, uns angreifbar machen und Beziehung riskieren, ohne reine Wahrheit auskommen und ohne letztes Wort, unsere Angebote aushandeln und dem Eigensinn mehr Raum geben."

In einer bewegenden Fallgeschichte lässt er eine Frau erzählen, dass es ihr besser gehe, seitdem sie "keine therapeutischen Versuche mehr mache". Die Grenzen jedweder noch so wohlmeinender Intervention lassen sich deutlicher nicht zeigen, wenn sie schreibt: „Ich glaube, es hat mich geschwächt, die Sehnsucht, dass mir jemand hilft, dass ich mal nicht so allein bin, dass ich mir gewünscht habe, wünsche, nur für Momente wenigstens möge jemand anders stärker sein, ohne sich meiner zu bemächtigen, mich beschützen vor den Welten, vor den Stimmen.“ Denn (Lebens-) Geschichten sind offen, getreu der Beckett’schen Verständnislosigkeit, der wir letzten Endes verdanken, ich zu sein.

Im vielleicht stärksten Kapitel seines Buches macht Thomas Bock seinen "eigensinnigen Exkurs zur Psychopath-Alogie" und scheucht "die Ganzgötter in Weiß", nicht nur "aus den klinisch sterilen Gebäuden", sondern "auch aus den sterilen Gedankenkonstruktionen, aus unseren unendlichen Sprachcodes zur Normierung von besonderem Verhalten". Und wohin schickt er sie? "Hinein ins Leben!", wo "die Seele so beweglich ist wie ein Vogel und in vielen Himmeln und Erden zuhause ist"

Regina Sattelmayer in Soziale Psychiatrie

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Thomas Bock: Eigensinn und Psychose - „Noncompliance“ als Chance. Neumünster: Paranus-Verlag, 2006, 168 S., 14,80 EUR