Persönliches Budget

Wer gerne denkt und hinterfragt, wer jeder Münze mehr als zwei Seiten zugesteht, der ist mit dieser Lektüre richtig bedient. Dabei ist es wohltuend zu erleben, wie ein Mensch sich der Situation eines anderen mit einem derartigen Interesse widmen kann. Ein Buch, das motiviert, einander zuzuhören.

Auch wer (seelisch) erkrankt ist, kann eigene Entscheidungen treffen, kann finanzielle Sozialleistungen selbst verwalten. Seit Januar 2008 haben behinderte Menschen die Wahl, ob sie lieber eine Sachleistung oder ein Persönliches Budget in Anspruch nehmen wollen. Sinn und Zweck dieses individuell verfügbaren Geldes ist es, dass finanzielle Mittel nicht anonym erbracht werden, sondern die Betroffenen innerhalb eines gewissen Rahmens wählen können. Schließlich gibt es diverse Möglichkeiten, die einen Menschen unterstützen können – von der Putzfrau über den Volkshochschulkurs bis hin zum betreuten Wohnen ist vieles denkbar. Was hilfreich ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab, die in keine Schablone passen.

Jörg Michael Kastl, Professor für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg/Reutlingen, schildert am Beispiel von Hannes K. und seiner Familie, welche Bedeutung ein solches Persönliches Budget für den Nutzer und seine Angehörigen haben kann.

Wer eine schnelle Information über Sinn und Zweck des Persönlichen Budgets erwartet, ist mit diesem Buch nicht gut beraten. Auch wer die lebensnahe Spannung eines biographischen Romans erhofft, fühlt sich wahrscheinlich enttäuscht. Der Leser wird durch die Stichwort-artige Gliederung und den sachlich-detaillierten Stil zunächst eher auf Abstand gehalten, als mitgerissen. Hat der Interessierte aber diese ersten Hürden überwunden und macht sich die Mühe, Kastls Text Zeile für Zeile zu lesen, wird er reich belohnt. Man muss es aushalten, dass der studierte Soziologe und Philosoph keine Antworten gibt, weder pauschal noch im Detail.

Kastl beschreibt lediglich

Er beschreibt lediglich: einen Menschen, eine Familie, eine Lebensgeschichte. Dabei wertet er nicht, weder die Symptome noch das Budget, noch das Gespräch. Stattdessen analysiert er. Wort für Wort, Satz für Satz. Er spricht mit Hannes, einem Menschen, der Stimmen hört und als schizophren diagnostiziert ist und mit dessen Bruder, sowie Hannes Eltern. Jede Lautäußerung, jedes „eh“ und „hm“ wird aufgezeichnet und hinterfragt. Was bedeutet es, wenn jemand „meine“ Stimmen sagt und meint er dasselbe, wenn er „die“ Stimmen sagt? Was passiert, wenn der Interviewer eine Frage stellt und die Mutter beantwortet sie ganz anders, als der Sohn? Auch wenn Hannes im Zentrum der Untersuchungen steht, beschreibt das Buch weit mehr als eine einzelne Person. Der Bruder, der ebenfalls schizophren ist und doch so ganz anders, die Schwester, die Eltern, die Großeltern, die finanzielle und gesundheitliche Situation.

Stück für Stück entwickelt sich vor dem Auge des Lesers ein soziales Gefüge, das in sich logisch ist, aber nicht zwingend. Alles hätte auch anders sein können. Kastl macht deutlich, dass seine akribische Analyse, keine Ursachen aufdeckt, sondern Zusammenhänge beleuchtet. Die Stimmen in Hannes Kopf scheinen ganz offensichtlich viele belastende Situationen aus dem Alltag wider zu spiegeln. Die bevormundende Mutter etwa, den gewalttätigen Bruder. Aber Kastl weist zu Recht immer wieder darauf hin, dass andere Menschen in vergleichbarer Situation, nicht schizophren reagieren. Sein soziologischer Standpunkt hat ganz klare Grenzen, von dem aus ein Mensch nicht bis in seine Anfänge hinein erklärt werden kann.

Um das Befremdliche einer Krankheit verständlich zu machen und die vielschichtige Wirkung des Persönlichen Budgets aufzudecken, ist diese subjektive Einzelfallanalyse aber deutlich weiterführender als manche epidemiologische Studie mit hohen Fallzahlen.

Im Vorfeld der Gespräche sinniert der Autor auch über das biographische Gedächtnis und ordnet damit ein, was von einer Biographie zu erwarten ist. Wie sehr können wir unseren Erinnerungen trauen und wie bedeutsam ist es, seine eigene Geschichte zu erzählen?

Ein Beobachter par excellence

Es ist ein unglaubliches Geschenk, dass Kastl bis zuletzt jede seiner Überlegungen detailliert ausformuliert. Er ist ein Beobachter par excellence, jemand, der sich weder einer diagnostischen noch einer gesellschaftlichen Schablone unterordnet. Nichts destotrotz hat er einen höchst subjektiven Standpunkt. In Kastls Soziographie finden sich keine Merksätze und übergeordneten Lehrmeinungen, deutlich stellt der Autor heraus, dass er hinsichtlich der Psychiatrischen Diagnose Schizophrenie ein Laie ist. Trotz oder gerade wegen dieses bewusst eingeschränkt subjektiven Standpunkts, eröffnet das Buch einen philosophisch weit gefassten Zugang zu einem Menschen und seiner Situation

Wer gerne denkt und hinterfragt, wer jeder Münze mehr als zwei Seiten zugesteht, der ist mit dieser Lektüre richtig bedient. Dabei ist es wohltuend zu erleben, wie ein Mensch sich der Situation eines anderen mit einem derartigen Interesse widmen kann. Gerade in einer Gesellschaft in der seelische Krankheiten und soziale Not oft genug stigmatisiert werden, sind der Respekt und die Wertschätzung, die Kastl dem „Hannes K.“ entgegen bringt, wohltuend. Ein Buch, das motiviert, einander zuzuhören.

Verena Liebers im Eppendorfer 10/2009

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Jörg Michael Kastl: Hannes K., die Stimmen und das Persönliche Budget - Soziobiographie einer Behinderung, Edition Das Narrenschiff 2009; 278 Seiten; 29,95 Euro