Handbuch Betreutes Wohnen

Keine Rezepte oder herausragenden Einzelbeispiele soll der Leser im Handbuch Betreutes Wohnen erwarten. Den Herausgebern Matthias Rosemann und Michael Konrad geht es in dieser Zusammenstellung um eine zeitgemäße Beschreibung von wesentlichen Handlungsfeldern und Prinzipien des Betreuten Wohnens. Unterschiedlichste Facetten dieses relativ jungen psychiatrischen Arbeitsfelds werden beleuchtet. Praxiserfahrungen, sozialpolitische Visionen, sozialrechtliche Experten kommen ebenso zu Wort wie die Betroffenen selbst. Standortbestimmungen und neue Impulse wechseln sich ab mit solidem Handwerkszeug für Einsteiger und Fortgeschrittene.

Gleich zu Beginn werden im »Grundsätzlichen « von Rosemann und Konrad wichtige Pflöcke eingeschlagen und Weichen gestellt: »Mobile Unterstützung« soll das Arbeitsfeld jetzt heißen. Der Begriff des »Betreuten Wohnens« ist nicht mehr zeitgemäß, legt er doch eine »all-inclusive-Betreuung« nach paternalistischer Manier nahe. Mobile Unterstützung klingt nüchtern, lässt sich aber eher mit dem Ansatz von individuellen und personenzentrierten Hilfen vereinbaren. Diese Hilfen beziehen sich häufig auf einen breiten Bereich der Alltags- und Krisenbewältigung, die über das Wohnen im engeren Sinne hinausgehen.

Im »Praktischen und Alltäglichen« werden Grundlagen und typische Konfliktfelder beschrieben. Auch wenn die Sprache mit »sozialen Empfangsräumen«, »Akteuren« und »Teilhabeplanverfahren« manchmal etwas sperrig daherkommt, wiegen gute Fallbeispiele dies wieder auf. Besonders inspirierend ist der mit interessanten Erfahrungen gespickte Beitrag von Jörg Michael Kastl und Thomas Meyer zum Persönlichen Budget. Sie machen Mut, außerhalb der üblichen Strukturen der Behindertenhilfe nach Lösungen zu suchen. Differenziert werden auch die Fallstricke bei der Umsetzung des Persönlichen Budgets beschrieben. Kastl und Meyer plädieren für niedrige Hürden in der Mittelverwendung. Andererseits hinterfragen sie auch kritisch, ob sich nicht ohne Persönliches Budget mit weniger bürokratischen Hürden ähnlich Gutes erreichen ließe, wenn man bestehende Angebote flexibler vernetzen und das Wunsch- und Wahlrecht konsequenter berücksichtigen würde.

Ebenso praxisnah und differenziert widmet sich ein ganzes Kapitel den besonderen Herausforderungen des Betreuten Wohnens. Die Autoren wissen, worüber sie sprechen, es spricht überwiegend die Stimme der Praxis. Auch kritische Seiten der Mobilen Unterstützung werden nicht verschwiegen:

Klaus Obert kritisiert in seinem Beitrag das einseitige Pendel in Richtung Selbsthilfe und Ressourcen unter Vernachlässigung der »ungeliebten Seiten« sozialpsychiatrischen Handelns wie Fürsorge, Verantwortungsübernahme, Kontrolle und Zwang.

Udo Frank fordert eine direktive, vernetzte und wachsame Arbeitsweise mit Forensikern und warnt vor allzu schnellen Freiheitsgraden. Diese Sichtweise ist vielleicht nicht unbedingt populär, aber durchaus nutzbringend für einen professionellen Umgang mit gewalttätigen Situationen auch in anderen sozialpsychiatrischen Bereichen.

Auch den Anforderungen an Mitarbeiter im Betreuten Wohnen wird (zu Recht) ein ganzes Kapitel im Handbuch gewidmet. Gut werden mögliche Beziehungsfallen beschrieben, die den einsamen Betreuer auf ungeordnetem Terrain erwarten. Der gesunde Menschenverstand reicht hier nicht aus. Einrichtungsbezogene Fortbildungs- und Supervisonskonzepte müssen sich den veränderten fachlichen Anforderungen anpassen. Andreas Knuf plädiert längerfristig für Qualifizierungskonzepte auf Verbundsebene. Rosemann und Konrad beschreiben die Anforderung an Leitungskräfte, die Mitarbeiter in Zuversicht und Wirksamkeitsüberzeugung zu unterstützen. Nils Greve sieht in der psychotherapeutischen Kompetenz einen wesentlichen Aspekt in der heutigen klientenbezogenen Arbeit im Betreuten Wohnen. In der Abgrenzung der Mobilen Unterstützung von psychotherapeutischer Behandlung im engeren Sinne bleibt Greves Beitrag an der Stelle allerdings unscharf.

Peter Mrozynski spannt bei den rechtlichen und normativen Grundlagen einen weiten sozialrechtlichen Bogen und beginnt dabei für den Leser vielleicht überraschend nicht mit dem SGB XII, sondern treu nach dem Grundsatz der Nachrangigkeit mit der Systematik von SGB V und SGB XI. Dem rechtlich nicht in der Tiefe versierten Leser wird etwas schwindelig bei der Abgrenzung der Leistungsbereiche, die für den Bereich der »mobilen Unterstützung« infrage kommen können: Ergotherapie und medizinische Rehabilitation, häusliche Pflege und die Eingliederungshilfe. Oft scheint es eher zufällig dem jeweiligen Rahmen geschuldet, auf welcher rechtlichen Grundlage die Hilfen angeboten werden. Fachlich und sozialpolitisch legt dies eigentlich eine trägerübergreifende Komplexleistung nahe. Dies ist im Sozialrecht grundsätzlich nicht vorgesehen, hier ist der Gesetzgeber gefragt.

Auch an anderer Stelle ist der rechtliche Rahmen für die Umsetzung personenzentrierter Hilfen noch nicht zeitgemäß: Eine strikte Trennung von stationären und ambulanten Hilfen ist fachlich überholt, für die Kostenträgerschaft aber nach wie vor wichtig. Ob sich jemand in einer intensiven ambulanten Betreuung oder einer stationären Einrichtung befindet, ist rechtlich danach zu beurteilen, inwieweit der Tagesablauf fremdbestimmt ist durch die Einrichtung. Das darf als weiteres Indiz gelten, dass der Gesetzgeber gefragt ist, den rechtlichen Rahmen auch hier der UN-Behindertenrechtskonvention anzupassen.

Viele Beiträge im Handbuch machen Mut, überkommene Vorstellungen auf der therapeutischen, sozialrechtlichen, sozialpolitischen und organisatorischen Ebene zu überwinden und sich auf den Weg der UN-Behindertenrechtskonvention zu begeben. Trotz aller Unübersichtlichkeit des Themas »Betreuten Wohnens« ist mit dem Handbuch ein ausgesprochen interessantes, ansprechendes und »rundes« Werk gelungen.

Rosemann M, Konrad M (2011): Handbuch Betreutes Wohnen. Von der Heimversorgung zur ambulanten Unterstützung Köln: Psychiatrie Verlag, 352 Seiten, 39,95 Euro.

Annette Theißing in Sozialpsychiatrische Informationen 4/2012

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