Recovery – wieder genesen können

Die alle Disziplinen ist auch die Psychiatrie ständigen Reformen unterworfen. Während früher Nervenärzte schlicht »behandelten«, empowern heute Experten gemeindenah, personenzentriert und bio-psycho-sozial orientiert das im Mittelpunkt stehende Subjekt – achtsam natürlich, das darf nicht vergessen werden. Dann gelingt am Ende auch Recovery selbst mit Haldol-Decanoat.

Recovery ist ein relativ neuer Begriff im psychosozialen Bereich, den sowohl psychiatriekritische als auch psychiatrische Kreise breit einsetzen. »Recovery« kann man übersetzen mit Genesung oder Gesundung. Die positive Konnotation der Hoffnung auf Heilung ist allen Verwendern gemeinsam, kann aber in völlig unterschiedliche Richtungen zielen. Manche meinen mit Recovery das Nachlassen der psychiatrischen Symptome, andere denken an die Erholung von unerwünschten Wirkungen der verabreichten Psychopharmaka nach dem Absetzen, die Wiedergewinnung der Freiheit nach Verlassen des psychiatrischen Systems oder die »Rettung aus dem psychiatrischen Sumpf«.

Jetzt erschien im Hans Huber Verlag Bern das bemerkenswerte Buch »Recovery – wieder genesen können. Ein Handbuch für Psychiatrie-Praktiker«. Die englische Originalausgabe erschien 2007.

Das Buch ist das Plädoyer des britischen Psychologen und Psychiatriepflegefachmanns Peter Watkins, auf vorgegebene Lösungswege zu verzichten, das eigene Nicht-Wissens zu akzeptieren und auf die Fähigkeit der Menschen zu vertrauen, Entscheidungen zu treffen, die ihr Leben letztendlich erträglicher und erfüllender machen. Das Buch orientiert sich an der Arbeit der kritischen Psychiatriebewegung der zurückliegenden Jahre, für die Namen wie Pat Bracken, Peter Breggin, Michel Foucault, Ronald Laing, Loren Mosher, Marius Romme, Phil Thomas stehen. Sie alle haben viel unternommen, um umfassende Diskussion über alternative Behandlungswege in Gang zu bringen. Sie brachen tradierte Praktiken auf und kooperierten mit den Betroffenen, um mehr Möglichkeiten zu schaffen, die »Erfahrungswelt von Wahnsinn, Entfremdung und Beeinträchtigung« zu verstehen und damit zu arbeiten.

Watkins fordert seine Kollegen auf, Betroffene in humanistischer Weise zu unterstützen und diejenigen, die ihre Probleme und die Psychiatrie überwunden haben, als Experten für sich selbst in aktiver Rolle wertzuschätzen und von ihren Erfahrungen zu lernen. Er zeigt vor allem an den angloamerikanischen Vertretern der Betroffenenbewegung Laurie Ahern, Judi Chamberlin, Ron Coleman, Pat Deegan, Dan Fisher und Jan Wallcraft, wie weit über die bloße Betonung der Hoffnung auf Symptomlinderung und Genesung hinaus die familiäre, spirituelle und kreative Dimension des Recovery-Prozesses reicht. Mit seinem Recovery-Führer für Praktiker, Betroffene und Angehörige liefert Watkins eine in sich stimmige Vision, wie heute schon vorhandene Mittel den Betroffenen die Wege zur Gesundung ermöglichen können.

Peter Lehmann in Psychosoziale Umschau

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Peter N. Watkins: Recovery – wieder genesen können. Ein Handbuch für Psychiatrie-Praktiker. Huber, Bern 2009, ISBN 3-456-84723-8, 250 Seiten, 29,95 Euro