Abwege und Selbstbetrug in der Demenz-Szene

Es ist eine gewisse Sprachlosigkeit, in die die Lektüre des Buchs »Nebelwelten« von Peter Wißmann mündet. Der Geschäftsführer der Demenz Support gGmbH in Stuttgart legt die Finger in die Wunden des Umgangs mit Menschen, die von einer Demenz betroffen sind. Eigentlich leistet Wißmann mehr. Mit seinem Buch treibt er die Absurditäten der fachlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Verwirrtheit von Menschen auf die Spitze. Es würde verwundern, wenn es innerhalb der gerontopsychiatrischen Szene nicht zu einem Aufhorchen, wenn nicht sogar zu einem Aufschrei kommt.

Wieso? Es ärgert Wißmann beispielsweise, dass die Begleitung demenzbetroffener Menschen immer von einem Therapiegedanken begleitet wird. Was dies mit Normalität zu tun hat, fragt er. Der Therapiewahn füge sich nahtlos in eine unheilige Allianz mit der zunehmenden Pathologisierung des Alterns und der Gehirnalterung ein, kritisiert Wißmann. Es könne nicht sein, dass alltägliches Geschehen wie das Hinausgehen in den Garten der Altenhilfe-Einrichtung als Genießen der Düfte beschrieben werde. Er scheint es geradezu lächerlich zu finden, wenn der Small Talk am Tisch eines Gemeinschaftsraums als »therapeutischer Tischbesuch« bezeichnet werde, um den Anforderungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen entsprechen zu können.

Genauso wenig Verständnis hat Wißmann für einen anderen Aspekt: »Selbst Heiterkeit und Humor darf es nicht einfach so geben, dafür wurde in der Pflege- und Demenzlandschaft die Form der Humortherapie gefunden. Da wird ein Humorassessment für den demenziell veränderten Menschen erstellt, anschließend werden Humorziele und Interventionen entwickelt und diese (…) auch evaluiert.« (S. 37) Für Normalität und Alltagsorientierung spricht sich Wißmann aus.

Spricht er aus, was viele professionell Tätige denken? Stellt er durch die Hintertür Fragen, die Angehörige und Betroffene nicht auszusprechen wagen? Es erscheint unwahrscheinlich, dass seine Haltung in der gerontopsychiatrischen Szene mehrheitsfähig ist. Es gibt offenbar zu viele Interessen Einzelner, als dass die Banalisierung des Alltäglichen seine Berechtigung hat. Wißmann verteilt quasi Ohrfeigen: »Und deshalb muss jede noch so harmlose Alltagstätigkeit ihrer Normalität beraubt und zu einer therapeutischen Intervention aufgemotzt werden (…). Es handelt sich hierbei um eine Anmaßung. Und darin drückt sich eine herablassende Haltung aus, die dem Menschen als Bürger mit seinem Anspruch auf Teilhabe nicht gerecht wird.« (S. 40)

Es ist – entgegen der eigenen Erwartungen – nicht so, dass Wißmann aggressiv um sich schlägt. Seine polarisierenden Positionierungen müssen um der Menschen willen gehört werden. Diesen Wunsch hat man zumindest während der Lektüre. Er schafft es auch an anderen Stellen, die Fassaden der Begleitung demenzbetroffener Menschen etwas umzuwerfen. Er entlarvt Sprache in der Weise, dass die Haltung der Menschen den betroffenen Menschen gegenüber ausgedrückt wird. Wißmann macht dies an zahllosen Beispielen deutlich.

Mit dem Blick auf die Benutzung des Wortes »Demenzkranker« kritisiert Wißmann es unter anderem. Mit der Zuweisung einer Diagnose scheine sich ein Kippschalter umzulegen. Das Leben als Frau Müller ende und das als Demenzkranker beginne. Wißmann sieht sich eher in der Tradition des Sozialpsychiaters Klaus Dörner, der die Gemeinde und das persönliche Umfeld in der Verantwortung sieht, betroffene Menschen zu unterstützen. Deshalb scheint es ihn zu schütteln, wenn sich ausdrückt: »Die Gesunden leben hier. Die Kranken in einem Anderland, also jenseits der Normalität.« (S. 32)

Trotz der Schwere des Inhalts macht es großen Spaß, Wißmann auf seinen Pfaden zu folgen. Er fühlt und denkt gegen den Mainstream, der sich in den pflegenden, sicher auch in anderen psychosozialen Berufen breitgemacht hat. Es macht ihn nicht nur sympathisch. Es macht auch klar, dass die Begleitung demenzbetroffener Menschen ein Umdenken, einen Gesinnungswandel erleben muss. Diese Impulse gilt es zu nutzen.

Christoph Müller in Psychosoziale Umschau 4/2015

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Peter Wißmann: Nebelwelten - Abwege und Selbstbetrug in der Demenz-Szene. Mabuse-Verlag. Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-86321-235-3, 150 Seiten, 16,90 Euro