Jobcoaching

Ich gehöre nicht zur Zielgruppe. Ich bin keine Ergotherapeutin, arbeite weder in der WfbM noch im Integrationsfachdienst und leite keinen Betrieb. Schwerbehindert und arbeitssuchend bin ich auch nicht – trotzdem habe ich von diesem Buch außerordentlich profitiert.

Höchst kompetent erklären die beiden Autoren, was es mit diesem „Jobcoaching“ und dem „Supported Employment“ auf sich hat, von dem alle reden. Oft gehört, nie kapiert. Besser spät als nie.

Wann und wie kommt es zum Jobcoaching, wer finanziert es, wie kommt man zu dieser Tätigkeit und welche theoretischen Konzepte stehen dahinter? Ich bin erstaunt, mit welcher Akribie und Systematik eine Profession vorgestellt wird, die sich im Vergleich zur erwachsenen Sozialen Arbeit vielleicht grade mal im Säuglingsalter befindet. Ich werde neidisch. Psychiatrisches Wissen scheint eher nachrangig zu sein; zur Anwendung kommen Elemente aus der Ergotherapie, aber auch aus systemtheoretischen und lösungsorientierten Ansätzen, der humanistischen Pädagogik und der kognitiven Verhaltenstherapie.

Die einzelnen Phasen des Beratungsprozesses werden auf hohem Niveau und doch gut lesbar vorgestellt: Auftragsklärung und Planung, Selbstintegration in den Betrieb, Intervention und Veränderung – und zuletzt Vertrauen und Loslassen: Phase der Stabilisierung und des Abschieds.

Diese vorschriftsmäßig ablaufende Systematik wird illustriert mit drei Fallbeispielen: Es handelt sich um zwei Frauen, deren Diagnose nicht explizit genannt wird, und um einen jungen Mann mit einer Störung aus dem Autismusspektrum. Hier wird bereits deutlich, dass im Text die Psychopathologie im klassischen Sinn genau wie bei der betrieblichen Arbeit ganz im Hintergrund bleibt. Schweigepflicht! Die Betrachtungen bleiben mit dem ICF-Blick quasi an der Oberfläche des praktischen Arbeitsalltags und verzichten weitgehend auf die Zuschreibungen und Stigmatisierungen einer ICD-10-Diagnose.

Die einzelnen Phasen des Jobcoaching-Prozesses werden nun jeweils mit den zugehörigen Abschnitten der Fallvignetten unterlegt. Wer mag, kann sich also auf den Prozess konzentrieren, und wer wie ich gerne streng chronologisch eine Falldarstellung verfolgt, der kann das mithilfe eindeutiger Verweise ebenso tun. Man blättert eben vor und zurück, ohne die Orientierung zu verlieren. Ich denke, dabei wird deutlich, dass hier eine hervorragendes Gemeinschaftswerk der beiden Autoren mit dem Lektor (Ludwig Janssen) und der Layouterin (Iga Bielejec) entstanden ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass die systematische Struktur des Buches mit vielen Tabellen und Listen ziemlich genau der Übersichtlichkeit und Logik entspricht, mit der ein gewissenhafter Jobcoach seine Klientinnen unterstützt.

Schwachstellen werden aufgedeckt und mit Checklisten, Merksätzen und anderen ergotherapeutischen Hilfsmitteln kompensiert; bei Kommunikationsstörungen werden Gespräche mit Kolleginnen und Chefs einberufen und mit den jeweils passenden Techniken moderiert oder begleitet. Verlauf und Entwicklung der Fallbeispiele betonen auch die enorme Bedeutung von Supervision – entscheidende Anregungen werden kollegial entwickelt.

Ich möchte diesen vorbildlichen Band der Reihe BALANCE Beruf nicht nur der bereits erwähnten Zielgruppe empfehlen; wer sich für methodisches Vorgehen interessiert und wer wissen möchte, wie Jobcoaching en détail funktioniert, der wird auf seine Kosten kommen.

Ilse Eichenbrenner in Soziale Psychiatrie 3/2015

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Reinhard Hötten, Thorsten Hirsch: Jobcoaching. Die betriebliche Inklusion von Menschen mit Behinderung gestalten. ISBN Print 978-3-86739-086-6, ISBN PDF 978-3-86739-856-5, BALANCE buch + medien verlag, 186 Seiten + Downloadmaterialien, 34,95 Euro