Betriebliche Gesundheitsförderung zur systematischen Gestaltung gesunder Arbeit im Sozial- und Gesundheitswesen

Sich mit betrieblicher Gesundheitsförderung zu beschäftigen, ist für Unternehmen Pflicht. Dies mit einer gewissen Gründlichkeit zu tun, hat sicher Seltenheitswert. Umso wertvoller erscheint die Arbeit, die Jürgen Lempert-Horstkotte und andere für die von Bodelschwinghschen Stiftungen in Bielefeld-Bethel machen, denn sie scheinen in einer der größten Wohlfahrtseinrichtungen Deutschlands ein Mammutprojekt auf den Weg gebracht zu haben.

Diesen Eindruck vermittelt zumindest das Buch »Betriebliche Gesundheitsförderung in Bethel«, das sie einen »Praxisbericht zur systematischen Gestaltung gesunder Arbeit« nennen. Sicherlich kann ein solches Projekt immer nur punktuell zu wirklichen Veränderungen beitragen, da sich Institutionen ja eher träge verändern bzw. die Wünsche zu Veränderungen größer sind als die Möglichkeiten. Dem Projekt »Betriebliche Gesundheitsförderung in Bethel« merkt man an, dass es ernst gemeint ist.

So haben die BKK Diakonie und die Praktiker in Bethel eine Fehlzeitenanalyse probiert. Sie spitzen die Ergebnisse dieser Auswertung auf markante Verbesserungspotenziale zu. So geben die Daten »Ansatzpunkte für eine zentrale, aber auch für teambezogene spezifische Gesundheitsförderung«. Dies mag global wirken, wenn Interessierte sich die Projektberichterstattung anschauen. Doch die Autorin Margit Hullmeine gibt sehr konkrete Hinweise für die Arbeit von Führungskräften.

Führungskräfte seien ein »Katalysator zwischen Organisation und Mitarbeitenden«. Wörtlich: »Ihre Bedeutung für gesunde und weniger gesunde Arbeit liegt vor allem in den Einflussmöglichkeiten auf Gruppennormen, unmittelbare Arbeitsbedingungen, auf die Arbeitsorganisation, die Gestaltung eines nachvollziehbaren Informationsflusses und auf die Aufgabenstruktur. Durch den Führungsstil prägen sie wesentlich das Ausmaß von Wertschätzung und Transparenz bei Entscheidungsfindungsprozessen. Sie haben Einfluss auf den Grad der Beteiligung von Mitarbeitenden und sie vermitteln Ziele und Sinn von Arbeitsinhalten.«

Solche Ideen müssen natürlich mit Leben gefüllt werden. Dies bewegt die Leserin bzw. den Leser während der gesamten Lektüre. Jürgen Lempert-Horstkotte und Christian Janßen haben jedoch mit großer Gründlichkeit und systematischer Arbeit den Boden dafür bereitet, dass betriebliches Gesundheitsmanagement in Bielefeld-Bethel gelingen kann. Sie haben Mitarbeitende befragt, was sie denn möglicherweise gesund erhalte. Sie haben Gefährdungsbeurteilungen weiterentwickelt. Sie haben »bewegungsbezogene Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz« initiiert, indem sie technische Hilfsmittel zur Verfügung gestellt oder Trainings wie Rückenschulungen angeboten haben.

Günther Wienberg, stellvertretender Vorsitzender der von Bodelschwinghschen Stiftungen, schreibt in diesem Kontext: »Wunder wird unsere Kampagne nicht bewirken, dafür sind die Herausforderungen zu groß. Aber sie wird hoffentlich etwas über den Tag hinaus, über den einzelnen Programmpunkt hinaus in Bewegung bringen – rein physisch und auch in den Köpfen.«

Die Frage, die sich im Zusammenhang mit der Lektüre stellt, ist die nach dem Ertrag des Buchs für andere Betriebe im Sozial- und Gesundheitswesen. Es liegt vor allem in der Systematik des Projekts. In der dokumentierten Studie »Was erhält Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gesund?« kommen praktische Fragen zur Sprache, hätten jedoch mehr Konkretisierung verdient. Insofern eignet sich das Buch weniger als Handbuch für den Mitarbeitenden im Sozial- und Gesundheitswesen als vielmehr für die Leitungsebenen, um es als Orientierung für eigene Projekte zu nutzen.

Es ist zu hoffen, dass so ein Projekt zum betrieblichen Gesundheitsmanagement langfristig Veränderungen bewirkt. Sämtliche institutionelle Ebenen tragen Verantwortung dafür. Wer sich den Alltag der Mitarbeitenden vor Ort anschaut, der muss unbedingt daran erinnern, dass beispielsweise Angebote und auch Dienstpläne so gestaltet werden müssen, dass eine Teilnahme an gesundheitsfördernden Maßnahmen möglich ist. Sonst hat alles Gerede keinen Wert. Und was in Bethel unternommen wurde, wird andernorts vielleicht Nachahmung finden.

Christoph Müller in Psychosoziale Umschau 4/2015

Suche

Derzeit befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Christian Janßen und Jürgen Lempert-Horstkotte (Hg.): Betriebliche Gesundheitsförderung zur systematischen Gestaltung gesunder Arbeit im Sozial- und Gesundheitswesen. Bethel-Verlag, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-935972-43-7, 340 Seiten, 10,90 Euro