Handbuch Arbeit

IFD-ÜSB/BOM. MELBA. DIA-AM. Hä? Bitte lesen Sie nicht weiter, wenn Sie diese Abkürzungen problemlos entschlüsseln können. Sie benötigen dieses Buch nicht. Sonst bitte weiter im Text.

Das neue „Handbuch Arbeit“ ist da. Das ist gut so, denn dieses Grundlagenwerk mit Alleinstellungsmerkmal beantwortet auf dem neuesten Stand alle Fragen zum Thema Teilhabe am Arbeitsleben für psychisch erkrankte Menschen. Na ja, nun mal halblang, so einfach ist es nicht. Trotz eines umfangreichen Stichwortverzeichnisses funktioniert dieses Buch nicht wie Google. Ein wenig mehr Zeit muss man sich schon nehmen, aber es lohnt sich.

Das Prinzip ist bereits bekannt, denn dies ist die dritten Auflage des „Handbuchs Arbeit“. Ein dickes Ding. Wer sich einmal an einer Darstellung des deutschen Hilfesystems versucht hat, der kennt das Problem. Arbeitet man sich nun im Quer- oder Längsschnitt vor? Orientiert man sich an Diagnosen, an Zielgruppen, an Funktionen, an Institutionen, an Rechtsgrundlagen oder an der Finanzierung? Die Herausgeber haben sich für das komplette Menü entschieden und Experten für die jeweiligen Quer- und Längsschnittfragen mit der Lieferung je eines Beitrags beauftragt. Es geht vom Komplexen zum Detail, von den ganz großen Zusammenhängen über die zentralen Funktionen bis zum richtigen Paragrafen Punkt 7 Absatz 3.

Christiane Haerlin zum Beispiel beschäftigt sich recht grundsätzlich mit der beruflichen Beratung, Arnd Schwendy schreibt „Zur Struktur und Entwicklung des Arbeitsmarkts“ und – wenn das kein Klüngel ist – Friederike Steier-Mecklenburg zur „Wiedereingliederung in Arbeit – Methodik und Ergebnisse am Beispiel des BTZ Köln“. Im Grunde genommen werden alle Themen – quer und längs – aufgenommen und bearbeitet. Da sich Längs- und Querschnitt kreuzen, kommt es logischerweise zu Doppelungen. Das macht aber nichts. Da dies eine ungeheuer komplizierte Materie ist, die zumindest ich in meinem Leben sowieso nie mehr wirklich durchdringen werde, kommt es zu positiven Übungs- und Lerneffekten. Aha, davon habe ich doch schon gehört, kommt mir irgendwie bekannt vor.

Immer wieder stößt man auf bestimmte Grundbegriffe wie die „Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben“ (abgekürzt natürlich LTA), auf Institutionen wie die WfbM, auf neue Methoden und Konzepte, wie natürlich die Unterstützte Beschäftigung (UB) oder das Supported Employment (SE). Wofür ist die Agentur für Arbeit zuständig und wofür das Jobcenter? Das wird glücklicherweise sorgfältig aufgedröselt, erklärt und zugeordnet.  

Neu aufgenommen in dieser dritten Auflage sind ausführliche Kapitel zum Thema Inklusion, Empowerment und Barrierefreiheit, deutlich inspiriert durch die aktuellen Debatten zur UN-Behindertenrechtskonvention. Welche Bedeutung hat Arbeit für psychisch erkrankte Menschen? Thomas Becker und Katarina Stengler meinen nach Sichtung der Daten: „Insgesamt lassen wissenschaftliche Studien allerdings keine klare Schlussfolgerung zu, ob Beschäftigung den Krankheitsverlauf positiv beeinflusst.“ Es spricht für die Herausgeber, dass auch dieses Statement seinen Platz gefunden hat.

Weiterhin ergänzt wurde diese Auflage mit einem Kapitel über junge Menschen mit psychischen Erkrankungen. Vier Beiträge widmen sich innovativen Projekten, den Angeboten der Agentur für Arbeit und der grundsätzlichen Problematik. Jedes Kapitel in diesem Buch wird eingeleitet durch einen persönlichen Erfahrungsbericht, meist das Ergebnis eines Interviews, mit dem Fokus auf Ausbildung und Beruf. Diese wunderbar flüssig und leicht zu lesenden Einstimmungen sind ein kluger Schachzug. Sie öffnen beim Leser Herz und Hirn für die Thematik und zeigen vor allem, wie ungeheuer individuell und wenig planbar die Wege sind. Mal klappt was, dann gibt es wieder eine Krise, dann wird abgebrochen, und plötzlich ist dann doch die richtige Nische gefunden – bis zur Insolvenz.

Das „Handbuch Arbeit“ ist kein Sammelband, dazu ist es viel zu klug konzipiert. Es stellt aber die Rezensentin vor vergleichbare Probleme: Zusammenfassen oder Details herausgreifen,– oder ein schlichter Überblick? Ich werde nun beileibe nicht das Inhaltsverzeichnis abschreiben. Ich werde auch nicht die Fehler aufzählen, die mir aufgefallen sind. Ich finde ja auch keine Rechenfehler in einem Beitrag zur Quantenphysik. Nein, Hut ab, es ist erneut ein komplexer Rundumschlag zum schwierigsten, komplexesten, diffusesten Feld Sozialer Arbeit gelungen.

Dass die regionalen Besonderheiten und unterschiedlichen Bezeichnungen von Maßnahmen, Maßnahmeträgern und Konzepten mich verwirren, liegt in der Materie und ist beispielhaft. Geschenkt. Lesen Sie das Buch von vorne bis hinten, überqueren Sie alle Streets und Avenues, Kreuzungen und Kreisverkehre, und Sie können behaupten, etwas über berufliche Rehabilitation zu wissen. Schreiben Sie eine Hausarbeit zum Thema, dann kommen Sie ohne „Handbuch Arbeit“ sowieso nicht bis zur Abgabe. Autorinnen und Autoren von Fachbüchern wissen längst, wo ihr Hammer hängt. Und nun die Auflösung, der Reihe nach:

  • Integrationsfachdienst – Übergang Schule Beruf/Berufsorientierungsmaßnahmen für Schülerinnen und Schüler mit Behinderung
  • Merkmalsprofile zur Eingliederung Leistungsgewandelter und Behinderter in Arbeit
  • Diagnose der Arbeitsmarktfähigkeit besonders betroffener Menschen mit Behinderungen   

Ilse Eichenbrenner in Soziale Psychiatrie 4/2015

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Joachim Storck/Imgard Plößl (Hrsg.): Handbuch Arbeit – Wie psychisch erkrankte Menschen in Arbeit kommen und bleiben. Köln: Psychiatrie-Verlag, 2015, 432 Seiten (plus Downloadmaterial), 39,95 Euro.