Eigensinn und Psychose

In seinem Buch "Eigensinn und Psychose", mit dem schön provozierenden Untertitel ""Noncompliance" als Chance" plädiert Thomas Bock, wie man es von ihm kennt, für eine offene, lernbereite und beziehungsorientierte Umgangsweise mit Menschen mit Psychosen. Insbesondere geht es darum, psychotische Krisen nicht einfach als sinnloses, stoffwechselbedingtes Störungsgeschehen zu betrachten, sondern sie als ein sehr kompexen psychischen, biografischen und sozialen Prozess zu verstehen, sie vor allem aber auch auf ihren Sinn, ihre Funktion, ihre Botschaft hin zu betrachten.

Psychosen als eine Form von Eigensinn, der Versuch, einen eigenen Weg, eine eigene Identität unter erschwerten Bedingungen zu finden. Bock macht auf das psychiatrische Paradoxon aufmerksam, fehlende "Krankheitseinsicht" einerseits als typisches Merkmal von Psychosen zu definieren, andrerseits aber genau diese Einsicht zu verlangen, damit ein Psychose-Betroffener überhaupt psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfen bekommt - oder eben abzuwarten, bis die Kriterien für eine Zwangseinweisung erfüllt sind. Bock verlangt mehr "Krankheits-Einsicht" von den Professionellen, d.h. ein viel breiteres, fantasievolleres und flexibleres Verständnis psychotischer Erlebnisse , und eine Änderung psychiatrischer Strukturen, z.B. mehr aufsuchende psychiatrische Unterstützung.

Die Frage, die er stellt, lautet: wer ist eigentlich unkooperativ- der Patient oder nicht vielmehr der Profi mit seinen festgefahrenen, dogmatischen Überzeugungen und schematischen Behandlungsangboten und -settings? Schön auch, es einmal ausdrücklich von einem Profi ausgesprochen zu bekommen, dass diese mangelnde "Compliance", dieser Eigensinn des Psychose-Betroffenen, auch als eine (mögliche) Ressource gesehen werden kann, weil darin einfach sehr viel Energie und Selbstbewahrung steckt. Seine Liste dessen, was unter Krankheitseinsicht alles verstanden werden kann (S.40) ließe sich noch um einiges verlängern!

Während Thomas Bock in den ersten drei Kapiteln sein grundlegendes Verständnis von Psychosen und den Zusammenhang mit dem Thema "Eigensinn" darlegt, dokumentiert er in einem längeren 4. Kapitel anhand etlicher Fallbeispiele, was diese Herangehensweisen in der Praxis meinen könnten. Ob man den angebotenen Interpretationen immer so folgen mag, ist Geschmackssache, aber angenehmerweise behauptet Bock keineswegs, absolute Wahrheiten gefunden zu haben, sondern zeigt einfach Möglichkeiten auf, den oftmals verengten Blick auf die Situation konstruktiv zu erweitern. Dazu gehört auch eine selbstverständliche, frühzeitige und wertschätzende Einbeziehung der Angehörigen.

Was mir in dem nachfolgenden Plädoyer für diese intensive Einbeziehung und Anerkennung der Mühen der Angehörigen allerdings fehlte - und was mir auch in den Verlautbarungen der organisierten Angehörigen fehlt- ist eine Auseinandersetzung mit dem, was man nun wirklich als "Problemfamilie" bezeichnen muss- Familien, in denen die Angehörigen beispielsweise selbst psychisch erkrankt sind, alkoholabhängig sind, Familien, in denen Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung vorkommen.

Nicht wenige Psychose-Erfahrenen kommen auch aus solchen Verhältnissen, und wenn immer nur die solidarischen, bemühten, wohlmeinenden Angehörigen erwähnt und besprochen werden, gibt das ein schiefes Bild. Es sind ja daneben auch nicht alle Angehörigen hochaltruistische Supervernünftler, sondern auch bei ihnen gibt es, genau wie unter den Psychose-erfahrenen Eigensinnige, Eigenbrötler, Egozentriker, Exzentriker, und alles weitere. So fielen mir zu den familiendynamischen Interpretationen noch weitere ein, z.B.: könnte man nicht auch eine Psychose produzieren, um endlich mit dem ausgeprägten Eigensinn der anderen Familienmitglieder mithalten zu können? Ist nur mal so ein Gedanke.....In einem folgenden Kapitel werden noch einmal die "Essentials" der vorgestellten Begegnungen mit "eigensinnigen"Psychose-Erfahrenen zusammengefasst.

Thomas Bock trägt seine Gedanken und Erfahrungen in einer klaren, gut lesbaren und lebendigen Sprache vor. Ich könnte hier zahlreiches Wichtiges zitieren- und damit den Leser/innen die eigene Entdeckung vorwegnehmen. Gönnen Sie sich dieses Leseerlebnis , und lassen Sie die eigene "Meinung" über Psychosen noch einmal gehörig durchrütteln und erweitern! Abgerundet wird das Buch durch einen übersichtlichen Beitrag zum Recovery-Konzept von Michaela Amering und ein lebendiges Interview mit Dorothea Buck.

Fehlt nur noch eines: wie kriegt man es hin, dass dieses Buch nicht nur von jenen gelesen wird, die Thomas Bock und seine Arbeitweise sowieso schon sehr schätzen und sich seinen Ansichten verbunden fühlen, sondern von denen, die es wirklich nötig hätten? Dazu braucht es noch einen schlauen Trick. Aber vielleicht ist der Untertitel ja schon ein solcher ...

Sibylle Prins in Dr. med. Mabuse

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Thomas Bock: Eigensinn und Psychose - "Noncompliance" als Chance. Paranus Verlag, Neumünster, 5. Auflage 2012. ISBN 3-926200-90-7, 14,80 Euro.