Krisen bewältigen, Stabilität erhalten, Veränderung ermöglichen

»Lebendigkeit«, »Gelassenheit«, »Erfahrung«, »Freiheit«, »Kraft« und »Leidenschaft« sind die Wörter, um die es heute im Konferenzraum II der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel geht. Assoziationen der Anwesenden sind gefragt. Es tagt die wöchentliche Stabilisierungsgruppe unter der Leitung von Marie Boden und Doris Feldt. »Leidenschaft?« liest ein Teilnehmer das Wort auf seiner Trostkarte vor und stellt fest: »Ich leide und ich schaffe nichts.« Überraschtes Stutzen, dann wissendes Nicken und zaghaftes Lachen der übrigen Teilnehmenden. Wie viel Leid eine psychische Erkrankung bedeuten kann und wie wichtig Hoffnung für jeden Einzelnen ist, wissen alle Patientinnen und Patienten im Raum – und auch die Gruppenleiterinnen, die diese Menschen seit Jahren begleiten.

Aus zwölf Jahren praktischer Erfahrung mit der Stabilisierungsgruppe ist ein umfassendes Gruppenkonzept entstanden. Im Handbuch wurden Grundlagen der Dialektisch Behavioralen Therapie (DBT) den Bedürfnissen von Menschen mit Psychoseerkrankungen, bipolaren und depressiven Störungen angepasst und um Verfahren der Imagination erweitert sowie mit Inhalten aus der Euthymen Therapie ergänzt. Ziele der gruppentherapeutischen Intervention sind Begleitung und langfristige Stabilisierung.

In der Gruppe im Konferenzraum II sitzen heute sowohl Patienten, die sich erst kurz in stationärer Behandlung befinden, als auch ambulante Patientinnen, die bereits über mehrere Jahre an der Gruppe teilnehmen und davon berichten können, wie es ihnen gelingt, ihren Alltag mit ihrer psychischen Erkrankung zu bewältigen. Den Gruppenleiterinnen ist es gelungen, einen Rahmen für »ansteckende Gesundung« zu schaffen. Vielleicht ist dies eines der Geheimnisse, weswegen die Gruppe nicht in einen »Schweigemarathon« verfällt, wie es vielen Betroffenen und Fachleuten aus Gruppenangeboten für Menschen mit Psychoseerkrankungen bekannt sein dürfte.

Vielmehr scheint der Erfolg vor allem auch darin zu liegen, der durch die Erkrankung häufig bedingten, großen »Sprachlosigkeit« methodisch begegnen zu können und immer einen Anfang zu finden. Durch eine klare Struktur der Gruppenstunden wird der Einstieg erleichtert, die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen durch Arbeitsblätter unterstützt. Trotz der unterschiedlichen Punkte, an denen sich die einzelnen Gruppenteilnehmer in ihrem individuellen Gesundungsprozess befinden, gelingt es den Gruppenleiterinnen so, Gemeinsamkeiten herzustellen.

Funktioniert nun dieses Konzept aber auch ohne Marie Boden und Doris Feldt? Ja! Natürlich ist es sehr motivierend zu erleben – Hospitanten sind jederzeit herzlich willkommen –, wie viel Geduld beide im Umgang mit den Teilnehmenden haben und wie groß ihre Begeisterung über Ideen aus der Gruppe ist. Auch ihre recoveryorientierte Haltung, die sich beispielsweise in der Mitbeteiligung einer ihrer Teilnehmerinnen als Ko-Moderatorin zeigt, ist beeindruckend. Aber die Idee des Handbuchs zur Gruppenmoderation und der Wunsch der Autorinnen ist es eben, dieses Wissen zu teilen.

Ein Kapitel zur praktischen Anwendung und ein weiteres zu den Grundprinzipien des Vorgehens ermöglichen, ihren Ansatz schnell zu erfassen und zügig umzusetzen. Die Arbeitsblätter, die als Downloadmaterialien zur Verfügung stehen, erfordern kein langes Einlesen und keine aufwendige Vorbereitung, wenn es – wie so oft im Alltag – mal wieder schnell gehen muss. Wenn man einem Patienten gerne schon einmal ein Stückchen weiterhelfen oder einen ersten Anknüpfungspunkt schaffen möchte, kann man das Manual oder einzelne Arbeitsblätter auch gut direkt an Patientinnen und Patienten weitergeben, denn es eignet sich auch als Handreichung zur Selbsthilfe. »Ich lerne, nach meinen Bedürfnissen zu leben, Selbstfürsorge, sowie Positives und Negatives zu integrieren. Ich erkenne meine Gefühle und lerne den Umgang damit. Die Gruppe gibt mir Hoffnung und Mut«, beschreibt eine Gruppenteilnehmerin ihre Erfahrungen.

Mit diesem Handbuch aus der Praxis für die Praxis kann man dem Leiden psychisch kranker Menschen und ihrer zeitweiligen Verzweiflung, gerade nur wenig zu »schaffen«, aktiv begegnen, indem gemeinsam mit ihnen Zugänge zu individuellen Ressourcen und Bewältigungsstrategien eröffnet werden.

Das Buch wendet sich gleichermaßen an psychiatrisch Tätige, Betroffene und sie unterstützende Personen. Es sollte zum selbstverständlichen Bestandteil der Arbeit mit psychisch kranken Menschen in psychiatrischen Kliniken und komplementären Einrichtungen gehören. Besonders geeignet scheint es für die Arbeit im Betreuten Wohnen oder in Tagesstätten, also Bereichen, in denen Menschen häufig über lange Zeiträume begleitet werden. Gut vorstellbar ist es aber ebenso in der Einzel- oder Gruppenarbeit der (ambulanten) Ergotherapie zur Aktivitätsförderung.

Marie Boden, Doris Feldt: Krisen bewältigen, Stabilität erhalten, Veränderung ermöglichen. Ein Handbuch zur Gruppenmoderation und zur Selbsthilfe. 4., erweiterte Neuausgabe, Psychiatrie Verlag, Köln 2012, ISBN 3-88414-539-5, 408 Seiten, zahlreiche Downloadmaterialien, 39,95 Euro

Christiane Tilly in Psychosoziale Umschau 1/2013

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Boden M, Rolke D: Krisen bewältigen, Stabilität erhalten, Veränderung ermöglichen. Ein Handbuch zur Gruppenmoderation und zur Selbsthilfe. Psychosoziale Arbeitshilfen 25, Psychiatrie-Verlag, 3. Auflage Bonn 2009, 199 S., 29,90 Euro