Therapie und Beratung in Zwangskontexten

Woran liegt es, dass mir Fragestellungen zu Zwang, Gewalt, Unfreiwilligkeit, Freiheitsbeschränkung zurzeit so häufig begegnen? Vielleicht hat das auch etwas mit der neuen Entschlossenheit des Staates zu tun, Regeln zu setzen und durchzusetzen. Im weltweiten Wirtschaftskontext hat der global-liberale Kapitalismus seine Freiheit überstrapaziert – jetzt werden neue Zügel gestrickt, alte Regeln neu zur Geltung gebracht, werden Schadensbegrenzung und Rückfallprophylaxe versucht.

„Mehr Staat wagen“ scheint die Parole zu lauten. Bankenprivatisierung wird denk- und machbar. Für den Umgang mit Aktionären gilt das wohl bekannte „Verhandeln statt behandeln“ – bei fortgesetzter Non-Compliance allerdings droht unausweichlich die Enteignung.

In Psychiatrie und Gemeinde wird landauf, landab über (Un-) Sinn und Nutzen geschlossener Wohnangebote diskutiert. Hintergrund ist vielfach die Erfahrung, dass der weitestgehende Verzicht auf Zwangsmaßnahmen ethisch problematisch und fachlich unbefriedigend ist. Selbst wenn wir das persönliche Recht auf Selbstgefährdung, Verwahrlosung oder Suizid für schützenswert halten – die individuelle Freiheit, auch eines kranken bzw. behinderten Menschen, endet bekanntlich spätestens dort, wo körperliche Unversehrtheit, Gesundheit und Leben des Nächsten in Gefahr sind.

Die Frage nach dem „Ob“ von Zwangsmaßnahmen ist natürlich längst beantwortet, durch die PsychKGs der Länder, durch Polizeigesetze, durch teilweise gewagte Auslegungen des § 1906 BGB. Interessanter ist die Frage nach dem „Wie“ – wie arbeite ich therapeutisch mit Menschen, denen es an Einsicht, Motivation, Unrechtsbewusstsein, Veränderungswillen fehlt?

Die sich weder für eine Therapie noch für mich als Therapeuten entschieden haben? Für die auch ich mich nicht individuell entschieden habe, sondern eher indirekt durch die Entscheidung für ein Anstellungsverhältnis oder durch die Annahme eines Auftrags durch Dritte.

Aus der Perspektive des unfreiwilligen Patienten stellt sich die Frage, wie er aus der Zwangssituation wieder herauskommen kann. Diese Sichtweise greift Marie-Luise Conen auf, indem sie das therapeutische Angebot als Titel wählt: „Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden?“ Das Buch ist bereits seit 2007 auf dem Markt. Im Internet sind mehrere hilfreiche Rezensionen zu finden, die hier nicht nacherzählt werden sollen. Anlässlich des Erscheinens der zweiten Auflage lege ich es allen ans Herz, die den berühmt-berüchtigten doppelten Auftrag der Psychiatrie bewusst annehmen und gestalten wollen.

Marie-Luise Conen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Unfreiwilligkeit in Beratungs- und Therapiesituationen. Auf der Grundlage umfangreicher Literaturrecherche thematisiert sie Konstruktionen wie Einfluss, Macht, Zwang, Hoffnung(slosigkeit). Zu „unseren“ Themen Stigmatisierung und Marginalisierung, zur systemischen Beschreibung von Motivation versus Motivationsmangel, Fremd- versus Selbstbestimmung usw. habe ich eine Fülle von Argumenten gefunden.

Der zweite Teil dokumentiert Beispiele aus der therapeutischen Arbeit des 2004 verstorbenen Gianfranco Cecchin. In den Protokollen wird Heinz von Foersters „systemischer Imperativ“ sichtbar: „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird.“

Das Buch idealisiert dabei nicht, verschweigt nicht die Mühsal, die manche Patienten-Systeme uns bescheren. Dass auch gestandene Systemikerinnen und Systemiker Phänomenen wie Übertragung und Gegenübertragung unterliegen, wird zwischen den Zeilen und in den Zwischenkommentaren spürbar – das macht die Darstellung authentisch und steigert das Lesevergnügen.

Martin Osinski in Soziale Psychiatrie

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Marie-Luise Conen/Gianfranco Cecchin: Wie kann ich Ihnen helfen, mich wieder loszuwerden? Therapie und Beratung in Zwangskontexten. Mit einem Beitrag von Rudolf Klein. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, 2. Aufl., 2009, 288 S., 29,95 EUR