Nerven bewahren - Alltag in der Akutpsychiatrie

Sorry, aber ich bin von Natur aus misstrauisch. Als ich die Ankündigung für dieses Buch las, dass da ein Klinikpsychologe Sätze und Gesprächsteile aus seinem Arbeitsalltag in ein Sudelheft geschrieben habe und vorstellt, dachte ich: Was soll das denn werden? Äußerungen von Psychiatrie-Patienten, ausgewertet à la »Lustiges aus Kindermund«?

Bei der Lektüre merkte ich sehr schnell, dass es sich anders verhält: Da finden sich zwar Äußerungen von Patientinnen und Patienten. Aber auch von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sowie Situationen, an denen beide beteiligt sind. Dazu noch Beispiele aus der Fachliteratur und Situationsbeschreibungen. Und, obwohl manche Zitate ein Schmunzeln auslösen, macht sich der Autor keineswegs lustig. Das Besondere ist nämlich, dass er nicht nur ausgebildeter systemischer Psychologe ist, sondern außerdem noch Sprachwissenschaftler. Nachdenklich, (selbst-) kritisch und gleichzeitig kreativ untersucht er, worum es bei den manchmal ein- oder mehrdeutigen, oft überraschenden Sätzen und Interaktionen eigentlich geht.

Einerseits war für mich interessant, mal etwas von der »anderen Seite« über Klinikabläufe zu erfahren, zum Beispiel von Stationskonferenzen, von denen wir Psychiatrie-Erfahrenen im Allgemeinen nichts mitbekommen – außer verschlossenen Türen, vor denen wir dann stehen. Andererseits gab es auch für mich einen hohen Wiedererkennungswert: Schon zu Beginn des Buches bemerkt der Autor, dass die Patientinnen sich mit ihren Mitpatienten wohl noch in ganz anderer Weise unterhalten als mit Mitarbeitern. Wie wahr.

Ich erinnere mich zum Beispiel, dass wir als Patienten einer Tagesklinik in der Pause einer „psychoedukativen Gruppe“ über ganz andere Auslöser für unsere Krisen sprachen, als zuvor in der Anwesenheit der Profis. Auch solche Blüten wie einen Patienten »an die Kontaktstelle anbinden« sind mir schon unschön aufgestoßen. »Anbinden« hat ja im psychiatrischen Rahmen noch eine ganz andere, sehr wörtliche Bedeutung. Dagegen werden gewaltsamen Fesselungen sprachlich verharmlost und versachlicht als „Der Patient ging in die Gurte“.
Auch die Kanalisationsmetaphern »ein Abflussproblem auf der Station« (die Station ist überfüllt und es sind zu wenig Entlassungen in Aussicht) ist mir schon begegnet. Wobei ich mich, als ich mit diesem Profi-Jargon erstmals zu tun bekam, schon fragte, ob nicht mit dem vielgenannten »Versorgungssystem« eigentlich ein Entsorgungssystem gemeint ist.

Sehr schön präzise herausgearbeitet fand ich auch die Situationen, in denen für Patienten eigentlich gar keine Antwort mehr möglich ist, und sie dann zu Formulierungen greifen, die paradox oder sogar unverständlich erscheinen, bei genauerem Hinsehen aber die Sachlage sehr genau erfassen. Etwa: „Ich bin freiwillig abgehauen“ oder „Ich muss wohl wollen“. Darüber hinaus gefielen mir die Überlegungen zu den verschiedenen Metaphern, zu denen Menschen greifen, wenn sie Gefühle beschreiben wollen.

Der Buchtitel »Nerven bewahren« bezieht sich sowohl auf den möglichst sorgsamen Umgang mit den »Nerven« der Patientinnen und Patienten als auch mit den eigenen Ressourcen als Mitarbeiter. Bei fast allen Alltagsbeispielen reflektiert der Autor sehr fundiert und weitsichtig, wie sinnvolles professionelles Handeln gegenüber Patienten aussehen könnte. Im letzten Teil des Buches gibt er dann noch konkrete Anregungen zur Bewahrung der Mitarbeiternerven. Gelassenheit und Humor spielen eine Rolle, aber auch kleine Auszeiten, und solche wichtigen „Kleinigkeiten“ wie: antwortet man per Mail auf eine Anfrage, oder spricht man lieber persönlich mit dem Kollegen? Denn im sozialen System Klinik arbeitet niemand für sich allein.

Trotz aller Freude an der Lektüre ein kleiner Kritikpunkt: dass Menschen mit psychischen Problemen, die in einer Klinik sind, allgemein Patienten genannt werden, finde ich völlig o.k. Ich hätte mir aber gewünscht, dass der Autor dort, wo es um die Schilderung sehr konkreter, einzelner Begegnungen geht, eine etwas persönlichere Formulierung gewählt hätte, also nicht immer strikt bei »der Patient« (oder die Patientin) geblieben wäre. Klar, den richtigen Namen darf man nicht nehmen, Namen erfinden ist auch nicht immer das Beste, aber man kann ja auch »Frau A.« oder Herr X schreiben.

Denn gerade dieses immer auf die Patientenrolle beschränkt sein, blendet aus, dass wir Psychiatrie-Erfahrenen einen Namen und eine über unser Patientsein hinausgehende Lebensgeschichte (und andere Rollen) haben. Das empfinde ich als unnötige sprachliche Versachlichung, also etwas, was Andreas Manteufel eigentlich gerade anprangert – Begegnung auf Augenhöhe ist das aus meiner Sicht nicht.

Verzeihung, Herr Manteufel. Ich habe Ihr Buch ansonsten nämlich sehr gern gelesen. Es ist erhellend, überraschend, nachdenklich und unterhaltsam. Ich werde es sicher noch öfter lesen. Und gerne weiterempfehlen.

Sibylle Prins in Psychosoziale Umschau

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Andreas Manteufel: Nerven bewahren. Alltag in der Akutpsychiatrie – Aus dem Sudelheft eines Psychologen. Paranus Verlag, 184 Seiten, ISBN 3-940636-19-5, 14,80 Euro.