Anatomie der Schwermut

"Die Anatomie der Schwermut" ist in den Augen seiner Bewunderer (James Joyce, Samuel Beckett, Djuna Barnes, Walter Jens u.a.) ein pedantisches und geniales, hochgelehrtes und witziges, stocksteif gegliedertes und ausschweifendes Monstrum, ein Buch ohne Beispiel: alexandrinisch und verrückt, gelehrt und irre, der Scholastik verpflichtet und, wie Walter Jens weiß, "Jean Paul präludierend".

"Ich behaupte vom Melancholiker, daß er die Quintessenz, das Endprodukt und den Gipfel menschlichen Mißgeschicks darstellt und daß alle anderen Krankheiten verglichen mit dieser Heimsuchung nur Flohbisse sind, denn sie ist der Inbegriff allen Unheils." Robert Burton (1577-1640)

"Anatomie der Schwermut" ("Anatomy of Melancholy"), Robert Burtons Meisterwerk von 1621, ist nach fast vier Jahrhunderten immer noch eine beredte, überlegene Kampfansage eines weltoffenen Geistes an unser psychopathologisch verengtes und verkümmertes und irgendwie gottloses Melancholieverständnis. Wir, die wir so gern von krankhafter Geistesverwirrung und endogener Depression reden, statt die Parameter der Normalität mit der Heillosigkeit der Welt und des eigenen Daseins auf die Dimension der Selbstbeobachtung und Innenschau zu erweitern, sollten diesem eigenwilligen Denker modeunabhängig folgen. Und profitieren.

Denn Burton erklärt weder antipsychiatrisch das Kaputte zum Heil, noch beschönigt er die Schwermut. Er fokussiert "lediglich" virtuos u.a. die fatale Gesundheit der "Absonderlichen" und das bräsige Siechtum der "Kerngesunden". Burton, der Seelenkenner, dessen Kunst auch im Zeitalter der Psychopharmaka noch überzeugt und dessen Sätze existenziell beglaubigt sind. Burton: "Sie haben ihr Wissen aus Büchern, ich verdanke meins meinen melancholischen Anwandlungen selbst. Ich rede aus schmerzlicher Erfahrung."

Dieser unscheinbarer Theologe, der sein Leben lang als Geistlicher und Gelehrter am Christ Church College zu Oxford tätig war und bei Erscheinen seiner 800 Seiten starken Erstausgabe gerade mal 44 Jahre alt, entpuppt sich als grandioser Erzähler, Zitatenequilibrist und Naturtalent in Sachen Seelenkunde. Er schafft einen faszinierenden Tintenkosmos, eine literarische Welt ganz eigener Prägung. Burton, der Bildungskosmopolit, unternimmt Expeditionen im Gedankendschungel und Irrfahrten über die Büchermeere und Streifzüge durch gelehrte Köpfe. Die Welt ist bunt, und Burtons enzyklopädisches Abbild ist es nicht minder.

In der "Anatomie der Schwermut" ist ein besessener "Buchverzehrer" am Werk, der in jahrzehntelanger Arbeit nicht nur ein Kompendium der Melancholie, sondern eine Art von "Summe" psychologischer, politischer, juristischer, naturwissenschaftlicher Kenntnisse zieht, eine britannische Jahrhundertbilanz. Er häufte Zitat auf Zitat, durchsetzte das familiär-derbe Englisch mit lateinischer Gelehrsamkeit und studierte Tag und Nacht, um die Schwermut zu besiegen.

So beschrieb er die Torheit der Welt, zog wie Erasmus die Narreteien der Großen ans Licht, kühl und genau, stellte lange Kataloge von absurden Verhaltensweisen zusammen und hob die Stimme nur - dann freilich mit Pathos –, wenn es den Aberwitz des Aberwitzes, den Krieg, zu dekuvrieren galt. Burton verstand sich auf Witz und Sarkasmus so gut wie auf idyllische Schilderung und hochpathetisches Schreiben. Burton in seiner Besessenheit und seinem Tick, die ganze Welt unter dem Stichwort "Melancholie" zwischen zwei Buchdeckeln unterzubringen...

Laut Burton ergibt sich die Melancholie nach antikem, weit in die Neuzeit hineinreichendem Verständnis aus einer Störung des Säftehaushalts im Körper, einer Dominanz der schwarzgalligen (auf Griechisch: melancholischen) Elemente, die, das Gleichgewicht unterbrechend, dem harmonischen Zusammenspiel mit den übrigen Kräften, dem Schleim, dem Blut und der gelben Galle, ein Ende bereiteten.

Der Autor wartet mit einer Fülle von spaßig-krausen Überlegungen zur Bekämpfung der Schwarzgalligkeit auf: nur kein dunkles Fleisch, nur nichts Hartes und nichts Bitteres; nur keine Lebensweise, die das Stocken der Säfte befördert! Entleerung und Verflüssigung sind angezeigt; reichliche Defäkation, munterer Geschlechtsverkehr, krampflösendes Gespräch unter Freunden statt des sinnierenden Brütens, ein heiteres Sichergehen im Freien anstelle des mönchischen Hockens am Schreibtisch... und vor allem viel Musik, sorgfältig dosiert und mit Kenntnis und Raffinement ausgesucht...

Dennoch: Das Buch liefert keine medizinische Abhandlung. Burton benutzt wissenschaftliche und protowissenschaftliche Erkenntnisse aus zwei Jahrtausenden, um mit diesen an sich unzulänglichen und unaufhaltsam verblassenden Mosaiksteinchen ein Bild der Schwermut zu entwerfen, das, weit über alle Lehrbuchdarstellungen von Depression hinaus, die Essenz jener Schwermut auf den Begriff bringt. Diese Hölle, in der die Schwermütigen leben, dieses Kerkerloch, in das kein Licht und keine Hoffnungen dringen.

Als literarischer Schnorrer und als Pump-Genie, der insgesamt über tausend Autoritäten zitiert, aber dennoch unverwechselbar bleibt, hinterlässt uns Burton ein Weltpanorama, in dem von Liebe und Religion, Wahn und Sex, Politik und Krieg ebenso die Rede ist wie von der „schwarzen Galle“. Die Säfte- und Temperamentenlehre benutzt Burton als grundlegendes Erklärungsmuster. Dass diese ihre Plausibilität und Reputation verloren haben, schmälert nicht die Burton'sche Substanz. Der versunkene Bildungskosmos, auf den er sich bezieht, liefert zusätzlichen melancholischen Anschauungsunterricht.

"Die Anatomie der Schwermut" ist in den Augen seiner Bewunderer (James Joyce, Samuel Beckett, Djuna Barnes, Walter Jens u.a.) ein pedantisches und geniales, hochgelehrtes und witziges, stocksteif gegliedertes und ausschweifendes Monstrum, ein Buch ohne Beispiel: alexandrinisch und verrückt, gelehrt und irre, der Scholastik verpflichtet und, wie Walter Jens weiß, "Jean Paul präludierend".

Es ist großartig, dass der entdeckerfreudige Hans Magnus Enzensberger in seiner "Anderen Bibliothek" endlich, 2003, eine deutsche Neuauflage gewagt hat, die obendrein bibliophil gewandet ist und sowohl kongenial übersetzt als auch mit einem klugen Essay von Ulrich Horstmann. So dass nun zu hoffen ist, dass dieses ungeheuerliche Kunstwerk auch hierzulande ein Publikum finden möge, dass es verdient.

Brigitte Siebrasse in Soziale Psychiatrie

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Robert Burton: Die Anatomie der Schwermut - Über die Allgegenwart der Melancholie, ihre Ursachen und Symptome sowie die Kunst, es mit ihr auszuhalten. Berlin: Eichborn-Verlag, 2003, 432 S., 30,- Euro