Der niedergeschlagene Mensch

»Nur in Abkehr von der dominierenden Medikalisierung der Depression können die Fragen gehört werden, die durch das Leiden der Depressiven an unsere Gesellschaft und an jeden Einzelnen gestellt werden.« So lautet der letzte Satz des Buches der Sozialwissenschaftlerin Charlotte Jurk. Bei diesem Buch handelt es sich um eine medizin-historische Analyse, die Verwandtschaft zu Klaus Dörners »Bürger und Irre« aufweist. Jurk analysiert die Wandlungen des Melancholiebegriffs von der Antike über Mittelalter, Renaissance und Aufklärung bis hin zur Gegenwart. Antike und Mittelalter bringen andere Melancholiker hervor als z. B. die Renaissance.

Jurk macht deutlich, wie bis in die Renaissance hinein das Gespür für das Transzendente erhalten bleibt, das durch die Helle des neuen Wissens und neuer Techniken nicht aus seiner dunklen Unerreichbarkeit gelöst werden kann. Gerade das neue Wissen verunsichert den Menschen in seiner Stellung im Universum, bringt eine Melancholie eigener Art hervor. Die Melancholie der Renaissance wird mit Weisheit assoziiert. Hier ist noch im Erkennen die unüberwindliche Grenze des Nicht-Erkennbaren bewusst.

Im Zeitalter der Aufklärung beginnt eine entscheidende Wandlung, in der Melancholie vor allem als Ausdruck einer »schwächlichen, kränklichen Konstitution« begriffen wird. Der Melancholiker wird immer mehr zu jemanden, der die positiven Errungenschaften der Vernunft und ihrer Ordnungen stört. Sprachlich außerordentlich gekonnt, zeichnet Jurk die allmählichen Wandlungen bis hin zur Gegenwart nach, einer Gegenwart, in der die zur Depression mutierte Melancholie schließlich zu einer epidemischen Stoffwechselstörung wird, der vor allem chemisch zu Leibe gerückt werden muss.

»Die ökonomische Bedeutung der Depression wird zu ihrer größten Stärke. Aus den errechneten Summen an Arbeitsausfallkosten und Lebensqualitätseinbußen lässt sich auch ein hoher Krankheitswert berechnen.« Nunmehr werde mit einem »merkwürdig eingeengten Blick auf das Phänomen der Depression« geschaut.

Jurk beschreibt, wie diese Einengung durch das Zusammenspiel von biologischem Reduktionismus und ausufernden Standardisierungsinteressen zustande kommt. Immer feiner werde »das Sieb der planerischen Durchforstung. Das Instrument der diagnostischen Codierung gerät dabei immer mehr zum Selbstzweck« Jurk fragt, ob der Diagnosecode der tatsächlich vorliegenden Krankheit folge oder ob sich die Krankheiten nach dem vorgegebenen Schlüssel zu richten haben.

Von der ersten bis zur letzten Seite spürt man dem Buch ab, dass es aus dem leidenschaftlichen Interesse heraus geschrieben wurde, zu verstehen, wie es zu der derzeitigen Vereinseitigung psychiatrischer Zugänge zu seelischem Leiden, speziell des Leidens an Leere, Einsamkeit und Sinnverlust, dem das derzeitig Depressionsverständnis kaum gerecht werden kann, hat kommen können.

Die pointiert kritischen Attacken der Autorin gelten einem im Kern menschenfeindlichen Zusammenspiel biologistischer Psychiatrie, einseitigem Wissenschaftsverständnis und ökonomischen Interessen. All dies werde von einer Gesellschaft akzeptiert »die die seelischen Ressourcen ihrer Mitglieder als arbeits- und verwertungsrelevant anzapft, in der Glück als Pille käuflich ist und Einsamkeit zur ›Autonomie‹ hochstilisiert wird«.

Die sich durch alle Kapitel des Buches ziehende eindeutige Parteilichkeit für eine andere, menschlichere Psychiatrie hält Charlotte Jurk nicht davon ab, als Wissenschaftlerin äußerst genau zu arbeiten. Mit zahlreichen Zitaten aus interessanten zeitgeschichtlichen Quellen wird der Wandel der Sichtweisen auf den niedergeschlagenen Menschen über die Epochen hinweg genau belegt.

Diesen Parcours durch die Geschichte hier in angemessener Differenziertheit und Kürze nachzuzeichnen, scheint mir kaum möglich. Möglich ist es jedoch, den erwartbaren Effekt auf den Leser/die Leserin zu beschreiben. Es wird ihm /ihr unmöglich sein, in der heute nahezu vorausgesetzten Gläubigkeit an das derzeitige medizinisch dominierte Depressionsmodell zu verharren. Seine gesellschaftliche Bedingtheit wird ihm/ihr in dieser Arbeit all zu eindringlich deutlich gemacht.

Ein epochales Ereignis, das Jurk unter anderem herausarbeitet, sei allerdings noch hervorgehoben: Emil Kraepelin war um 1900 gleichzeitig an der Wende zur diagnostischen Katalogisierung und an der Vorbereitung des menschenverachtenden Jargons der Nazis beteiligt. Das gibt in besonderer Weise zu denken. Begriffe wie »Entartung« und »geistige Minderwertigkeit« haben hier ihren Ursprung.

Charlotte Jurk gelingt es, Brücken zu den fast vergessenen Erkenntnissen anthropologischer Psychiatrie, wie sie sich bei Jaspers, Dilthey, Binswanger, Tellenbach, Glatzel u.a. findet, zu schlagen. Ihr Buch stellt einen wichtigen Beitrag zur Wiederherstellung der Psychiatrie als Erfahrungswissenschaft dar. Eine Erfahrungswissenschaft, die um die »Verwobenheit von Untersucher und Untersuchtem« weiß, die den Versuch unternimmt »etwas zu beschreiben , was sich in der Begegnung ereignet«.

Der Erfahrungswissenschaftler sei sich bewusst, dass »sein eigenes Vorwissen, sein Vorurteil Einfluss auf seine Erfahrung nimmt«. In den gängigen standardisierten Depressionsmessinstrumenten hingegen seien bereits »zahlreiche Unterstellungen enthalten«. Die Konstrukteure solcher Instrumente scheinen vorauszusetzen, dass sie wüssten, was Traurigkeit ist, wenn sie danach fragen. Es gibt aber nicht die Traurigkeit, sondern nur das Traurigsein einer bestimmten Person, an deren Selbstverständnis und Vorverständnis Ärzte, Psychologen etc. anzuknüpfen habe.

Nicht in standardisierten Messinstrumenten, sondern in Gesprächen könne sich das Grundthema der Depression zeigen, das Jurk in Anknüpfung an Binswanger, Glatzel u.a. als »Verlust« auffasst. Verlust des anderen, Verlust der Welt, Verlust der Zukunft, Verlust des Vertrauens in die eigene Leiblichkeit.

Die biologische Psychiatrie hingegen bringe »den Depressiven zum Schweigen, indem sie unmittelbar ›weiß‹, was sein Problem ist und ihn mit Therapieanweisungen überschwemmt«.

An dieser Stelle wäre vielleicht zu fragen, ob Jurk in ihrer einerseits erfrischenden Polemik gegen Einseitigkeiten und ihrer Parteilichkeit für die Psychiatrie als Erfahrungswissenschaft den Menschen als immer auch biologisches Wesen, das sich nicht nur mit Sinnfragen, sondern auch mit den biologischen Gegebenheiten seiner Konstitution auseinandersetzen muss, ein wenig vernachlässigt. Das Buch ist jedoch nicht in einer Weise geschrieben, die vorgibt die »richtigen« Antworten auf alle Fragen zu wissen, sondern will zum neuen Nachdenken über eben solche Fragen anregen.

Charlotte Jurk verbindet philosophische Nachdenklichkeit mit solider Kenntnis psychiatrischer Praxis. (Sie hat jahrelang als Sozialarbeiterin in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet.) Wahrscheinlich ist es diese Mischung, die das Buch so gut lesbar macht.

Es wäre sehr zu wünschen, dass ihre Arbeit, die sich mutig gegen scheinbar nicht hinterfragbare (diagnostische) Übereinkünfte positioniert, auch in den Aus- und Weiterbildungsinstitutionen wahrgenommen würde.

Renate Schernus in Sozialpsychiatrische Informationen

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Jurk C (2008): Der niedergeschlagene Mensch – Depression – Geschichte und gesellschaftliche Bedeutung einer Diagnose. Münster: Westfälisches Dampfboot, 215 Seiten, 24,90 Euro