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Inmitten vom Nirgendwo

Ein lesenswertes Buch für Betroffene, Angehörige und professionell Tätige, die mit Borderline-Betroffenen arbeiten und bereit sind, sich der ungeschönten Beschreibung von sehr persönlichen existenziellen Erfahrungen zu stellen. Im Anhang finden sich persönliche Gedichte, Bilder, die Abschrift des Entlassungsberichts der Autorin sowie Internetadressen.

Noch einmal wagt sich eine junge Frau in die Wohnung ihres gewalttätigen Ex-Freundes, als dieser nicht zu Hause ist. Während sie ihre persönlichen Dinge einpackt, wird die Eingangstür von außen aufgeschlossen… An dieser Stelle des Buches »Inmitten vom Nirgendwo« wird die Spannung für die Lesenden fast unerträglich, die Schilderung erinnert an einen Krimi. Aber das Buch von Tina S. ist kein Krimi, es ist die Erzählung über ihre 23-jährige Lebensgeschichte, die von Gewalterfahrungen und Verzweiflung geprägt ist.

Als einschneidend beschreibt die Autorin die Entscheidung ihrer Eltern, mit ihr und ihrem Bruder aus einer Plattenbausiedlung aufs Land zu ziehen. Mit diesem Umzug muss sie Freunde und vertraute Strukturen hinter sich lassen. Überfordert mit der neuen Lebenssituation wird sie magersüchtig und erstmals in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Mit 16 Jahren schließt sie sich den Punks an. Ihr Freund ist alkoholabhängig, sie rutscht in eine Co-Abhängigkeit. In dieser Beziehung und von einem Fremden im Park wird sie vergewaltigt. Suizidversuche, ihre Essstörung und Selbstverletzungen sind der Versuch, die erlebte Gewalt nicht spüren zu müssen. In der Folge wird sie in psychosomatischen und psychiatrischen Kliniken behandelt. Sie bekommt die Diagnose Borderline. Ihr Vater nimmt sich das Leben, in der Psychiatrie wird sie von einem Pfleger missbraucht – trotz allem gelingt es ihr, das Abitur zu machen und ein Studium aufzunehmen. Sie schafft es, ihre Energie wieder für sich zu nutzen, statt sie gegen sich zu richten. Heute sagt sie: »ICH LEBE EINFACH! Und es macht so viel Spaß!«

Das Buch von Tina S. ist aber aufgrund der Gewalterfahrungen eine Herausforderung für die Lesenden. Umso beeindruckender ist es, wie es der Autorin gelungen ist, sich auf einen Gesundungsweg zu begeben und diesen auch darzustellen. Herrscht im ersten Teil des Buches ein Berichtsstil mit analytischen Kommentaren vor, stellt im zweiten Teil die Verarbeitung persönlicher Tagebuchaufzeichnungen eine Nähe her, die von der emotionalen Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen zeugt. Gerade dieser Teil macht Hoffnung, scheinen doch auch sehr traumatische Erlebnisse bewältigbar.

Ein lesenswertes Buch für Betroffene, Angehörige und professionell Tätige, die mit Borderline-Betroffenen arbeiten und bereit sind, sich der ungeschönten Beschreibung von sehr persönlichen existenziellen Erfahrungen zu stellen. Im Anhang finden sich persönliche Gedichte, Bilder, die Abschrift des Entlassungsberichts der Autorin sowie Internetadressen. Ergänzt wird das Buch durch einen umfangreichen Erklärungsteil, in dem die Diagnose Borderline und Begleitsymptomatiken basierend auf Wikipedia (interaktives Internetlexikon) erklärt werden.

S., Tina: Inmitten vom Nirgendwo. Der lange Weg einer Borderline-Patientin. Holzheimer, Hamburg 2005, ISBN 3-938297-23-9, 275 S., 17,80 Euro

Christiane Tilly in Psychosoziale Umschau 1/2006