Trialog praktisch

Das Thema

"Trialog", das ist der Dialog von mindestens drei Beteiligten. Die drei Herausgeber - zwei Psychologen und ein Redakteur mit Psychiatrie-Erfahrung - haben in diesem Band Patienten, Angehörige psychisch kranker Menschen, psychiatrische Profis, Vertreterinnen von Verbänden, Kliniken und Selbsthilfegruppen sowie interessierte Laien zu Wort kommen lassen, um ihre Erfahrungen, Erfolge, Misserfolge, Erwartungen, Enttäuschungen, Konzepte und Pläne auf dem Wege zu einer Verbesserung der Verständigung und Zusammenarbeit darzustellen. Ziel des Weges ist eine "demokratische Psychiatrie", bei der alle Beteiligten "in Augenhöhe" miteinander sprechen, ohne dass jemand dabei "einen langen Hals" bekommen muss.

Hintergrund

Geburtsstunde des "Trialogs" war das erste "Psychose-Seminar" an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Hamburg 1989, zu dem Psychose-Erfahrene und Angehörige von Patienten erstmalig als eigentliche Experten eingeladen wurden, um mit den Studierenden darüber zu sprechen, wie sie Psychosen erlebt haben und was sie von Professionellen als Hilfe erwarten. Die Idee der Psychose - Seminare hat schnell vielerorts gezündet, inzwischen gibt es in Deutschland etwa 130 solcher trialogischen Seminare und Foren.

Der Trialog findet aber längst nicht mehr nur in diesen Seminaren statt sondern auch auf Kongressen, in Institutionen, Verbänden und psychiatrischen Einrichtungen. Psychiatrie sollte, so wird von Angehörigen und Patienten gefordert, immer trialogisch sein. Im vorliegenden Buch wird nun, nach 15 Jahren Trialog - Erfahrung, aus den unterschiedlichen Perspektiven darüber berichtet, zurückgeblickt, kritisiert und bilanziert.

Aufbau und Inhalt

Die 30 Beiträge (8 Betroffene, 3 Angehörige, 3 Laien, 16 Profis) sind drei thematischen Blöcken zugeordnet:

  1. "Psychose - Seminare, Chancen und Grenzen": Psychoseseminare sind therapiefreie Orte der Verständigung und ermöglichen, so die Autoren, den Teilnehmenden ein neues Selbstverständnis, Entlastung und Entwicklung. Das psychotische Welterleben kann hier mit anderen geteilt werden, verliert an Bedrohlichkeit und wird zu einer von vielen menschenmöglichen Erlebensweisen. Andererseits wird deutlich, dass die Psychiatrie noch weit davon entfernt ist, auf ihre "monologischen Dialoge" und ihre Gesprächslosigkeit zu verzichten und dass das Gespräch immer wieder erkämpft werden muss. Hiervon berichten besonders die Angehörigen. Eine wissenschaftliche Untersuchung über die Zusammensetzung und Herkunft der teilnehmenden Professionellen zeigt denn auch, dass es sich eher um Mitarbeiter aus den mittleren Hierarchien des komplementär - ambulanten Bereichs handelt, nicht um die, die in den Kliniken das Sagen haben.
  2. "Trialog - was wollen und tun die Verbände?": Hier kommen u.a. Vertreter der Selbsthilfeorganisationen der Psychiatrie-Erfahrenen, der Angehörigen, der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie und der Bundesdirektorenkonferenz zu Wort und geben ein komplexes Bild von der Unterschiedlichkeit der Positionen: So geht es beispielsweise um die Forderung nach einem am subjektiven Erleben orientierten Krankheitsverständnis, um neue Inhalte in der psychiatrischen Facharztausbildung, um uneingeschränkte Beteiligung der Angehörigen bei der Gestaltung von Strukturen und ihre Einbeziehung in Behandlung und Rehabilitation aber auch um die Schwierigkeiten der Professionellen, sich auf den Trialog einzulassen und die Sorge, dass Kostendeckelung und Budgetierung im Krankenhaus zu Überlastungen und Kommunikationsstörungen führen werden.
  3. "Trialog praktisch" ermöglicht noch einmal einen mehrfachen und intensiven Perspektivenwechsel. Hier geht es um ganz konkrete Erfahrungen:positive trialogische Erlebnisse, Schwierigkeiten und Erfolge bei der Einführung trialogischer Strukturen z.B. in einer klinischen Abteilung oder in einer ostdeutschen Region aber auch um scharfe Kritik, die im Trialog eine harmonisierende Augenwischerei erkennt, die einhergeht mit der Verleugnung der Macht der Psychiatrie. Hier wird Trialog zum "Trialüg".

Zielgruppen

Psychiatrie wird in diesem Buch aus vielen verschiedenen Blickwinkeln beschrieben und so ist das Buch sowohl für direkt Betroffene und Angehörige als auch für Professionelle und in Organisationen Tätige interessant. Unter den Profis könnten ins besondere Ärzte von dem multiperspektivischen Blick auf ihre Tätigkeit profitieren. Interessant ist es auch dort, wo Ärzte und andere Berufsgruppen für dieses Artbeitsfeld ausgebildet werden, denn sie erfahren, wie sie von anderen gesehen werden.

Fazit

Dieses Buch gibt mit seinen vielen, kurzen und sehr unterschiedlichen Beiträgen ein Bild von dem Bemühen, den monologischen Dialog der Psychiatrie in einen lebendigen Dialog, an dem viele Stimmen beteiligt sind, zu verwandeln. Die unterschiedlichen Positionen machen die Lektüre spannend und regen zur Diskussion an. Darüberhinaus ergibt sich ein Überblick über 20 Jahre Psychiatrie-Geschichte, eindrucksvolle Veränderungen werden erkennbar; aber es wird auch deutlich, wie mühsam der Weg zu einer demokratischen Psychiatrie ist.

Rezensentin: Prof. Dr. Marianne Bosshard in www.socialnet.de

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Jürgen Bombosch / Hartwig Hansen / Jürgen Blume (Hg.): Trialog praktisch - Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und Professionelle gemeinsam auf dem Weg zur demokratischen Psychiatrie. Paranus Verlag, 2. Auflage, Neumünster 2007, 200 Seiten, ISBN 3-926200-57-0, 16,80 Euro.