Mein großer Bruder

So erschreckend der Satz klang, so wohltuend war er für Tina Bühler Stehlé: Der diensthabende Psychiater der Uniklinik Bern erklärte ihr, dass er noch nie "einen solchen Fall menschlichen Leidens gesehen" habe und auch nur aus Büchern kenne. Gemeint war ihr Bruder. Seine und damit auch Tina Bühler-Stehlés Geschichte "von Ohnmacht und Liebe" (so der Untertitel) ist jetzt in dem Buch "Mein großer Bruder" nachzulesen, das im Paranus-Verlag erschienen ist. Hinter dem schlichten Titel verbirgt sich ein beinahe unglaubliches, aber wahres Schicksal.

Die beiden Geschwister wachsen in großbürgerlichen und wohlhabenden Verhältnissen in der Schweiz auf. Schon früh sehen sie sich jedoch mit einer dominanten und exzentrischen Mutter sowie einem werktags abwesenden Vater konfrontiert, der längst eine Geliebte hat. Geborgenheit finden die beiden Kinder nur noch bei Haustieren und Hausangestellten. Tinas Bruder Swen wird nach und nach zum seltsamen Sonderling. Er zieht sich immer häufiger zurück, spioniert seiner Schwester nach und stellt merkwürdige Regeln auf. Er wird herrschsüchtig und brutal, aber lebt auch immer zurückgezogener.

Das seltsame Verhalten des Heranwachsenden wird vor Fremden schöngeredet. Als die Ehe zerbricht, stellt sich die Mutter immer schützender vor Swen, mit dem sie auch Inzest verbindet. Die Tochter wird nach und nach als Unruhestifterin und Lügnerin abgestempelt. Zu allem Überfluss findet das Vorgehen der Mutter und das Verhalten des Bruders die Unterstützung der Verwandtschaft.

Völlig auf sich allein gestellt versucht Tina Bühler Stehlé, ihren Bruder aus den Klauen der ebenfalls psychisch kranken Mutter zu befreien, die ihn vor der Öffentlichkeit versteckt hält. Doch bei Ärzten, Anwälten und Behörden, die die Augen verschließen, stößt die Schwester jahrelang auf taube Ohren. Tatenlos muss sie zusehen, wie ihr Bruder mehr und mehr verwahrlost und sein Zimmer mit Monate alten Essensresten und wahllos gehorteten Dingen zumüllt. Waschen wird ihm ebenso fremd wie Kleidungswechsel. 15 Jahre lebt sie sogar im Nachbarhaus, ohne ihren Bruder mehr als zwei-, dreimal zu Gesicht zu bekommen. Erst als die Mutter wegen eines Notfalls in ein Krankenhaus eingeliefert wird, gelingt es Tina Bühler Stehlé nach verzweifeltem Kampf, ihren schizophrenen Bruder aus der Isolation zu befreien und nach 20 Jahren endlich behandeln zu lassen.

Tina Bühler Stehlé hat ihre erschütternden Erlebnisse und Erfahrungen mosaikartig zusammengestellt, ohne je den roten Faden zu verlieren. Der literarische Stil macht "Mein großer Bruder" nicht nur inhaltlich absolut fesselnd, sondern spannend wie einen Roman. Der Leser leidet an vielen Stellen förmlich mit. Bis zum Schluss fällt es schwer, das Buch aus der Hand zu legen, das als eine Art Brief an den Bruder verfasst ist und mit dem – so scheint es – die Autorin ihren Frieden gefunden hat.

Jens Riedel im Eppendorfer

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Tina Bühler Stehlé: Mein großer Bruder - Eine Geschichte von Ohnmacht und Liebe. Paranus-Verlag, Neumünster 2005, ISBN-3-926200-64-2, 223 S., 12,80 Euro.