Das Jahr magischen Denkens

Einer der Schlüsselsätze in der bewegenden Studie über Trauer der bekannten amerikanischen Intellektuellen und Schriftstellerin Joan Didion (wie Tom Wolfe und Truman Capote prägende Figur des "New Journalism"-Reportagestils) lautet: "Wenn der Schmerz kommt, hat er nichts von dem, was wir erwarten."

Es geht um den plötzlichen, unfassbaren Tod ihres Mannes, des Schriftstellers John Gregory Dunne, die kurzen Jahrzehnte mit ihm und die ewigen Tage ohne ihn. Didion gibt Auskunft über ihr Leid und ihre Trauer, während dieser seelische Ausnahmezustand noch anhält. Die ersten Sätze des Buches, wenige Tage nach dem tödlichen Herzinfarkt ihres Mannes notiert, sind Monate später Auftakt für ihre unsentimentalen, luziden, persönlichen und fassungslosen Aufzeichnungen: "Das Leben ändert sich in einem Augenblick. Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf. Die Frage des Selbstmitleids."

Minutiös, unterbrochen von Erklärungen, Fragen, Kommentaren, Pausen, nähert sich Didion den Vorgängen. Und da es wohl eines der unmöglichsten Vorhaben ist, über den Tod zu schreiben, klammert sie sich in dieser ausweglosen Situation an magisches Denken. Denn im magischen Denken geht es einzig um die Wiederkehr. So kann sie seine Schuhe nicht wegwerfen, weil er sie schließlich brauchen könnte, wenn er zurückkommt. Sie will anderen nicht erlauben, ihren Mann als tot zu sehen, deshalb kann sie die Nachrufe in den Zeitungen nicht ertragen und nicht lesen. (Einen klugen Hinweis über magisches Denken lieferte übrigens der achtjährige Luis S. aus Berlin, denn ihm fiel auf, dass in der schwarz gedruckten Buchüberschrift auf dem Cover vier "versteckte" grüne Buchstaben enthalten sind, die den Namen John ergeben, den Vornamen des verlorenen Mannes.)

"Das Jahr magischen Denkens" ist ein bewegender, persönlicher Bericht, der Auskunft darüber gibt, was der Tod im Kopf einer Überlebenden anrichtet, bis hin zur Beschreibung der physischen Reaktionen im Angesicht des Unbegreiflichen. Ratschläge zum Ertragen von persönlichen Katastrophen sucht der Leser vergeblich. Dafür zeichnet Didion gewissenhaft und schließlich geradezu erstaunt nach, dass es irgendwie weitergeht.

Bücher über Tod und Trauer sind furchtbar und schwierig. Sie bereiten einen kaum vor, noch genügen sie, wenn man trauert, aber es ist gut, dass es sie gibt.

Große Gefühle in ihrer geballten Wucht sind (psychiatrisch) nicht gut angesehen. Ein kluges Buch wie dieses über Kontrollverlust, um den es hier ja auch geht, der das Fundament unseres Lebens bedroht, mag dazu beitragen und plausibel machen, dass das Gefühl von Sicherheit und Gewissheit eine Lebenslüge ist.

Else Klara Musial in Soziale Psychiatrie

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Joan Didion: Das Jahr magischen Denkens. Berlin: Claassen-Verlag, 2006, 288 Seiten, 18,00 EUR