Morgen bin ich ein Löwe

Mit vierzehn schreibt sie in ihr Tagebuch: „Es spielt keine Rolle, was es kostet, ich will nicht sterben, bevor ich nicht alle Farben meines Malkastens verwendet habe, will kein Leben in Pastell führen.“ Das Mädchen will ihr Leben mit Farbe, mit Inhalt, mit Sinn füllen. Sie und nur sie allein will Herrin ihres Schicksals sein. Und das gelingt ihr auch. Später. Später wird sie Psychologin.

Zunächst jedoch geht sie fürchterlich in die Irre. Ihr Leben versinkt im „Grau“, sie gerät in die Einsamkeit, sie hört Stimmen, die ihr befehlen, nicht zu schlafen, nicht zu essen und sich selbst zu strafen, sie wird von Ratten, Wölfen und Krokodilen gejagt und landet schließlich – als Teenager - in der Psychiatrie. Diagnose Schizophrenie. Dort auf der Isolierstation (in der sie zur Ruhe kommen soll) wird die innere Leere so unaushaltbar, dass sie Tapeten und Pappteller isst, um das Loch in sich selbst zu stopfen.

Arnhild Lauveng, die norwegische Autorin und Protagonistin des autobiografischen Romans „Morgen bin ich ein Löwe“ erzählt in schöner, bilderreicher Sprache vom Beginn, Verlauf und Ende eines schweren seelischen Leidens. Sie nimmt uns mit in ihr Zuhause, zu Mutter und Schwester, wo das stille, fleißige, eher ein wenig in sich gekehrte Mädchen sich immer mehr zurücknimmt, vor sich selbst immer unscheinbarer wird, bis sie nicht mehr weiß, wer da eigentlich in ihr Tagebuch schreibt. Sie schreibt, wie die Sonne im Nebel versinkt, wie die Bordsteinkante ihr plötzlich zwanzig Meter hoch zu sein scheint, wie sie zum ersten Mal den „Kapitän“ hört, den strengen Anführer in einem Chor von Stimmen.

Das liebe, kluge Mädchen will sie nicht mehr sein, doch was wird sie werden? Sie ist verwirrt, bittet um Hilfe und geht zur Therapeutin; dennoch lebt sie in einem so dichten Nebel, dass sie anfängt, sich bis aufs Blut zu kratzen, um sich zu spüren. Sie zeichnet rote, Feuer speiende, lebensvolle Drachen, die in einem roten Wald leben. Eines Tages sagt sie ihrer Mutter, dass sie in diesen Wald gehen werde und dass man sie dort abholen würde.

Und tatsächlich, sie wird abgeholt, jedoch von der Ambulanz, die sie in die Psychiatrie bringt. Sie ist siebzehn. Die nächsten zehn Jahre verbringt sie – mit Unterbrechungen – in verschiedenen psychiatrischen Kliniken. Der Wald, so schreibt sie, „war dicht und ich brauchte viele Jahre, um wieder hinauszufinden“.

Vom „Herausfinden“ schreibt sie auch. Dass es oft ganz einfache Dinge oder Personen waren, die geholfen haben. Die Ergotherapie, in der es möglich war, sich eine Weile auf Ton und Farben und nicht auf das Durcheinander im Kopf zu konzentrieren. Der Pfleger, der entgegen der Anweisung ein Kreuzworträtsel in die Isolation brachte. Der Arzt, der sich bei ihr für eine Fixierung entschuldigte. Die Mutter, die den Tisch bei einem Besuch zu Hause mit dem besten Rosengeschirr deckte, obwohl die Tochter in der Psychiatrie alle Tassen zerbrach, um sich mit den Scherben zu schneiden. Die Sachbearbeiterin des Arbeitsamtes, die sie in ihrem Wunsch, Psychologin zu werden, unterstützte, obwohl die Lage aussichtslos schien. Dass es gerade die ehrgeizigen Ziele waren, die ihr wieder Lust aufs Leben machten, und eben nicht ein schaler Kompromiss mit dem Machbaren, den das Personal in der Psychiatrie ihr in Aussicht stellte. Man sagt ihr, sie sei unheilbar krank und ihre Halluzinationen seien ein Teil ihrer Krankheit, man sagt, sie habe Schizophrenie, als ob mit der Diagnose alles erklärt sei; sie aber weiß im Innersten, dass der „Kapitän“ zwar ungemein streng ist, aber dennoch ihre Einsamkeit lindert; sie weiß, dass die „Wölfe“ – so schreibt sie – „wichtige, richtige Wahrheiten“ sind, metaphorische Wahrheiten, so wie Traumsymbole.

Symptome, sagt sie, sind eine Sprache und zielen darauf ab, ein Bedürfnis oder einen Wunsch auszudrücken. Mit professioneller Hilfe gelingt es ihr, ihre Symptomatik zu deuten und eben nicht nur als unerwünschte Erscheinungen abzutun, die man mit Medikamenten in Schach hält.

Sie selbst ist der Kapitän; dessen Forderungen waren ihre eigenen maßlosen Ansprüche an sich selbst. Die Ratten und Wölfe tauchen auf, wenn sie sich mit der Ellbogengesellschaft und deren Leistungsdruck auseinandersetzt. Sie verletzt sich dann selbst, wenn sie den Wunsch nach Kontrolle verspürt, wenn sie sich nicht mehr so einsam fühlen will. All diese Entdeckungen muss sie selbst machen; es hätte ihr nicht geholfen, wenn man ihr die Deutung ihrer Symptome auf den Kopf zugesagt hätte.

Die Diagnose „Schizophrenie“ mit der Klassifizierung der Symptome taugt nicht als Erklärung, meint sie. Im Gegenteil, oft ist eine Diagnose Grundlage dafür, in eine Krankenrolle mit all den Einschränkungen dieser Rolle zu schlüpfen. So agieren die professionellen Helfer mit den „Betroffenen“, ohne den jeweils einzelnen Menschen mit seinen Ressourcen und seiner Lebenssituation zu sehen.

Sie gesundet allmählich, als sie sich universellen Fragen stellt und beantworten kann: Wer bin ich, was will ich, was ist wichtig für mich? Was erhoffe ich mir vom Leben? Wähle ich das Grau oder das Leben? In kleinen Schritten beginnt sie ein Leben außerhalb der psychiatrischen Anstalt, sie beendet die Schule und beginnt ein Studium.

Das Buch ist die hautnahe Innenansicht eines Leidens, dass für viele unverständlich und nicht einfühlbar ist. Die Autorin lässt uns daran teilhaben – spannend und prägnant erzählt -, und wir freuen uns mit ihr, als sie letztlich den Ausweg findet und vollkommen gesundet, entgegen der landläufigen Meinung, diese Krankheit sei unheilbar.

Heute – und schon seit Jahren – lebt Arnhild Lauveng ohne Medikamente und arbeitet als klinische Psychologin. Nicht alle Tage sind gut – wie bei allen –, aber sie hat ein Leben, über das nur sie entscheidet. Aus dem Mädchen, das sich in der Psychiatrie nichts sehnlichster wünscht, als zu sterben, ist eine Frau mit einer Zukunft geworden, die aus den Farben des Malkastens auswählen kann.

Margit Weichold in Soziale Psychiatrie

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Arnhild Lauveng: Morgen bin ich ein Löwe - Wie ich die Schizophrenie besiegte. München, btb-Verlag, 2008, 222 S., 17,95 EUR