Die Wanderung

Zwei Lebensgeschichten erzählt uns dieses Buch, die Geschichte des Bert Boers, der Jahrzehnte in einem Klinikhochhaus am Rand von Maastricht lebte, und die Geschichte von Detlef Petry, der dort Jahrzehnte schon als Psychiater arbeitet. Treffend formuliert es der Autor: „Bert hat schwer gelitten in der Psychiatrie und ich habe schwer gelitten an der Psychiatrie.“

Aber die beiden Biografien nebeneinander gehalten offenbaren viel mehr Übereinstimmungen. Besonders die detailliert dargestellten Familienstammbäume der beiden Männer ähneln sich. Sehr viele zu frühe Kreuze finden sich dort. Ob früh gestorbene Ahnen und Verwandte den Weg ebnen können zu diesem von Petry so genannten „Kloster der Moderne“, zu dem Psycho-Medisch Streekcentrum Vijverdal? Zumindest erkannten Patient und Doktor im Gegenüber einen wichtigen Weggefährten.

All die Toten in der Familie von Bert Boers scheinen diesem Überlebenden einen Auftrag zu geben. Tatsächlich hörte er als 18-Jähriger die Stimme Gottes, er solle Priester werden. 1968 kam er in die Psychiatrie, Bettensäle, Elektroschocks, Wasserbäder, Zwangsjacken. In die schöne neue Klinik am Stadtrand konnte Boers Anfang der Siebziger-Jahre schon als Chroniker einziehen. Nach einigen Jahren traf er dort auf Petry. Und dieser führte mit ihm Gespräche, spazierte mit ihm durch die Flusslandschaften, saß mit ihm und seinen Eltern trialogisch bei Kaffee und Aprikosentorte zusammen. Und dann machten die beiden eine Reise zu einem Kloster.

Boers durfte nun endlich eine Frage stellen, die er gern schon 16 Jahre zuvor zufrieden stellend beantwortet bekommen hätte. Er fragte den Abt, ob er Priester werden könne. Die Antworten, die er früher zu hören bekam, waren recht knapp: „Psychose, Schizophrenie!“ Die Antwort, die er vom Klostervorsteher erhielt, war noch knapper. Mit diesem „Nein“ war Boers aber zufrieden. Es pathologisierte seinen Wunsch nicht. Außerdem nahm sich der Geistliche Zeit, seine Antwort zu begründen, Alternativen aufzuzeigen. Indem Detlef Petry seinen Patienten in dem so genannten wahnhaften Erleben begleitete, konnte dieser ein wenig Ruhe und Hoffnung in sein Leben einkehren lassen. Boers wollte einige Jahre später aus seiner Klinik entlassen werden, bezog ein Zimmer im betreuten Wohnen.

Und die Toten der Familie Petry? Vier Geschwister des Vaters von Detlef Petry starben als Säuglinge, der einzige verbliebene Bruder fiel 1945. Petrys Vater war bei der Waffen-SS. Auch aus dieser Quelle nährt sich Detlef Petrys starkes Engagement gegenüber den Schwächsten der Gesellschaft. Die Worte Trotz und Wiedergutmachung treffen nicht diesen komplizierten Vorgang, aber doch mag der Psychiater deswegen so viel Kraft für seine jahrzehntelange Wanderung schöpfen. Die Erzählung von dieser Wanderung wird übrigens unterbrochen mit theoretischen, oft auch programmatischen Einschüben. Hier ist auch Dringlichkeit und Wut zu spüren. Petry geizt nicht mit Ausrufungszeichen.

Dieses Buch ist ein Plädoyer für trialogische Arbeit, für Beziehungsarbeit, für die Wiederaneignung der Biografie, der der Patienten und der eigenen. Dies lohnt sich, gerade in Anbetracht des letzten zu gehenden Weges dieser bewegend erzählen Wanderung.

Lutz Debus in Soziale Psychiatrie

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Detlef Petry: Die Wanderung. Eine trialogische Biografie. Neumünster: Paranus Verlag, 2003, 190 S., 18 Euro