Mein Leben in zwei Welten: Zwischen Schizophrenie und Alltag

Er heißt Ralf und führt das scheinbar ganz normale Leben eines hochbegabten jungen Mannes, der in Biophysik bei einem renommierten Forscher promoviert und im Anschluss Universitätsstellen im europäischen und außereuropäischen Ausland antritt. Bald beherrscht er Englisch und Spanisch und wird in der Zukunft sicher eine anspruchsvolle Forschungsstelle ergattern. Doch in Madrid wird er unvorbereitet von einer schweren Psychose heimgesucht.

Und wie es oft so ist – die Umgebung merkt nicht genug und es vergehen Monate, in denen er von Wahnvorstellungen gepeinigt vor sich hinvegetiert. Erst die Heimkehr nach Deutschland bringt den Psychiatrieaufenthalt, dem viele weitere folgen werden: Für Ralf ist klar – das Kartenhaus seines Lebens ist eingestürzt.

Hinzu kommt seine Verunsicherung in Bezug auf Frauen. Manchmal scheinen die weiblichen Anteile in ihm so überbordend zu sein, dass er an seiner Identität als Mann zweifelt, dies wiederum schürt die Angst, die ihn in die nächste Psychose treibt.

»Mein Leben in zwei Welten« ist eine spannende Melange aus Roman und Sachbuch, die die literarischen Fähigkeiten eines Autors zeigt, dessen Bildungswurzeln in den Naturwissenschaften liegen. Bisweilen brutal und sehr akribisch analysiert Roman Preist die Ursachen, Inhalte und Folgen seiner Schizophrenie und zeigt dabei ein sehr präzises Erinnerungsvermögen. Sein konsequentes Vorgehen gegenüber sich selbst führt zu einem riskanten Experiment: In einer Klinik, in der er sich sicher und professionell behandelt fühlt, lässt er sich beim intensiven Schreiben an dem dieser Publikation zugrunde liegenden Manuskript bewusst in eine Psychose gleiten, um mehr über die Schwelle zu erfahren, wo die normale Kreativität in das Einsetzen der Psychosesymptome übergeht.

Der 230 Seiten starke Band ist in mehrere Teile gegliedert. Der Leser erfährt etwas über mögliche psychosefördernde Phänomene in der Kindheit. Hier breitet Preist sich nicht unnötig aus – sein Hauptaugenmerk gilt der Adoleszenz und dem Erwachsenenalter, als die Krankheit ausbricht. Gekonnt wechselt der Autor zwischen Ich- und Er-Perspektive, zwischen Gegenwarts- und Vergangenheitsform, um so den Leser tief in das Buch hineinzuziehen.

Oftmals beschreibt er eine Zeitspanne zunächst aus der Innensicht, sodass sich die psychotischen Erlebniswelten dem Leser voll erschließen, um im Folgekapitel darzustellen, wie es in der äußeren Wirklichkeit um Ralf bestellt war.

Preist beendet seinen Text mit theoretischen Überlegungen. So beschreibt er, dass Menschen, die zur Psychose neigen, häufig mit großen assoziativen Fähigkeiten ausgestattet sind. Bei hohem Stress, einer zu großen Informationsflut und eben auch bei Angst, wird der Informationsfilter geöffnet und es kommt zu Fehlern bei der Weitergabe von Informationen im Gehirn. Für den Schizophrenen macht der in ihm tosende Schwall aus Assoziationen noch einen Sinn, die Außenstehenden erleben aber nur noch Sinnfetzen und der Psychotiker kann seine reale Umwelt nicht mehr erreichen.

Mit dem Untertitel »Innenansichten einer Schizophrenie« ist das Buch bereits 2008 bei dtv erschienen. Nun legt Preist eine erweiterte Fassung vor, in der er seinen Lebensweg der letzten Jahre weitererzählt und auch kurz auf die Resonanz seines Buches eingeht: Zu mehreren Talkshows ist er eingeladen worden, doch er musste diese Chancen für eine weitere Verbreitung seines Buches fahren lassen, denn sonst hätte er seine wahre Identität preisgegeben – und das hätte ihn mit Sicherheit den Arbeitsplatz gekostet.

So schützt sich ein Mann, der wohl weder »Ralf« noch »Roman« heißt, mit einem doppelten Pseudonym, weil es viel zu viele Lebenszusammenhänge gibt, in denen man seine Schizophrenie besser nicht kundtut. Ob Roman Preist seine Erkrankung bewältigt hat und wie er inzwischen lebt, das erfährt der Leser in diesem überaus bewegenden Buch.

Roman Preist: Mein Leben in zwei Welten: Zwischen Schizophrenie und Alltag. Paranus Verlag, Neumünster 2012, ISBN 978-3-94063-617-1, 230 Seiten, 17,95 Euro

Susanne Czuba-Konrad in Psychosoziale Umschau

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Roman Preist: Mein Leben in zwei Welten - Zwischen Schizophrenie und Alltag.
Paranus VerlagNeuausgabe. ISBN 978-3-940636-17-1, 17,95 Euro.