Seitenwechsel

Ein Chirurg verletzt sich beim Schneiden der Rosen, ein Internist zieht sich eine Fischvergiftung zu – Geschichten aus dem Alltag, über die man schmunzelt. Was aber, wenn die Ärztin der Psychiatrischen Klinik depressiv erkrankt, wenn nach schwierigen Jahren der Krise sich ein Psychiatrieerfahrener um die Leitungsstelle im Wohnheim bewirbt?

Solche Seitenwechsel zwischen Therapeuten und Patienten, zwischen Betreuerin und Klientin, Privatem und Beruflichem finden statt – in beide Richtungen. Welcher Professionelle erinnert sich nicht mit ambivalenten Gefühlen an für immer verschwundene, "dekompensierte" Kollegen und Kolleginnen? Tabuisiert und doppelt stigmatisiert sind sie.

Herausgeberin Sibylle Prins stellt in diesem 190-Seiten-Buch zehn "psychiatrieerfahrenen Professionellen" Fragen, lässt berichten, hört aufmerksam zu, lenkt Leserin und Leser geschickt auf die zentralen Aussagen: Wie kam es zu der Krise, welche Erfahrungen mit der Psychiatrie wurden gemacht, wie hat sich die Selbstwahrnehmung geändert, sollte man sich outen oder lieber nicht, wie war der Weg als Patient und später als Mitarbeiter in die Psychiatrie? Fragen, die sich stets den schwierigen biografischen Erfahrungen annähern und nie in einer Schwarz-Weiß-Malerei enden. Die höchstpersönlichen Antworten enthalten, über die eigene Biografie hinausgehend, grundsätzliche Botschaften an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: mehr zuhören, mehr Kompetenzen sehen, widersprüchliche Wahrnehmungen aushalten, nie – auch nicht nur zur spontanen emotionalen Entlastung – Klienten vor Kollegen diskriminieren, stattdessen die Logik der Krise und Psychiatrieerfahrung versuchen zu erkennen.

Ihre Erfahrung zulassen und als Kompetenz einbringen. Aber auch Grenzen erkennen, das "Selbstmanagement" verbessern, die Vielfältigkeit der Erfahrungen nutzen.

Als Professionelle haben wir uns gut eingerichtet: Wir behandeln, wir entscheiden. Der psychiatrieerfahrene Kollege jedoch – wo gehört er oder sie hin? Kann er noch ein Kollege sein? Das Buch gibt darauf eine klare Antworte: Psychiatrieerfahrene können sehr gute Kollegen sein, bringen eine andere, tiefere Sensibilität ein. Die Befragten haben dies ausgehandelt, haben mehrheitlich offen darüber sprechen können.

Die Botschaft dieses Buches ist überfällig. Ein Signal wider den Hochmut der Professionellen, für eine neue Qualität im Dialog zwischen Psychiatrieerfahrenen und Professionellen. Es ist ein Lehrbuch des Dialogs und ein Lehrstück gegen jegliche professionelle Einseitigkeit. Es ist die Aufforderung zu mehr Sensibilität und Respekt und Wahrnehmung der Kompetenzen der Erfahrenen. Dass dies so unaufgeregt nachhaltig und ohne die Beschwörung von Feindbildern gelingt, ist der Herausgeberin und ihrem Lektor Hartwig Hansen zu verdanken.

Ohne Zweifel und im Ernst: Das Buch gehört auf den Lehrplan der Universitätspsychiatrie. Aber nicht nur dort.

Christian Zechert in Psychosoziale Umschau

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Sibylle Prins (Hg): Seitenwechsel - Psychiatrieerfahrene Professionelle erzählen. Neumünster, zweite Auflage 2010, Paranus Verlag, ISBN 3-926200-70-9, 190 Seiten, 16,80 Euro