Auf Stelzen gehen

Mit dem Begriff "Verneinung" fasst Lena S. zusammen, was für sie hinter der Diagnose Magersucht steckt. Was sie in ihrem Leben verneint und warum sie das tut, beschreibt sie in diesem Buch, das ihre Lebens- und Krankheitsgeschichte erzählt. Ich selbst kenne den Kampf mit dem Essen und viele Bücher zum Thema. Um so überraschter war ich, dass es Lena mit ihrem Buch gelungen ist, ihre eigenen Erfahrungen und ihren Umgang mit der Erkrankung so zu schildern, dass sie in ihrer Individualität erkennbar bleibt, auch wenn sich die Geschichten anorektischer Patientinnen auf den ersten Blick so sehr ähneln.

Am Ende der Erzählung hat Lena es noch nicht "geschafft", sie ist nicht gesund, dennoch ist dieses Buch keine Aufforderung, sich als Betroffene ebenfalls wieder in das Hungern zu stürzen. Vielmehr wird deutlich, die Anorexia nervosa ist wirklich eine Sucht, von der man sich nicht einfach lösen kann, auch wenn der Wille dazu da ist. Lena vermittelt, dass es darum geht, immer wieder aufzustehen und für sich zu kämpfen.

Das Nachwort des Buches ist wahrscheinlich gut gemeint, liest sich aber merkwürdig. Alexa Franke bewertet mit professioneller Autorität das Buch als "[…] Lehrbuch zur Anorexia nervosa. Die Hausaufgabe für ein Seminar in klinischer Psychologie könnte darin bestehen, im Buch die Stellen herauszuschreiben, die die Leitsymptome der Anorexie umfassen – man würde sie alle finden". Wieder beurteilt jemand Lena S. von "oben", ihre Art etwas von sich preiszugeben, wie sie ihre Erfahrungen schildert und wie sie lebt.

Wieder scheint ihre Geschichte einer Erklärung zu bedürfen, wieder gibt es eine Meinung von jemandem, der "Expertin" für Lenas Erfahrungen ist und die Parallele der Expertenmeinung zu den Bewertungen von Lenas Mutter drängt sich für die Lesenden unweigerlich auf.

Dennoch: "Auf Stelzen gehen" hat mir sehr gut gefallen, weil es auch sprachlich ein sehr gelungenes Buch ist. Selbstbetroffene können sich in den Schilderungen wieder finden, Eltern macht es (hoffentlich) nachdenklich und Fachleute bekommen einen guten Eindruck von den Verstrickungen aller Familienmitglieder, die sehr deutlich wird.

Christiane Tilly in Psychosoziale Umschau

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Tina S.: Auf Stelzen gehen - Geschichte einer Magersucht. Balance buch + medien verlag, 3. Auflage 2011, 192 Seiten, ISBN 3-86739-014-9, 14,90 Euro