Mit depressiv erkrankten Mensche leben

Mit großer Neugier habe ich diesen einfühlsamen Ratgeber regelrecht verschlungen und konnte mir kaum eine Lesepause abringen. Jeannette Bischkopf ist es gelungen, mit viel Verständnis für alle Beteiligten, in einer klaren Sprache und übersichtlich gegliedert darzustellen, was es bedeutet, mit einem depressiv erkrankten Menschen zusammenzuleben. An vielen Stellen wurde mir wieder schmerzlich klar, welchen Weg ich gehen musste, um den heutigen Entwicklungsstand zu erreichen. Mein Mann und eine unserer Töchter leiden seit vielen Jahren an einer chronischen Depression. Ein solch umfassendes und verständnisvolles Ratgeberbuch hätte mir und meiner gesunden Tochter viel Unsicherheit und Kummer erspart.

Besonders angesprochen hat mich, wie die Autorin uns Angehörige immer wieder ermutigt, uns selbst in den Blick zu nehmen, unsere eigenen Bedürfnisse wiederzuentdecken und unser Leben bewusst zu gestalten. Nach dem Motto: Es darf mir gut gehen, auch wenn es dem Patienten schlecht geht. Viele Angehörige wagen einen solchen »egoistischen« Satz nicht einmal zu denken – geschweige denn zu verwirklichen. Was sie damit den Patienten aufbürden, ist ihnen gar nicht bewusst. Mein Mann erlebte meine wieder wachsende Eigenständigkeit als Entlastung; so hat er es mir jedenfalls mehrmals gesagt.

Sehr gut gefallen haben mir auch die konkreten, zusammenfassenden Tipps am Ende einzelner Kapitel. Sie laden dazu ein, sich immer noch einmal wichtige Eckpunkte einzuprägen und eigene Ideen zu entwickeln.

Ebenso hilfreich wären die Querverweise auf vorher oder in späteren Kapiteln besprochene Themen und vertiefte Aspekte – wären sie mit Seitenangaben versehen. Der Umweg über das Inhaltsverzeichnis macht das (Nach-)Lesen leider recht umständlich.

Aus meiner persönlichen Erfahrung habe ich nur zwei Bedenken anzumelden, beide betreffen das Kapitel »Bei Bedarf Hilfe holen«:

Paartherapie mit einem depressiv erkrankten Partner habe ich als sehr schwierig empfunden. Es ist für mich ganz wichtig darauf hinzuweisen, dass diese nur in einer Phase Sinn macht, in der (auch) der Patient gesprächsfähig ist. Mit meinem damals noch sprachlosen Mann gestalteten die Sitzungen sich äußerst zäh, und ich wurde, ohne es zu merken, als Kotherapeutin eingespannt, ja, ich möchte fast sagen: missbraucht. Ich spürte, dass diese Art der Therapie uns nur schadete. Ein Grund, schnell wieder auszusteigen.

Psychoedukation für Angehörige ist nach meiner Erfahrung als Moderatorin von Angehörigengruppen ebenfalls problematisch. Aufklärung über Krankheitsbilder, Medikamente und Frühwarnzeichen befriedigt zwar das große Informationsbedürfnis der Angehörigen. Aber ihr vermeintliches Fach(besser)wissen verführt dann viele Angehörige dazu, sich wieder voll verantwortlich zu fühlen, die Medikation zu kontrollieren, den Patienten zu bevormunden. Aus diesem Grunde lehne ich diese Art von Fortbildung für mich ab.

Vollinhaltlich zustimmen und dick unterstreichen muss ich Jeannette Bischkopfs Resümee, dass »Angehörige hierzulande nach wie vor unzureichend in die Behandlung von Depressionen einbezogen werden«, ... »obwohl die positiven Effekte einer solchen Einbeziehung für die Behandlung belegt sind«. Deshalb bin ich ihr dankbar für die Rückenstärkung, die sie uns Angehörigen am Ende des Buchs mit auf den Weg gibt: »Sie haben allen Grund, Ihre Rechte einzufordern. Für eine erfolgreiche Behandlung braucht es nämlich drei Seiten: Betroffene, Angehörige und Behandler.«

Kurz und gut: Dieser Ratgeber ist ein gelungenes Werk, das ich gerne als Empfehlung in unsere Gesprächskreise mitnehmen werde. Es beschreibt sehr einfühlsam die Nöte der Angehörigen und zeigt ihnen Wege, wie sich das Leben auch mit einem depressiv erkrankten Menschen zufriedenstellend gestalten lässt.

Adelheid Langes in Psychosoziale Umschau 4/2009

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Jeannette Bischkopf: So nah und doch so fern - Mit depressiv erkrankten Menschen leben. BALANCE buch + medien verlag, Bonn 2009, ISBN 978-3-86739-039-2, 160 Seiten, 14,95 Euro