Zwischentöne

Tilman Jens, den Namen sollte man sich merken. Denn der Publizist sorgt mit seinen streitbaren Beiträgen und Büchern für aufgeregte gesellschaftliche Debatten, die bewusst machen, wie viele Zwischentöne es gibt – zwischen schwarz und weiß. Er findet in seinem Widerstreit nicht nur Zustimmung und ist somit einer, der den öffentlichen Diskurs vorantreibt und belebt und sozusagen barrierefrei öffnet. Tilman Jens war nie Everybody’s Darling – was ihn auszeichnet.

In seinem Buch „Demenz“ berichtet er über seine Erfahrungen mit seinem Vater, dem berühmten Rhetorikprofessor und einst unbequemen Denker Walter Jens. Es ist ein schonungsloser, erschütternder und auch liebevoller Bericht über eine unserer brillanten Geistesgrößen der Nachkriegszeit. Einen Denker, der sich auf tragische Weise zu einem einen regredierenden, hilflosen Mann entwickelt, der gefüttert und gewindelt werden muss, der umgeben von vergessenen Büchern kaum noch zusammenhängend sprechen, geschweige denn schreiben kann. 

Die erst 2003 öffentlich gewordene NSDAP-Mitgliedschaft des (damals jugendlichen) Walter Jens und dessen verleugnender Umgang damit sieht der Sohn in engem Zusammenhang mit dem Ausbruch der Krankheit 2004. Diese Interpretation, sein Vater sei „aus Scham“ in die Demenz geflüchtet, wurde als späte Abrechnung des vermeintlich zu kurz gekommenen, weniger begabten Sohnes angesehen. „Walter Jens’ größte Strafe ist sein Sohn“, so der O-Ton in den Feuilletons, und überhaupt sei das Buch literarischer Vatermord. Dass Tilman Jens auch bei anderen prominenten Betroffenen wie Günter Grass oder Dieter Hildebrandt zu der Waffen-SS-Zugehörigkeit des einen und der NSDAP-Mitgliedschaft des anderen (laut Hildebrandt „unwissentlich“) im Jugendalter kritisch von „Symptomen politischer Demenz“ spricht, von den verschenkten Möglichkeiten „von den kleinen, wenn auch drastischen Irrtümern zu erzählen“, machte ihn auch nicht beliebter.

Dabei ist diese aufrichtige Beschreibung des Verfalls des Ichs einer einstmals großen Persönlichkeit, der Auslöschung des Verstandes, der Zerstörung des Gehirns, des Verlustes von Erinnerung und Sprache, nicht nur für betroffene Angehörige überaus aufklärerisch und lesenswert („Walter Jens, mein Vater ist dement. Meine Mutter, mein Bruder und ich sind uns einig, wir wollen, wir werden sein Leid nicht verstecken“).

Jens stellt auch ein Krankensystem zu Recht infrage, in dem all diejenigen, „die nicht das Geld für eine private Betreuung haben ... abgegeben in einem Heim das Ende der Tage erwarten“ [müssen]“, während sein gut situierter Vater sich Privilegien der Pflege leisten kann, mit einer eigens für ihn angestellten Rund-um-die-Uhr-Pflegerin und seiner Ehefrau, die ihn in seinem großen Haus liebevoll betreuen. Privatpflege müsste Standard sein, fordert Jens. Auch die familieninternen Diskussionen und Erwägungen um die auch vom Kranken in klareren Zeiten beabsichtigte und gewünschte Zuhilfenahme aktiver Sterbehilfe sind in ihrer Ehrlichkeit beeindruckend zu lesen. Aufgrund der Tatsache, dass der demente, kreatürlich gewordene Walter Jens in diesem neuen Seinszustand immer noch Momente von (kindlicher) Lebensfreude hat, nahm die Familie Jens jedoch umgehend von ihren Euthanasie-Überlegungen Abstand.

Tilman Jens antwortet 2010 auf die hitzige Debatte um sein Demenz-Vaterbuch (O-Ton eines Kritikers: „Wer sein Buch erwirkt, ist ohnehin krank“) mit seinem nächsten Buch, das sein Verlag eine Spurensuche in der Antike, auf der Bühne und im wirklichen Leben nennt: „Vatermord“. Darin widerlegt er mit dem ihm zur Verfügung stehenden Handwerkszeug als Journalist (und statt sich gerichtlich gegen die Beschuldigung des Vatermordvorwurfes zur Wehr zu setzen) einen Teil der Vorwürfe und umkreist anregend das Delikt des Vatermords in seinen gesellschaftlichen und historischen Bezügen. Er kommt zu dem Schluss, dass die Vatermordkeule „eine altbewährte Waffe aus der Asservatenkammer der Küchenpsychologie“ sei.

Jens, der über 100 Fernsehfeatures, u.a. für 3sat-Kulturzeit und das Kulturmagazin „ttt“ (Titel, Thesen, Temperamente) für die ARD, verfasst hat, stellt klug, teilweise schockierend, aber auch unterhaltsam im größeren Teil des Buches ein Kompendium gescheiterter Vater-Sohn-Beziehungen vor, von der Antike bis hin zu Schiller („Die Räuber“), Kafka, Johann Wolfgang und August Goethe, Thomas und Klaus Mann, Hans und Niklas Frank sowie Alexander und Thomas Mitscherlich, Siegfried und Joachim Unseld. 

Er hätte es eigentlich nicht nötig gehabt, sein Demenz-Buch zu verteidigen, das in seiner vorpreschenden Ehrlichkeit dennoch liebevoll und respektvoll ist, aber seine Fakten und Argumente sind auch wieder spannend zu lesen. Und die Anschuldigungen verlangen tatsächlich stoische Gelassenheit, denn öffentlich wegen des Buches zu fordern, „Tilman Jens auf den Index zu setzen“, will erst einmal weggesteckt werden. In diesem Buch belegt Jens wissenschaftlich seine Theorie: dass bei vielen Erkrankten ein schweres Belastungsereignis (wie bei Walter Jens die 2003 öffentlich gemachte Mitgliedschaft in der NSDAP) bereits ein bis zwei Jahre vor Beginn erster klinischer Zeichen Auslöser ist für Resignation, Regression und den Einsatz der Demenzerkrankung.

In seiner letzten Buchveröffentlichung vom Mai 2011 über die jahrzehntelangen skandalösen sexuellen Übergriffe an der legendären Reformschule im Odenwald „Freiwild hatte Jens die Absicht, vor allem über die falschen Verdächtigungen in Bezug auf mögliche Täter, über die Treibjagd zu schreiben, den Missbrauch des Missbrauchs, um zu vermitteln, dass der Fall weitaus komplexer ist. Tilman Jens porträtiert Täter und Opfer ausführlich und seine Frage „Was verwandelt Nähe in Missbrauch?“, die er im Übrigen mit Rita Süßmuth teilt, gesteht man ihm nicht zu (Rita Süßmuth wohl eher).

Dass im Klima der generellen Verdächtigungen Menschen dazu neigen, ebenfalls zu Tätern zu werden, allein in der Weise, wie mit Tätern umgegangen wird (so der Berliner Schulleiter Klaus Märtens, zitiert nach Jens), ist gerade für die Debatte an der Odenwaldschule symptomatisch.

In der Systematik der „Unkultur des Wegschauens“ und der Nichtexistenz jeglicher Kontrollmechanismen, lange schon vor der „Ära Becker“, sieht Jens einen der Hauptfehler der Schule. Er schreibt, dass Mitte Dezember 2010 die pensionierte Präsidentin des Frankfurter Oberlandesgerichts und die Wiesbadener Rechtsanwältin Calaudia Burgsmüller in ihrem Abschlussbericht feststellen, es habe zwischen 1965 und 2004 mindestens 132 Missbrauchsfälle gegeben, und folgert: „Das Dokument zeigt auch die Chancenlosigkeit der missbrauchten Kinder, irgendwo an der Schule Gehör zu finden für das Leid, das ihnen geschah.“

Aber er verurteilt, dass die Odenwaldschule dieser Tage unter Generalverdacht steht: „In der Tragödie um die Odenwaldschule bröckeln die Grenzen von Gut und Böse, da werden die Täter zu Opfern und Opfer zu Tätern.“ Jens war selber bis zu seinem Abitur zwei Jahre auf dem Internat, gerne, und ohne etwas von den Übergriffen gemerkt zu haben. Heute sitzt er im Trägerverein der Schule. Macht ihn das auch gleich schon befangen? Gibt es so etwas wie den einzig wahren, objektiven Blick?

Seine Gespräche mit alten Freunden, Experten, Beschuldigten, Opfern und Tätern überzeugen darin, dass eine eindeutige Parteinahme nicht möglich ist. Seinen Versuch, sich mit der „schmerzlich-verstörenden Ambivalenz der Täter“ auseinanderzusetzen, u.a. mit Jürgen Becker, dem charismatischen und pädophilen Schulleiter, der mindestens 80 schutzbefohlene Jungen über Jahre missbraucht haben soll, gesteht man ihm nicht zu. Auch nicht, dass er sich gegen Exschüler wie Gerhard Roese verwahrt, die mit ihren Beschuldigungen gegen Lehrer auch unschuldige Lehrer der Schule belastet und gesellschaftlich ruiniert haben.

Die Debatte über den Mythos der Verdrängung bei Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs löst in diesen aufgeheizten Zeiten Denkverbote aus. Falsch zu zitieren und nicht richtig zu lesen oder hinzuhören gehören zum Phänomen. „Erregte Aufklärung“, wie Katharina Rutschky die Debatte nennt, mag keinen Außenseiter, der sich mitten in einer heftigen Debatte gegen den Missbrauch des Missbrauchs engagiert.

Das wird als Apologie der Täter ausgelegt, als eine Täter-Opfer-Verkehrung, in klassischer Freund-Feind-Manier. Tilman Jens ist offensichtlich nicht umsonst der Sohn seines Vaters, der ihm die Wichtigkeit, Nein zu sagen, beigebracht hat. Sein Anspruch an alle Beteiligten auf ein gutes Augenmaß bei der Aufarbeitung und Offenheit und Mut zur Differenzierung lässt ihn an den inhaltlichen Vorzügen dieser Reformpädagogik von Freiheit und freundschaftlichem Zusammenhalt festhalten, ohne auf unbequeme Fragen zu verzichten. Seine Bücher können außerdem daran erinnern, dass ein Augenmerk für die Zwischentöne den Horizont erweitert.

Brigitte Siebrasse in Soziale Psychiatrie

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Tilman Jens:

Demenz - Abschied von meinem Vater. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2009,144 S., 17,95 EUR

Vatermord - Wider einen Generalverdacht. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2010, 192 S., 17,95 EUR

Freiwild: Die Odenwaldschule – Ein Lehrstück von Opfern und Tätern. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2011, 189 S., 17,99 EUR