Mittlerweile hat sich in der Öffentlichkeit herumgesprochen, dass auch Prominente nicht von psychischen Problemen verschont bleiben. Menschen, die beruflich schreiben, fühlen sich mitunter berufen, ihre eigenen Erfahrungen mit psychischen Krisen oder Erkrankungen in Buchform zu verarbeiten. So verfasste der Journalist Detlef Vetten ein Buch über seine Zeit als Patient auf einer geschlossenen psychiatrischen Station, Miriam Meckel schildert in ihrem „Brief an mein Leben“ die Bewältigung eines Burnout-Syndroms.

Sebastian Schlösser verzichtet auf die große pathetische Geste und belässt es bei Briefen an seinen Sohn. Diese Briefe entstehen während seiner stationären psychiatrischen Behandlung im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) und geben Einblick in verschiedene Lebensphasen des Autors. Da sind zum einen seine Erlebnisse und Beobachtungen während des psychiatrischen Aufenthaltes aufgrund einer bipolaren Störung.

Der Autor berichtet vom Alltag auf der Station, von den Reglementierungen, von den Patientinnen und Patienten mit ihren unterschiedlichen Erkrankungen. Diese Schilderungen sind von einer feinen Ironie durchzogen. Schlösser zeigt sich zuweilen genervt vom Stationsalltag, schreibt aber niemals verbittert, sondern erzählt von den kleinen Fluchten, z.B. indem er ins Stationsbuch zum Abmelden einträgt: „Herr Schlösser geht im Park spazieren und versucht dabei Zuversicht auszustrahlen.“

Persönliche Grenzen werden während dieses Klinikaufenthaltes immer wieder neu abgesteckt, ein Prozess, der auch als schmerzhaft beschrieben wird. Psychiatrie hat bei Schlösser einen funktionalen Charakter, und während des Lesens kam bei mir unwillkürlich die Frage auf, ob die Ärztinnen und Ärzte dort wohl weiße Kittel tragen.

Ausgehend von den Erlebnissen in der Klinik erzählt Schlösser in den Briefen an seinen Sohn seine berufliche Biografie: Als talentierter Theaterregisseur hat er schnell Karriere gemacht. Wir erfahren, wie verrückt es am Theater bisweilen zugeht, was die Arbeit eines Theaterregisseurs ausmacht, in welche Welt Schlösser bereits kurz nach seinem Abitur eintaucht. Parallel zu den beruflichen Erfolgen tauchen aber auch erste Probleme auf.

Der Autor zeigt sich zunehmend besessen von seiner Arbeit, kann immer weniger abschalten, trinkt immer mehr Alkohol und genießt gleichzeitig die hohe Anerkennung, die ihm am Theater zuteilwird. Zunächst verschwimmen die Grenzen zwischen künstlerisch anspruchsvollem Leben und Manie. Der Kulturbetrieb lässt vieles durchgehen, aber Schlösser beschreibt auch schonungslos, wie er immer häufiger Grenzen so weit überschreitet, dass sich Freunde und Angehörige erschrocken von seinem Verhalten zeigen. Die Ereignisse spitzen sich weiter zu, letztlich lässt er sich dazu bewegen, freiwillig in die Psychiatrie zu gehen. Der Autor kommt wieder zum Ausgangspunkt seiner Erzählungen, dem Psychiatrieaufenthalt, zurück.

Was das Buch zu etwas Besonderem macht, ist die Geschichte unter der Oberfläche, die nicht explizit erzählt wird, sondern sich aus der Form – vom Vater verfasste Briefe an seinen noch sehr kleinen Sohn – ergibt. Es entsteht ein intimer Blick auf die Liebe eines Vaters zu seinem Kind vor dem Hintergrund einer psychischen Erkrankung, ohne dass sich bei Leser und Leserin das Gefühl des Voyeurismus einstellt. Die hierfür gewählte Sprache erscheint vordergründig kindlich-naiv.

Eine psychiatrische Klinik wird zum Wolkenkuckucksheim, der Autor hat eine Meise, die Psychiater werden zu Meisendoktoren. In diesen Bildern, die der Autor von seiner Erkrankung und der Psychiatrie für seinen Sohn erschafft, liegt die große Stärke des Buches. Sie ermöglichen eine neue, sanfte Perspektive auf eine psychische Erkrankung, ohne dabei zu verklären oder zu romantisieren, denn Schlösser zeigt auch die tiefe Traurigkeit über das in der Manie Geschehene: die seelische Verletzung seiner Frau, die Verunsicherung und bisweilen Ohnmacht, die er den Menschen bereitet hat, die ihm nahestehen.

In den Briefen an seinen Sohn (tatsächlich soll er sie erst später zu lesen bekommen) ermöglicht Schlösser sehr persönliche Einblicke in seine Krankheits- und Genesungsgeschichte, ohne dass das Gefühl entsteht, dabei einem Seelenstriptease beizuwohnen. Sehr lesenswert!

Ilja Ruhl in Soziale Psychiatrie 1/2012


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Sebastian Schlösser: Lieber Matz, Dein Papa hat ’ne Meise - Ein Vater schreibt Briefe über seine Zeit in der Psychiatrie. Berlin: Ullstein-Verlag, 2011, 240 S., 18,00 Euro