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Das Buch ist für Leser empfehlenswert, die sich ausführlicher mit der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung epidemiologischer Studien bei Gefangenen auseinander setzen möchten und eine übersichtliche Einführung in den theoretischen Rahmen benötigen.
Bei dem vorgelegten Buch handelt es sich um eine psychologische Dissertation an der Universität Kiel aus dem Jahr 2004. Aufbau und Gliederung entsprechen den üblichen Dissertationsformen mit den für viele Leser inhärenten Vorteilen (ausführliche Schilderung der Methodik und Untersuchungsdurchführung) und Nachteilen (breite Darstellung der Ergebnisse). In den einführenden Kapiteln werden gängige Kriminalitätstheorien übersichtlich behandelt, wobei der Schwerpunkt auf Delinquenzgenese bei Jugendlichen gelegt wird. Etwas zu kurz kommt die Diskussion der Grenzen einzelner Theorien, etwa inwieweit psychologische Erklärungsmodelle, die sich überwiegend auf aggressives Verhalten beziehen, auch auf andere Delinquenzbereiche anwendbar sind.
Die folgenden Kapitel behandeln psychische Störungen bei verschiedenen Straftätergruppen sowie den Zusammenhang zwischen psychischer Störung und Kriminalität. Dabei sind in der Bestandsaufnahme der Literatur einzelne Unsauberkeiten zu registrieren: So werden in einer Darstellung Straf- und Untersuchungsgefangene verwechselt, eine umfangreiche epidemiologische Studie aus England von Singleton nicht original zitiert, sondern über eine Analyse von Gunn, der, wie Köhler zu Recht bemerkt, auf einen Anstieg der Prävalenz psychischer Störungen im Vergleich zu früheren Studien hinweist. Nicht problematisiert wird jedoch, dass es sich nicht um ein Längsschnittdesign handelte, sondern jeweils um Querschnittserhebungen mit zum Teil unterschiedlichen Methoden, so dass ein tatsächlicher Anstieg psychisch Gestörter unter den Gefangenen vermutet, aber nicht sicher nachgewiesen werden kann.
Der Rest der Dissertation widmet sich dem methodischen Vorgehen, der Beschreibung der Stichprobe und den Untersuchungsergebnissen sowie deren Diskussion. Bemerkenswert ist eine Drop-out-Rate von 51 %, wobei letztlich von 444 Inhaf-tierten nur 149 vollständig untersucht werden konnten. Insoweit ist die Annahme von Köhler, dass die Untersuchungsklientel repräsentativ für eher länger inhaftierte junge Straftäter sei, mit Bedenken zu betrachten, insbesondere wenn dargestellt wird, dass Gefangene, die sich im besonders gesicherten Haftraum befinden, nicht einbezogen werden konnten oder »psychotische« Gefangene durch die Untersuchung überfordert waren.
Gleichwohl handelt es sich um eine der wenigen herausragenden epidemiologischen Studien zur Prävalenz psychischer Störungen bei Inhaftierten und die erste in Deutschland, die sich einer jugendlichen Klientel widmet. Wie auch bei anderen epidemiologischen Studien außerhalb von Deutschland zeigte sich bei den jungen Gefangenen eine im Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung weit überdurchschnittliche psychische Belastung, welche sich über den Untersuchungszeitraum nicht veränderte, »so dass sie anscheinend nicht durch den so genannten ›Inhaftierungsschock‹ konfundiert ist«. Hier ist jedoch anzumerken, dass es sich bei der Untersuchung um ein Querschnittsdesign handelt und keine individuellen Veränderungen im Längsschnitt erfasst wurden. Für die diagnostische Einschätzung stand nach Köhler oft eine unterschiedliche Datenbasis (z. B. Akten und Krankengeschichte) über die standardisierten Untersuchungsinstrumente hinaus zur Verfügung. Dies erscheint wichtig, da sich in einer Studie an Untersuchungsgefangenen von Missoni, Utting und Konrad (2003) gezeigt hatte, dass es gerade bei Diagnosen aus dem Bereich der Störungen durch psychotrope Substanzen erhebliche Divergenzen zwischen Gesundheitsakte und Interview gibt (z.B. keine Störung gemäß Interview, Entzugsdelir nach den Beobachtungen in der Gesundheitsakte).
Erwartungsgemäß zeigten sich die häufigsten Störungen auf der Achse 1 des DSM IV im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen. Darüber hinaus zeigt ein Großteil der Probanden schon vor dem 15. Lebensjahr ein gestörtes Sozialverhalten. Am häufigsten waren die jungen Häftlinge durch Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung gekennzeichnet, vor allem wurden Persönlichkeitsstörungen aus dem Cluster B (antisoziale, Borderline und narzisstische Persönlichkeitsstörung) diagnostiziert. Aus dem im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhten Ausmaß an psychischen Störungen folgert Köhler, dass die Haftklientel eher einer jugendpsychiatrischen Population gleichzusetzen sei und von daher neben primär sozialpädagogischen oder rückfall-orientierten Behandlungen ein hoher Bedarf an psychotherapeutischer, medizinischer und jugendpsychiatrischer Versorgung abgeleitet und angefordert müsse. Hinsichtlich des »Psychopathy« Konstrukts ergab sich durch die PCL-SV bei 20,8 % der Probanden ein Punktwert von 18 oder größer, wobei die Faktorenstruktur der PCL-SV nicht repliziert werden konnte.
Mithilfe der PCL-SV wird am Ende des Buches von Köhler exemplarisch ein dreistufiges intramurales Behandlungskonzept dargestellt, das als mögliche Entscheidungsgrundlage zur Anwendung von Behandlungsmaßnahmen (wie Einzeltherapie, Gruppentherapie, Rückfalltraining, sozialpädagogisch orientierte Programme etc.) dienen soll. Aus Sicht des Unterzeichners wird hier jedoch die Aussagekraft des PCL-SV hinsichtlich der Einschätzung der Psychopathologie überschätzt; gleichwohl könnte der Erfolg eines solchen dreistufigen intramuralen Behandlungskonzeptes in einer interessanten Folgestudie evaluiert werden.
Das Buch ist für Leser empfehlenswert, die sich ausführlicher mit der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung epidemiologischer Studien bei Gefangenen auseinander setzen möchten und eine übersichtliche Einführung in den theoretischen Rahmen benötigen.
Köhler, D.: Psychische Störungen bei jungen Straftätern. Eine Untersuchung zur Prävalenz und Struktur psychischer Störungen bei neu inhaftierten Jugendlichen und Heranwachsenden in der Jugendanstalt Schleswig. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2004, 304 Seiten
Norbert Konrad in Recht & Psychiatrie 1/2006
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