Missbrauchstäter

In der öffentlichen wie professionellen Diskussion und Forschung über den Kindesmissbrauch findet eine Zensur statt, die von kongenialer Hysterie begleitet ist. Diese Zensur ist gleichsam über die Köpfe verteilt, verhindert, dass Gedanken gedacht oder, wenn nicht das, geäußert werden. Die beiden Autorinnen, Psychotherapeutin die eine, Wissenschaftsjournalistin die andere, setzen sich das Ziel, die Zensur zu lockern. Sie tun dies, indem sie reichhaltiges Material zusammentragen – die vollständige Literaturliste ist bei Schattauer im Internet zu finden – und dieses Material auswerten.

Dabei haben sie, auf keine Schule festgelegt, gedanklichen Spielraum genug, um die verschiedenen Ansätze hinsichtlich Ätiologie wie Behandlung angemessen zu Worte kommen zu lassen, aber auch zu kritisieren. Deutlich wird, dass die Täter von heute die Opfer von gestern waren, gleich ob die Täter männlich, weiblich, jung oder alt sind. Je schlimmer die Traumatisierung, desto schlimmer die späteren Taten, desto größer die Verachtung, umso härter die Bestrafung, um so eher die Verweigerung von Therapie und das Absprechen von Behandlungsfähigkeit. In den Prozessen geht man der Sozialisation der Täter selten nach, die Gutachter eingeschlossen (S. 11; 179)

Im 2. Kapitel, nach der Einleitung, wird das Phänomen sexueller Missbrauch vorgestellt und unterstrichen, dass der Missbrauch in früheren Zeiten gewöhnlich, wenngleich unbenannt war. Vor der Hysterie herrschte Indolenz (vgl. S. 5 – 7). Die Klärung des Begriffs »Sexueller Missbrauch« bleibt unbefriedigend, dazu später mehr. Einige Erklärungsmodelle werden eingeführt. Das 3. Kapitel trägt die Daten zusammen, aus denen man auf die Häufigkeit von sexuellem Missbrauch schließen kann. Hier wird zwischen Hell- und Dunkelfeld, zwischen Prävalenzraten von Opfern wie von Tätern unterschieden; innerhalb dieser Kategorien jeweils nach männlich/weiblich. Das Dunkelfeld ist auch deswegen so groß, weil Selbstangaben erlebten Missbrauch verharmlosen (S. 31 f., 78). Das 4. Kapitel widmet sich den Tätern und ihren Typologien, wobei zwischen Tätern und Täterinnen mit guten Gründen unterschieden wird.

Das 5. Kapitel, überschrieben »Mythen und Tatsachen – Charakterisierung der Täter« (S. 55 ff.) stellt männliche erwachsene Täter, erwachsene Täterinnen und Kinder und Jugendliche als Täter vor, wobei jeweils »Eigenschaften, Einstellungen, Verhaltensweisen«, »Psychopathologie« und »Sozialisation« separiert beschrieben werden. Das 6. Kapitel (S. 107 ff.) »Heute Opfer – morgen Täter?« trägt zusammen, was über »sexuellen Missbrauch und seine Folgen« und über »Risikofaktoren« sowie »Schutzfaktoren« und die Täter-Opfer-Beziehung zu wissen ist. Das 7. Kapitel (S. 129 ff.) betrachtet die Behandlung und stellt verschiedene Verfahren vor. Das 8. Kapitel »Missbrauchsverhalten als (destruktive) Form der Bewältigung komplexer Traumatisierungen« (S. 163 ff.; 183 f.) bringt schon in seiner Überschrift einen wesentlichen Aspekt des Buches zum Ausdruck. Denn wenn das Missbrauchsverhalten eine Folge komplexer Traumatisierungen ist, liegt es nahe, die Therapie des Traumas in den Vordergrund zu stellen, sie bezüglich Missbrauchsverhaltens vorauszusetzen und vorausgehen zu lassen. Bei den Tätern herrscht ein »ängstlicher Bindungsstil« vor (S. 193).

Auch durch etliche Fallbeispiele veranschaulichen die Autorinnen, wie sehr Gutachter, Richter und weite Teile der Öffentlichkeit Empathie verweigern, beschreiben die Manöver, die – um mit Devereux zu sprechen – »von der Angst zur Methode« gehen, durch manualisierte Therapien und die Kälte, mit der auch Sachverständiger Probanden begegnen (S. 1, 151 ff.). Wie es unter den Bedingungen von Hysterie und Zensur kaum anders sein kann, gerät dabei manches etwas »eiertänzerisch«.

 Was die Aufbereitung der Daten angeht, so hätte ich mir mehr Kompression und übergreifende Zusammenfassung in tabellarischer oder synoptischer Form gewünscht. So verteilt, wie es im Buch ist, entsteht zwar ein implizites Bild. Doch manches wirkt redundant, weil immer wieder die vorgängige Opferschaft deutlich wird, eine transgenerationelle Vererbung (S. 25), auch die weitgehende Gleichsinnigkeit der familiären Verhältnisse, während die Differenzen zwischen Männern und Frauen und erst recht die zwischen Jugendlichen und erwachsenen Tätern eher marginal scheinen.

Was mir fehlt, ist eine Thematisierung der kindlichen Sexualität über eine beiläufige Bemerkung (S. 93) hinaus. Fast scheint es, als ob die lustvolle Seite von Sexualität zusammen mit der kindlichen Sexualität in den Bannkreis des Tabus und der Zensur gerät. Unter Berufung auf Balzer sei »Sexueller Missbrauch ... jede sexuell motivierte Handlung, die an einem Kind vorgenommen wird ...« (S. 15). Zur Begründung heißt es, ein Kind könne wissentlich sexuellen Handlungen nicht zustimmen. Andererseits weisen die Autorinnen darauf hin, dass Sex nicht das Hauptmotiv ist, sondern der Wunsch, geliebt und gewollt zu sein (S. 62f.). Dann entbehren viele (äußerlich) sexuelle Handlungen der sexuellen Motivation und stellen, der expliziten Definition nach, keinen Missbrauch dar. Wenn die Autorinnen, über ihre explizite Definition hinaus, darauf hinweisen, dass eine erotisierte Atmosphäre Missbräuchliches einschließen kann, ohne dass es zu körperlichen Kontakten oder Übergriffen kommen muss (S. 175), werden zwei weitere, brisante, Probleme der Definition deutlich. Eine sexuell »aseptische« Atmosphäre gilt als das Nonplusultra. Das Strafrecht soll schon schlicht auf Motivation reagieren, selbst wenn sie nur atmosphärisch zum Ausdruck kommt.

Selbst wenn dies, wie man aus dem Kontext schließen könnte, nur für die Begutachtung gelten sollte, nähme dies der Brisanz nichts. Wenn sexuell zu sein, schon im Fühlen und Denken schlecht ist, kann es nicht Wunder nehmen, dass auch vom Missbrauch i. e. S. Betroffene keine Auskunft geben mögen. Denn sie sind häufig nicht ohne lustvolle Regungen dabei, auch wenn der Gefühlssaldo am Ende negativ aussieht. Diese der Psychoanalyse wohl bekannte Tatsache kommt in dem Buch ebenfalls nicht vor. Das Gefühl »beschädigte Ware« zu sein (das ist m. E. der wesentliche Inhalt von Schande), wird erwähnt, aber nicht nutzbringend aufgenommen (S. 113). Erregt nun gar die Schilderung den Gutachter oder Richter, darf das keinesfalls offenbar werden. An keiner Stelle findet sich der Hinweis, dass Eltern, die kindliche Sexualität leugnen, was sie häufig deren Äußerungen unterdrücken lässt, ebenfalls missbräuchlich sein können. Auch gewinnen Eltern, die darüber in Zweifel geraten, wann ein Kind in der Badewanne mit einem Erwachsenen zusammen schon auf Missbrauch deutet, keine Orientierung. Wenn man kindliche Sexualität für außergewöhnlich hält, ist es normal, dass Eltern sich als missbrauchend erleben, wenn sie solche Sexualität bei ihren Kindern sehen.

Sie müssen annehmen, dass sie von ihnen induziert ist, ganz abgesehen davon, dass sie natürlich keinesfalls positiv darauf reagieren dürfen. Je größer die Hysterie wird, desto weniger kann man solche Fragen stellen, desto weniger Orientierung kann man gewinnen, desto mehr muss man fürchten, dass, z. B. im Scheidungsverfahren, die Missbrauchskarte gezogen werden wird. Dem Über-Ich wird demonstriert, dass man asexuell ist, nicht nur, dass man nicht missbraucht. Ähnliche Ängste mögen dahinterstehen, wenn Gutachter diese Klienten auf Distanz halten und Therapeuten sich weigern, mit Missbrauchstätern zu arbeiten (S. 2).

In einer Zeit, in der die Politik der Härte dominiert, »Kuschelpädagogik« und »Schmusen« zu Schimpfworten werden, herrscht eine verbreitete Sehnsucht nach Zärtlichkeit, die aber nicht geäußert und auf keinen Fall in breitem Ausmaß befriedigt werden darf. Das Erotische von Zärtlichkeit, Kuscheln und Stillen verfällt ebenfalls der Zensur. Indem der Eindruck erweckt wird, dies sei missbräuchlich oder pädagogisch schädlich, werden Schuldgefühle erzeugt, obwohl diese Handlungen nicht nur wohltuend, sondern zugleich für eine »ungestörte sexuelle Entwicklung« geradezu unverzichtbar sind – ihre Unterdrückung daher schädlich ist.

Insofern leistet der Band Wesentliches, indem er das vorhandene Material weitgehend zusammenträgt, in einer handlichen Form präsentiert und erste Schritte macht, den Griff der Zensur zu lockern. Man kann nur hoffen, dass zweite, dritte und vierte folgen, um die dornige und harte Hand der Zensur in Folgeschritten »weichzukochen«.

Dirk Fabricius in Recht und Psychiatrie 2/2010

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Heyden S, Jarosch K (2010): Missbrauchstäter. Stuttgart: Schattauer, 208 S., 39,95€