Begutachtung psychischer Störungen

Die 2. Auflage behandelt in 13 Kapiteln die Grundlagen psychiatrischer Begutachtung, Schuldfähigkeit und Verantwortlichkeit, zivilrechtliche Verantwortlichkeit (Deliktfähigkeit), Verhandlungs-, Vernehmungs- und Haftfähigkeit, Einwilligungsfähigkeit und Betreuungsrecht, Geschäfts- und Testierfähigkeit, Prozessfähigkeit, das Transsexuellengesetz, Gefährlichkeitsprognosen, Glaubhaftigkeit und Glaubwürdigkeit, Renten- und Entschädigungsleistungen, Fahreignung und Fahrtüchtigkeit und – als einziges der aktuellen forensisch-psychiatrischen Lehrbücher – die medizinische Indikation eines Schwangerschaftsabbruchs.

Das Autoren- und Mitarbeiterverzeichnung listet neben den drei Herausgebern insgesamt 18 im psychiatrischen oder juristischen Gebiet Tätige auf, ohne dass ersichtlich wird, welcher Mitarbeiter für welche Kapitel verantwortlich zeichnet. Kein eigenes Kapitel wird dem Problemkreis Rolle und Selbstverständnis des Sachverständigen bzw. ethischen Fragen in der forensischen Psychiatrie gewidmet, sondern dieser wird allenfalls bei den rechtlichen Rahmenbedingungen der Begutachtung gestreift. Für den nicht juristischen Leser ist hilfreich, dass immer wieder Fallbeispiele aus der forensisch-psychiatrischen Praxis eingestreut werden.

Nicht zu empfehlen ist jedoch die Textübernahme aus dem ausführlichsten Gutachtenbeispiel, bei dem im zusammenfassenden Teil der Gesetzestext des § 63 StGB in den Ausführungen des Gutachters (»die Gesamtwürdigung des Probanden und seiner Tat ergibt, dass von ihm infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist«) nahezu wörtlich zitiert wird. Dies bedeutet eine Übernahme richterlicher Beurteilungskompetenz; speziell ist es nicht Sachverständigenaufgabe, eine »Gesamtwürdigung« vorzunehmen, den Erheblichkeitsgrad rechtswidriger Taten sowie die »Gefährlichkeit« einzuschätzen. Vielmehr geht es um die Darlegung der individuellen Risiko-potenziale sowie des Wahrscheinlichkeitsgrades und der Art künftiger Taten; ob hieraus im juristischen Sinn eine Gefährlichkeit resultiert, bleibt dem juristischen Rezipienten vorbehalten.

Das Buch konzentriert sich auf Begutachtungsfragen; Hinweise zur forensisch-psychiatrischen und -psychotherapeutischen Behandlung sowie deren Rahmenbedingungen und der Organisation im Maßregelvollzug, im Justizvollzug sowie in spezialisierten Ambulanzen finden sich nicht. Von daher muss die Lektüre dieses Buches für Psychiater, welche den Schwerpunkt »forensische Psychiatrie« anstreben, ergänzt werden. Als Anleitung für diejenigen, die sich im Rahmen der Facharztausbildung Psychiatrie erstmals mit Begutachtungsfragen beschäftigen sowie als forensisch-psychiatrische Gutachter Tätige bietet das Buch jedoch einen nahezu umfassenden Überblick. Insoweit wird die Absicht der Herausgeber, mit der vorliegenden Neuauflage das Buch auf den derzeitigen Stand der Rechtssprechung, Gesetzgebung und Literatur zu bringen, voll erfüllt.

Norbert Konrad in Recht & Psychiatrie 2/2010

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Schneider F, Frister H, Olzen D (Hg.) (2010): Begutachtung psychischer Störungen. Berlin, Heidelberg: Springer, 388 S., 69,95 €