Das Unglück der kleinen Giftmischerin

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben! So geht es dem Rezensenten, denn eigentlich hatte er vor, genau dieses Buch nach seiner Pensionierung zu schreiben. Nun ist ihm Erich Wulff zuvorgekommen und das in einer Manier, die nur schwer zu toppen sein wird. So müssen wir damit fertig werden, dass vielleicht in zehn Jahren der Markt wieder Bedarf haben wird, ein neues Buch, dann vom jetzigen Rezensenten, in sich aufzunehmen.

Die von Wulff erzählten elf Geschichten aus der Forensik zeichnen sich auch aus durch die Darstellung der vom Autoren bekannten Sensibilität im Umgang mit randständig gewordenen Menschen, denen das Schicksal eine Rolle zugedacht hat, deren Umgehung unsererseits täglich neue gefeiert werden könnte. Die Vignetten lassen sich außerordentlich gut lesen, teilweise richtig spannend, nie hat man den Eindruck, bei der Lektüre dieses Buches dienstlich tätig zu sein.

Insofern kommt die Umschlaggestaltung dem Wesen des Buches sehr nahe, denn der erste Anblick des Buches verführt dazu, zu glauben, man habe ein Muttertagsgeschenk vor sich. Inhaltlich gehen trotzdem die Feinheiten des forensischen Handelns und Denkens nicht verloren, so dass klammheimlich doch eine gut verpackte Weiterbildung in Sachen Forensik zum Zuge kommt.

Die Überschriften der einzelnen Kapitel animieren sogar dazu, das Buch in Adenauerscher Weise nächtens als Krimivariation zu konsumieren, oder geht es Ihnen, sehr geehrter Leser, anders, wenn Sie lesen: »Das Geisterschiff; Von der langen Herrschaft der Gewalt; Das wilde Fleisch; Kalkuliertes Risiko; Der Machtrausch des Waldgängers; Der dunkele Flussgott des Bluts; Der Liebeshochstapler; public enemy number one«.

Die Bescheidenheit Wulffs zwingt ihn zu dem Bekenntnis, sich in einzelnen Fällen weiterer Unterstützung z. B. aus dem jugendpsychiatrischen Bereich bedient zur haben, ohne dass dann in der Falldarstellung allerdings deutlich würde, worin diese bestand bzw. warum Wulff nicht selbst das entsprechende Fachwissen gehabt hätte.

Wulff wäre nicht Wulff, wenn er nicht sein Buch abschlösse mit dem Aufgreifen des aktuellen Sicherheitsdiskurses und dem Hinweis darauf, dass er versucht habe, dem Täterbild des Sicherheitsdiskurses andere, etwas komplexere Täterbilder entgegenzuhalten: Bilder, die Täter und Tat aus der mythologischen Ebene des Bestialischen und Bösen zurückholen auf die Ebene des gesellschaftlichen Geschehens und des allgemein-menschlichen Alltags mit seiner Widersprüchen, seinen Konflikten und seinen schuldhaften Verstrickungen, seinen Chancen, aber auch seinen Kurzschlüssen und seinen Ausweglosigkeiten. Es gehe ihm nicht um eine Humanisierung, aber doch um eine Hominisierung des »Verbrechers« und auch des Verbrechens.

Das Buch eignet sich vorzüglich dazu, gewissermaßen statt Blumen (die ja auf dem Einband abgebildet sind) bei Einladungen in Psychiaterhaushalte mitgebracht zu werden, um auf diese Art und Weise sehr dezent das Ausbildungsniveau des deutschen Psychiaters in hehre Sphären zu heben.

Gunther Kruse in Sozialpsychiatrische Informationen 1/2006

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Erich Wulff: Das Unglück der kleinen Giftmischerin und zehn weitere Geschichten aus der Forensik. Balance buch + medien verlag, Bonn 2007. 180 Seiten, 12,90 Euro