Gastfreundschaft - Das niederländische Konzept Kwartiermaken

Das niederländische Konzept Kwartiermaken sinnt einerseits auf eine Veränderung der Verhältnisse, in denen Psychiatrie-Erfahrene leben, andererseits auf damit einhergehende Notwendigkeiten zur Veränderung der Gesellschaft. Der Entwurf des Kwartiermakens besteht in der Schaffung eines Raumes für den fremden anderen und geht von der Akzeptanz des Widerstreites aus, der Reibung, die mit der Integration des Fremden einhergeht. Es soll an einer unterstützenden Infrastruktur arbeiten, in der »soziale Partizipation gefördert, Verbundenheit bei der Zielgruppe vergrößert und Ausgrenzungsmechanismen kritisiert werden«. Kwartiermaken versucht, ein Gegengewicht gegen eine Kultur der Versachlichung, Ökonomisierung und Objektivierung zu sein, es soll den gesellschaftlichen Anschluss vereinfachen.

Kwartiermaken ist »im Wesen das Organisieren von Gastfreundschaft. Bei Gastfreundschaft handelt es sich eigentlich um ein Willkommenheißen, ohne Fragen zu stellen«. Eine Form von Solidarität ist gefordert als eine Verpflichtung dem unbestimmten Sprachlosen gegenüber, als demjenigen, dem der Weg zur Öffentlichkeit abgeschnitten ist.

Von Derrida entlehnt die Autorin die Idee der »Chora«, einer Metapher für den Raum, wo Vermittlung und Grenzüberschreitung zwischen mir und dem anderen stattfinden kann. Es geht um einen Raum, wo der Gegensatz zwischen Verrücktsein und Normalität relativiert werden kann. Für den Gastgeber ist das Bemühen notwendig, »sich selbst zusammenzureißen und nicht der willenlose Anhänger der herrschenden Schablone zu sein«. Durch diesen Zwischenschritt, diesen Aufschub wird er zugänglich für das Fremde.

Kwartiermaken fühlt sich als zuständig, wenn der Kontakt zwischen dem Normalen und dem Verrückten nicht zustande kommt, was zur Isolation und Ausgrenzung führt, versteht sich als Organisieren von Gastfreundschaft außerhalb der Psychiatrie.

Kal übt Kritik am herrschenden medizinischen Krankheitsbegriff und strebt ein »Andersdenken über Anderssein« an.

Mehrstimmigkeit und Hermeneutik werden gefordert und im Multilog geübt. Angeregt durch die deutschen Psychoseseminare entwickelte sich in den Niederlanden der Multilog. Der versteht sich als eine Nische, in der der Psychiatrie-Erfahrene als Gesprächspartner anerkannt wird. Er wendet sich gegen die »Homogenisierung«, in der der Ohnmächtige nicht gesehen oder respektiert wird und damit bildlich gesprochen »getötet« wird.

Ziel des Multilogs ist ein Beitrag zu Rückkehr der eigenen Stimme, zum Zurückgewinnen der eigenen Geschichte, die Wiederherstellung der eigenen beschädigten Identität, um schließlich weiterleben zu können.

Ein weiterer wichtiger Beitrag zur Integration des Verrückten, Fremden bildet der Freundschaftsdienst. Ein ehrenamtlich tätiger Bürger knüpft Freundschaft zu einem Bedürftigen, um dadurch Isolation und Vereinsamung aufzuheben.

Ein theoretisches Fundament findet der Freundschaftsdienst in der »Präsenztheorie« Baarts: »Das Präsentsein in einem Kontext des Leidens sei wichtig und ist Trost.« In diesem Sinne ist der Freundschaftsdienst Kulturkritik und schafft einen nicht bezifferbaren Wert: Jemand, der seinen Weg nicht findet, bekommt einen Buddy, um mit ihm gemeinsam loszugehen.

Freundschaftsdienst ist auch eine Reaktion auf das Fehlen von Präsenz, er realisiert eine sorgende Bürgerschaft. »Der existentielle Kern einer sorgenden Beziehung ist die Erfahrung, dass man gebraucht wird.«

»Ein Konzept von Bürgerschaft, in das der Wert der Sorge aufgenommen ist, eröffnet für Bürger und Behörden Perspektiven, mit dem Widerstreit umzugehen, der zwischen dem Vertrauten und dem Fremden besteht. Gute Sorge fördert dann die Selbstachtung des um Sorge Ersuchenden und des Sorge Gebenden.«

Eine »Sorgeanlaufstelle« kann als Beispiel einer Infrastruktur betrachtet werden, die Bürgern hilft, mit dem Widerstreit, der niemals bei D. Kal übersehen wird, zu leben. Das Schnellerwerden der technisierten Gesellschaft scheint Selbstzweck: Zweit- und Drittklassebürgerschaft bleiben für die weniger Schnellen übrig, an ihnen entzünden sich die trägen Fragen, die den Wert des Lebens betreffen. Kwartiermaken geht es darum, die schnellen und die langsamen Personenkreise miteinander in Beziehung zu bringen.

Letztlich zielt Kwartiermaken auf eine beteiligte Gesellschaft, die Raum für »Andersleistende« schafft. Die Psychiatrie sollte den Fokus von reiner Machbarkeit auf die Präsenz verschieben.

Träge Fragen müssen in den Mittelpunkt des Schnellerwerdens gerückt werden. Kwartiermaken geht von der Überzeugung aus, dass das Leben mit den anderen, Fremden vor allem, an existenzieller Qualität gewinnt. Das niederländische Konzept Kwartiermaken stellt sich dar als ein gelungener Versuch von mehr Integration psychisch erkrankter Menschen, als ein Schritt hin zu mehr Gemeindepsychiatrie.

Das Buch ist spannend zu lesen und verzichtet nicht auf die Reflexion theoretischer Grundlagen. Es wäre wünschenswert, dass das Konzept auch in unserem Lande auf fruchtbaren Boden fällt, der erst noch zu beackern ist.

Dr. Arnhild Köpcke in Sozialpsychiatrische Informationen

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