Stigma psychische Krankheit

Brauchen wir heute noch ein Buch über das Stigma psychischer Erkrankungen? Asmus Finzen belegt eindrücklich, dass es auch nach aufwendigen Antistigmakampagnen mehr denn je notwendig ist, sich damit zu beschäftigen. Vorurteile und Stereotype sind nach wie vor allgegenwärtig.

Um einen angemessenen Umgang mit Vorurteilen, Diskriminierung und Stigmatisierung zu finden, muss man wissen, worüber man spricht. Finzen beschreibt gründlich und kenntnisreich Formen von Vorurteilen und Diskriminierung, analysiert die Begriffe Stigma und Stigmatisierung, um dann die Auswirkungen der Stigmatisierung auf die Stigmatisierten zu beschreiben. Vorurteile brauchen keine logische Begründung, da geurteilt wird, ohne dass eine Kenntnis des Gegenstandes vorhanden sein muss. Dennoch tragen sie zu herabsetzender Behandlung bei.

Als erschreckendes Beispiel führt Finzen an, dass in manchen Bundesländern ein Mensch mit der Diagnose Schizophrenie nicht in den öffentlichen Dienst eingestellt werden oder ihm der Führerschein entzogen werden kann, unabhängig davon, ob er Symptome aufweist oder nicht. Die Folgen der Stigmatisierung können zu Verstetigung der Krankheit bis hin zum Suizidwunsch gehen, »weil das Leben nicht lebenswert ist«. Das Stigma wird zur zweiten Krankheit, mit der Betroffene kämpfen müssen und die von Professionellen in ihre Arbeit mit einbezogen werden sollte.

Das Stigma kann auch von den Stigmatisierten selbst übernommen werden. Psychisch Kranke erleben sich dann selbst ebenfalls als wertlos oder unwürdig. Das ist besonders fatal, weil ihnen damit die Kraft fehlen kann, sich mit den Schwierigkeiten durch die Krankheit und ihre sozialen Folgen auseinanderzusetzen.

Wer trägt dazu bei, dass sich diese Diskriminierung und Stigmatisierung hält? Auch die Medien, die sich hingebungsvoll der Darstellung schlimmer Gewalttaten widmen und häufig eine psychische Erkrankung, zumeist Schizophrenie, diagnostizieren, bevor Details des Geschehens bekannt sind. Aber nüchtern merkt Finzen an, dass die Medien keine Wohltäter sind, sondern Wirtschaftsunternehmen, die liefern, was die Menschen lesen, hören und sehen wollen. Allerdings tragen auch die Professionellen zur Perpetuierung des Stigmas bei.

Häufig wird vorwiegend über chronische Verläufe berichtet. Das mag daran liegen, dass Kliniker vor allem mit den schwer Erkrankten befasst sind, während die große Zahl der Menschen, die ab und zu im Leben eine psychotische Krise erleiden, nicht den Weg zu ihnen findet. Damit verfestigt sich die Vorstellung der »Unheilbarkeit« im Sinne von »Unbeeinflussbarkeit«, statt dass – ähnlich wie bei Diabetes – auf »Behandelbarkeit« hingewiesen wird. Auch das kann Ängste und Vorurteile verfestigen.

Was ist zu tun? Eine aufklärende Öffentlichkeitsarbeit durch Verbände der Professionellen, Betroffenen und Angehörigen ist wichtig. Aber Stigmatisierung wird kurzfristig kaum durch Kampagnen zu beheben sein, auch, weil sie eine positive Funktion für die Stigmatisierenden hat. Sie kann zur inneren Kohärenz der Gruppe führen, die sich von den Stigmatisierten abhebt. Finzen plädiert daher vor allem für eine Stärkung der Fähigkeit zum Stigma-Management der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

Professionelle sollten sich der Stigmatisierung bewusst sein, sie den Betroffenen verständlich machen und ihnen und deren Angehörigen helfen, damit umzugehen. Ein Hinweis, wie das nicht geschehen sollte, kommt von meiner Tochter: »Ich schäme mich schon, dass ich Schizophrenie habe. Wenn mir mein Psychiater sagt, dass ich auf keinen Fall bei der Arbeit etwas davon erzählen soll, dann bestätigt er ja, dass es wirklich etwas zum Schämen gibt!«

Auch Betroffene und Angehörige können ungewollt zum Erhalt des Stigmas beitragen: So verständlich es auch subjektiv ist, wenn sie nicht in die Öffentlichkeit treten wollen, so trägt diese Unsichtbarkeit doch auch dazu bei, dass Stereotype nicht korrigiert werden können.

Finzen hat ein empfehlenswertes und gut lesbares Buch geschrieben, das uns allen zeigt, wo wir selbst noch etwas tun können, um gegen die Folgen der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen anzugehen.

Janine Berg-Peer in Psychosoziale Umschau 1/2014

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Asmus Finzen: Stigma psychische Krankheit - Zum Umgang mit Vorurteilen, Schuldzuweisungen und Diskriminierungen. Psychiatrie Verlag, Köln 2013, ISBN 3-88414-575-3, 184 Seiten, 19,95 Euro .