Tyrannei des Gelingens

Ein Buch, das betroffen macht, das gar nicht genug gelesen werden kann, das besticht durch seine ehrliche Hilflosigkeit und durch den Umstand, dass es wohl Anregungen, aber keine Patentrezepte vermittelt für die Missstände, die es anprangert. Und: Es ist eben nicht, wie auch erwähnt wird, der „Tyrannei des Gelingens“ erlegen – und gerade dadurch möglich geworden.

Die Tyrannei des Gelingens – wie man zwei so entgegengesetzte, unterschiedlich besetzte Begriffe in einen Buchtitel bekommt, mag zunächst als Rätsel erscheinen. Wenn man sich dann aber auf die Lektüre einlässt, wird verständlich, was damit gemeint ist.

Das Buch ist in drei größere Abschnitte eingeteilt: „Raum und Zeit für Menschen – Sozialzeit statt Bürozeit“ steht über dem ersten Drittel. Hier geht es vorwiegend um die „konkrete Arbeit mit Menschen, so wie sie sich heute zwischen Markt und Bürokratie bewegt“, wie es im Vorwort heißt. Fritz Bremer stellt im ersten Aufsatz die Frage, ob man auf Umwegen besser zum Ziel komme, und prangert die Ökonomisierung der Arbeit mit (psychisch) kranken und behinderten Menschen an.

Dann will Renate Schernus wissen, „wie viel Qualitätsmanagement denn der Mensch verträgt“, unterscheidet zwischen dem ökonomischen und dem philosophisch-anthropologischen Qualitätsbegriff und kommt zu dem Schluss, dass sich wirkliche Qualität der sozialen Arbeit weniger aus der Messung mit standardisierten Instrumenten feststellen lässt denn aus einer Grundhaltung in der Beziehungsarbeit ergibt. Weiter fragt sie, ob denn Dokumentation die Qualität der Arbeit im Sozial- und Gesundheitswesen sichert und schlägt "Skepsis als vorläufige Zwischenlösung" vor. Dann thematisiert sie Beziehungsgestaltung am Beispiel psychiatrischer Arbeit unter ethischen Aspekten, die sie an einigen Fallbeispielen anschaulich schildert.

Das zweite Drittel des Buches steht unter dem Motto: "Einseitige Menschenbilder - irreführendes Denken – fragwürdiges Handeln". Bezüglich der Frage "Lohnt sich das noch?", gemünzt auf die Arbeit mit schwer beeinträchtigten und dementen alten Menschen, geht Renate Schernus davon aus, dass "sich auch im Jahre 2007 manches lohnt, was sich keineswegs löhnt": "Die aus der Wirtschaft übernommene Manie, Hilfen als Produkte zu definieren, sie als Module und Leistungspakete zu berechnen und das Ganze dann in fantasietötender Weise zeitaufwendigen Qualitätsmanagements zu unterwerfen, müsste ersetzt werden durch Konzepte, die neben der notwendigen Assistenz und Begleitung auch das Umfeld, die Kontaktstiftung in kleineren, überschaubaren Räumen in den Blick nehmen." Zu befürchten sei durch den gegenwärtigen Kostendruck auf die Sozialsysteme ein Stopp der integrativen, auf Teilhabe gerichteten Impulse und eine Zementierung der institutionalisierten und ausgrenzenden Form der Fürsorge.

Ein wahrer Lesegenuss ist das Kapitel des Titelthemas, wo der "Tyrannei des Gelingens" die "Ermutigung zur glücklichen Unvollkommenheit" gegenübergestellt wird. Akribisch geht Schernus der Urbedeutung der Wörter "gelingen" und "glücken" nach, bringt einige biografische Beispiele, wie das von Helen Keller, jenem blinden, taubstummen Mädchen, dem durch die Hilfe ihrer Lehrerin "jenseits vorgeformter Normen hinsichtlich perfekter Gesundheit das Leben selber gelang", und von Theodor Fontane, der sich sein Schreib-Glück um den Preis gesellschaftlicher Anfechtungen erkämpft und seine wirtschaftliche Sicherheit für seine innere Freiheit hergegeben hat.

Auch hinterfragt sie kritisch den Wert der Erwerbsarbeit, plädiert für das bedingungslose Grundeinkommen und für Bürgerarbeit und erfrischt den Leser last, not least mit Hinweisen und Internetadressen für die "glücklichen Arbeitslosen" oder einen Verein namens "Otium".

"Soziale Kultur statt Marktkonformität – Not macht erfinderisch, aber nicht alles mit" ist der dritte Buchabschnitt übertitelt. In "Wiederkehr der Machtfrage?" macht sich Fritz Bremer "fragmentarische Gedanken zur Ökonomisierung des Sozialen und zur schleichenden Herstellung des Ausnahmezustandes". Nachdem er jede Menge Missstände angeprangert hat, macht er auch konkrete Verbesserungsvorschläge: gegenseitige Unterstützung dabei, die derzeitige Entwicklung besser zu verstehen, als Schutz vor "vernachlässigender Arbeit" Bündnisse miteinander schließen, die Konkurrenz vermeiden und gegenseitiges Lernen ermöglichen sollen.

Frei nach dem Motto "Wacht auf und lasst Euch nichts gefallen" regt er die politische Organisation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Vereinen und Einrichtungen an, um Erfahrungen über die Region hinaus auszutauschen, Diskussionen zu bündeln, zu bereichern, Strategien zu entwickeln, Forderungen öffentlich hörbar zu machen.

Renate Schernus sucht mit "Reformkonzepten im Sog veränderter Kontexte" nach einer neuen Balance, wobei sie von ihrer Arbeit im Gemeindepsychiatrischen Verbund berichtet und von den unterschiedlichen Zielstellungen. Dabei wird klar, dass sich soziale Arbeit an sich nicht mit marktwirtschaftlichen Prinzipien verbinden lässt, es aber grade das ist, was von verschiedenen Seiten angestrebt wird.

In einem der letzten Kapitel schreibt Fritz Bremer über Gemeinwesenarbeit und Gemeinwohlorientierung statt Ausgrenzung und Vernachlässigung, während Renate Schernus unter der Überschrift "Kiesel für Davids Schleuder" aus dem Nähkästchen plaudert und erzählt, wie es zu den "Soltauer Impulsen" kam.
Im Anhang findet sich ein kurzes Zitat zur T4-Aktion von 1940/41 aus „Die Ermordung Geisteskranker in Polen 1939 – 1945“, herausgegeben von Zdzislaw Jaroszewski und vertrieben vom Paranus Verlag, der Aufsatz "Ver-rückte Ethik" von Bremer aus dem 1997 veröffentlichten Buch "Ökonomie ohne Menschen?" und schlussendlich die "Soltauer Impulse" im Wortlaut.

Ein Buch, das betroffen macht, das gar nicht genug gelesen werden kann, das besticht durch seine ehrliche Hilflosigkeit und durch den Umstand, dass es wohl Anregungen, aber keine Patentrezepte vermittelt für die Missstände, die es anprangert. Und: Es ist eben nicht, wie auch erwähnt wird, der "Tyrannei des Gelingens" erlegen - und gerade dadurch möglich geworden.
Herzlichen Glückwunsch!

Ursula Talke in Soziale Psychiatrie

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Renate Schernus und Fritz Bremer: Tyrannei des Gelingens - Plädoyer gegen marktkonformes Einheitsdenken in sozialen Arbeitsfeldern. Paranus Verlag, 2. Auflage Neumünster 2008, ISBN 3-926200-92-1, 196 Seiten, 16,80 Euro.