Budenzauber Inklusion

Der Titel lässt damit rechnen und darauf hoffen, dass es mit Schwung, Elan, Witz, Ironie, Zynismus dem Begriff Inklusion kämpferisch und lustvoll an den Kragen geht. Dem ist bei Weitem jedoch nicht so, sondern die 147 Seiten werden ausgesprochen sachlich mit kritischem Ton aus der Sicht eines Experten gefüllt.

Da ich, anders als sonst bei mir üblich, dieses Rezensionsexemplar, auch vermutlich angesichts seiner Seiten-Beschränkung, tatsächlich Seite für Seite gelesen habe, habe ich an fünf oder sechs Stellen herausbekommen, dass es sich bei Herrn Sierck auch um eine Person handelt, die es zu inkludieren gilt, das Dumme ist nur, dass man nicht sicher sein kann, dass er diesen Wunsch auch hat, macht nichts, wir inkludieren ihn trotzdem, es sei denn, er ist schon inkludiert.

Komme, was da wolle, die Inklusion ist ein gesellschaftspolitisches Muss! Wer das Wort nicht vor sich herschwafelt, macht sich verdächtig. Nach Kisker darf man angesichts des Verbrauchs an solchen Schlagwörtern in der Psychiatrie, auch mitunter als catchwords benutzt, sich bereits jetzt nach der Halbwertszeit der INKLUSION fragen, man ist gespannt, was danach kommt!!!

Das Buch profitiert im Übrigen ausgesprochen davon, dass es nicht mit der Wucht und des Immer-Rechthabens der Behinderten, der Betroffenen, der Angehörigen des Weges kommt, sondern rational quasi aus der Sicht eines nicht Betroffenen argumentiert. Der Autor hat keinen Schaum vor dem Mund!! Seine Argumentationskraft rekrutiert eben nicht daraus, dass er als Betroffener sowieso alles besser weiß, ganz abgesehen davon, dass wir armen (vermeintlichen) Normalos teilweise gar nicht wissen können, wie wir uns zu verhalten haben. Wenn man den Behinderten von oben herab anguckt, womöglich ärgerlich, ist das natürlich falsch, das weiß ja jeder.

Wenn man ihn nicht ansieht, ist es ihm nicht recht, weil er sich übersehen fühlt, wenn man ihm offen ins Gesicht guckt, könnte das wie eine neugierige Inspektion aussehen, oder eine Tarnung der Betroffenheit und des Mitleids, wenn man bedauernd guckt, kriegt man es mit der Krüppel-Bewegung zu tun. Kurzum, wie man’s macht, ist es verkehrt. Sierck: »Furcht und Mitleid sind Formen der Abwertung und Entwürdigung, die diejenigen treffen, die die gängigen Ideale nicht erfüllen. Die Reaktionen angesichts der historischen Exoten- Schau im Zoo Hagenbeck haben sich in den Alltag der Gegenwart verlagert.«

Die zarten Andeutungen, dass der Autor seinerseits betroffen ist, ergeben sich an wenigen Textstellen, unter anderem der, dass ihm widerfahren ist, dass jemand, der in den von ihm benutzten Fahrstuhl treten wollte, bei seinem Anblick sich abgewendet hat und lieber die Treppe nutzte, dass hinter seinem Rücken Zugschaffner sich über ihn und wie man mit ihm fertig werden kann unterhalten haben, und dass ein Taxifahrer ihn nicht befördert hat. Der Autor outet sich an keiner Stelle direkt zu oder über seine Behinderung, was der Lektüre wohltut, da man nicht durchgehend einen Behinderten-Bonus in die (nicht nötige!!!) Kritikbereitschaft des Rezensenten einbauen muss.

Kritik wird von Sierck überwiegend an den gesunden oder nicht behinderten Offiziellen laut, da diese sich gewissermaßen über die Behinderten hinweg um deren Belange kümmern und nun das Modewort Inklusion auf den Markt geworfen haben, obwohl das, was die Behindertenverbandsfürsten üblicherweise anbieten, die nackte Ausgrenzung in Behinderteneinrichtungen ist, über die man dann frecherweise – in Verdrehung der Tatsachen – erfährt, dass sie der Inklusion dienen. Aber was soll’s, genau genommen und konventionell übersetzt heißt ja Inklusion Einschließung, Umzingelung, Einkerkerung, Klosterleben, insofern haben sie sogar recht.

Unbewusst und unabsichtlich ist das ja auch vielleicht genau das, was gewollt wird, aber keiner mag es zugeben. Das Behindertenwerkstattwesen weist erschreckende Schwächen auf, besonders, wenn das angebliche Ziel dort ist, die Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu erreichen. Diese Aufgabe wird nicht erfüllt. Nach Sierck finden von 1000 Mitarbeitern nur zwei aus der Werkstatt den Weg auf einen regulären Arbeitsplatz. Außerdem würden die Werkstätten natürlich gerne die besonders fähigen Mitarbeiter lieber behalten, statt sie zu integrieren auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

»Die Hilfsbedürftigkeit der behinderten Menschen ist die Einnahmequelle der Einrichtungen ...«. Die Voll- beziehungsweise Überbelegung der Einrichtungen wird das Ziel sein, insbesondere wenn man Folgendes berücksichtigt: »In der Werbung für lukrative Geschäftsmodelle tauchen Heime als Investitionsobjekte auf. Die Geldanlage ›Pflege‹ sichert Wachstum und Rendite, stationäre Einrichtungen bieten staatlich garantierte Mieteinnahmen bei perspektivisch steigernder Nachfrage.« (Sierck)

Eigentlich müsste die Anzahl der Behinderten nach Ansicht des Rezensenten ständig geringer werden. Man kann sich sterilisieren lassen, um sein »krankhaftes« Erbgut dem Nachwuchs zu ersparen, man kann nach pränataler Diagnostik das potenziell behinderte Kind abtreiben (neun von zehn Frauen machen das bei angekündigtem Down-Syndrom), man kann sich als Behinderter das Leben nehmen und man kann sich, wenn alle Stricke reißen, inkludieren lassen.

Noch einmal Sierck: »Der Begriff der Inklusion löst regelmäßig den Wunsch nach Erklärung aus. Die Antwort mit neuen Schlagworten wie unbeschränkte Teilhabe, Partizipation, Autonomie oder Selbstbestimmung bleibt unbefriedigend. Das Nebulöse bleibt, weil Inklusion sich nicht endgültig definieren lässt.«

Ich muss in die Besprechung an dieser Stelle unterbrechen bzw. sogar abbrechen, da ich mich natürlich kürzer fassen muss als Sierck dies in seinem sehr lesenswerten, informativen und nüchternen Buch tut.

Gunther Kruse in Sozialpsychiatrische Informationen

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Sierck U: Budenzauber Inklusion. Neu Ulm: AG SPAK, 2013, 147 Seiten, 16,00 Euro