Teilhabe in Zeiten verschärfter Ausgrenzung?

Mit der UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen wird für Psychiatrie und Gesellschaft der Paradigmenwechsel von der Integration zur Inklusion verkündet. Die Kritik am Integrationsbegriff ist nachvollziehbar, schafft er doch gedanklich zwei Gruppen, die integrierenden „normalen“ Bürger und die zu integrierenden, „nicht normalen“ anderen. Mit dem Inklusionskonzept sollen nun alle Formen der Besonderung und Ausgrenzung von „Behinderten“, „psychisch Kranken“, „Ausländern“, etc. vermieden werden.

Diesen sympathischen Traum kritisch zu diskutieren, ist das Verdienst dieses Buches. Statt einzustimmen in den Inklusions-Hype werden hier kritische Fragen im Geist der „Soltauer Initiative“ formuliert, etwa warum denn solche Visionen in Zeiten neoliberaler Umwälzungen auf die Tagesordnung gesetzt werden. Das gesellschaftliche Klima mit steigendem Anpassungsdruck (Turbo-Abi, Bachelor-Studium, etc.), Erosion sozialer Netze (Single-Haushalte, etc.) und Hetze gegen Arme und Fremde (Westerwelle, Sarrazin) bildet ja nicht unbedingt einen gesellschaftlichen Rahmen, der Mut zum Träumen macht.

Wirkliche Gleichberechtigung und Teilhabe wird über die UN-Konvention allein nicht hergestellt werden, bisher ist ja trotz Benachteiligungsverbot im Grundgesetz plus Antidiskriminierungsgesetz die Ausgrenzung alltägliche Realität vieler Psychiatrie-Erfahrener. Wer mit einem kritischen Blick die unsichtbaren Mauern der Gemeindepsychiatrie wahrnimmt, in denen Betroffene meist unter sich bleiben, statt gesellschaftlich wirklich „mittendrin“ zu sein, mag sich skeptisch fragen, wie Inklusions-Utopien in dieser Welt Realität werden können.

Wenn wir damit ernst machen wollten, müssten besondere Schulen für Lernbehinderte ebenso infrage gestellt werden wie besondere Angebote für psychisch Kranke, etwa Werkstätten und Heime. Im sozialpsychiatrischen Diskurs der letzten Jahre haben diese Fragen ja bereits einen wichtigen Stellenwert. Das Buch verweist aber auf die Gefahr, dass wie so oft mit Reformrhetorik schlicht Kosten gesenkt werden sollen. Wenn alle gruppenbezogenen Kategorien (z. B. gesund-krank) abgeschafft sind, brauchen wir keine teuren Angebote mehr für bestimmte Personengruppen. So zynisch kann das aufregende Inklusionsparadigma pervertiert werden.

„Teilhabe in Zeiten verschärfter Ausgrenzung?“ ist ein wichtiges und kluges Buch, das viele Leser verdient. Es erschüttert naive Wunschvorstellungen und kann helfen große Träume zu verwirklichen.

Michael Eink in Sozialpsychiatrische Informationen

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Holger Wittig-Koppe, Fritz Bremer, Hartwig Hansen (Hg.): Teilhabe in Zeiten verschärfter Ausgrenzung? Kritische Beiträge zur Inklusionsdebatte. Paranus Verlag, 2. Auflage 2013, ISBN 978-3-940636-10-2, 184 Seiten, 19,95 Euro.