Die irrste Katze der Welt

Die Rezension eines Katzen-Bilderbuches in einer seriösen Fachzeitschrift? Immerhin scheint der Buchtitel – „Die irrste Katze der Welt“ – auf ein psychiatrierelevantes Problem zu verweisen.

Aber woher nimmt sich der Autor Gilles Bachelet, Jahrgang 52, aufgewachsen in den Pyrenäen, studierter bildender Künstler und berufsmäßiger Illustrator und Werbegrafiker, die Kompetenz für ein solches Thema? Man muss gewiss kein Tierpsychiater sein, um auf die Frage, was im Verhalten einer Katze irre bzw. normal ist, eine vernünftige Antwort zu haben.

Mit der Erfahrung eines mehr als dreizehn Jahre währenden Lebens in häuslicher Gemeinschaft mit einem stolzen Kater maße ich mir dafür eine gewisse Kompetenz an und komme zu folgender Einschätzung: Gilles Bachelet ist wahrscheinlich ein sympathischer Kerl und seine Entscheidung, eine Katze zu adoptieren, ist lobenswert.

Auch ist er ganz bestimmt ein toller Zeichner. Denn seine Bilder und Geschichten sind doppelbödig und von einem verschmitzten Humor. Was zunächst völlig gewöhnlich und alltäglich erscheint, offenbart bei genauerer Betrachtung skurrile Details und witzige Pointen.

Jedoch, was die Psyche der Katzen betrifft, ist Herr Bachelet ahnungslos. Seine Katze ist nicht irrer, d.h. „vom Üblichen abweichend und so ausgefallen merkwürdig, wie man es nie erwarten konnte“ (Deutsches Universal-Wörterbuch), als jede andere Katze auf der Welt. Was ist daran verhaltensauffällig, wenn eine Katze die Wohnung auf den Kopf stellt und in der hintersten Ecke des Kommodenschubfachs einen Schlafplatz findet? Warum sollte man sich Sorgen machen, wenn eine Katze das (zu kleine) Katzenklo verfehlt?

Nein, lieber Gilles Bachelet. Katzen sind so! Sie sind eigensinnig und extravagant, besitzergreifend und stolz. Daher ist es auch kein Anzeichen einer seelischen Störung, wenn eine Katze eher verhungert, als sich die Brekkies selbst aus der Packung zu angeln. Und es ist auch nicht ungewöhnlich, wenn eine Katze das ihr zum Kuscheln zugeeignete Plüschtier beim Spielen arg zuzaust. Diese und die anderen geschilderten Begebenheiten deuten auf ein total normales Verhalten dieser Katze hin.

Es ist deshalb zu begrüßen, wenn schon Heranwachsende – das Buch wird Fünfjährigen zur Lektüre empfohlen – mit den Eigenheiten von Katzen vertraut gemacht werden. Offenbar ist meine zweijährige Tochter dafür jedoch noch zu klein. Denn beim Durchblättern des Buches schien sie etwas irritiert.

Und mir fiel es offen gestanden schwer, ihr zu erklären, warum Gilles Bachelets Katze am liebsten Karotten frisst und im Vergleich zu unserem Kater ein ziemlich graues Fell und einen ungewöhnlich großen Rüssel hat. Stimmt also bei diesem Exemplar doch irgendetwas nicht? Oder will der Autor die große Schar der Katzenfans mit seinen Geschichten in die Irre führen und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zum Kauf seiner Bücher verführen?

Vielleicht ist Gilles Bachelet und die „Irrste Katze der Welt“ doch ein Fall für die Psychiatrie. Lesen und urteilen Sie selbst.

Thomas R. Müller in Soziale Psychiatrie 3/2009

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Gilles Bachelet: Die irrste Katze der Welt, 24 S., gebunden, farbig ill., 2. Aufl., 2008, Gerstenberg-Verlag, je 12,90 EUR