Mit Kindern redet ja keiner

Ein sehr schönes, ausdrucksstarkes Buch der renommierten Kinderbuchautorin Kirsten Boie, das all diejenigen lesen sollten, die sich für die Schicksale von Kindern psychisch kranker Eltern interessieren und darüber hinaus in die Erlebnis- und Gefühlswelten von Neunjährigen eintauchen wollen.

Charlottes Mutter will sich in ihrer Ehe selbst verwirklichen, dringt darauf, dass die Familie aufs Land zieht; sie beginnt ein Studium in der Stadt, bis ihr alles zu viel wird. Charlottes Vater drängt die Mutter, sich mehr um Haushalt und Kind zu kümmern, und damit beginnt die schleichende Depression.

Die Mutter von Lule, Charlottes bester Freundin, erklärt eine Depression so: "Manchmal hat man halt eine schlechte Phase. Da kann man nicht arbeiten wie sonst. Da liegt alles wie ein Berg vor einem. Ganz schwer und groß und grau. Und man denkt, dass man alles nicht schaffen kann, und dass es nie anders werden wird. Aber es geht vorbei, ganz bestimmt."

Und Charlotte denkt, dass sie das vielleicht dem Papa mal so erklären müsste, dann hätte er ein bisschen mehr Geduld mit Mama.

Der Vater schlägt die Mutter zwar nicht, wenn mal wieder kein Essen auf dem Tisch steht, aber er guckt sie scharf an, so dass es auf das Kind bedrohlich wirkt. Er rüttelt die Mutter, sie sieht aus, als sei sie "ganz weit weg", und flüstert, dass sie das alles nicht mehr schafft.

Die Geschichte wird subtil auf zwei Ebenen erzählt. Die erste Ebene richtet sich vordergründig an die jungen Leser - auf dieser Ebene wird aus der beobachtenden Perspektive der kleinen Charlotte berichtet, in einer einfachen, kindgerechten Syntax, einer unkomplizierten Wortwahl, dennoch bleibt das Sprachniveau angehoben. Das Kind erzählt die Dinge, wie es sie wahrnimmt, ohne sie zu verstehen, ohne sie zu erklären, sie zu hinterfragen.

Die zweite Ebene zielt auf die erwachsenen Leser, die den Zusammenhang zwischen Aufgabe des Studiums, Einsamkeit auf dem Land und dem Gefühl der Nutzlosigkeit und Leere deuten können. Und gerade das macht das Buch so spannend. Es ist in erster Linie ein Kinderbuch, aber auch wegen dieser zweiten Ebene ein Buch, das sich an Erwachsene richtet.

Nur eine Sache habe ich zu bemängeln, eine gravierende allerdings: Müsste in einem Roman, dessen Zielgruppe Neun- bis Zwölfjährige sind, nicht mehr Positives berichtet werden? Die Depression der Mutter ist kaum erträglich für das Kind. Da ist es nur verständlich, wenn es als Ausgleich einen Hamster hat, der es ablenkt und in andere Welten entführt. Aber warum muss dieser Hamster verhungern und eines Tages tot im Ställchen aufgefunden werden, wer auch immer die Schuld an seinem Tod trägt?

Es ist tragisch, dass die Mutter einen Suizidversuch macht. Und dies zu schildern, gehört auch zu der Geschichte. Aber eine Gesundung ist nicht in Sicht! Die Mutter wird am Ende des Buches nicht wieder die alte, fröhliche Mutter. Alles bleibt offen. Können Kinder mit solch einem Ausklang überhaupt leben, brauchen sie in diesem Alter nicht ein "Happy End"?

Das ist knallharter Realismus, werden die einen vielleicht sagen, so ist nun einmal die Krankheit. Ich würde eher für eine optimistische Perspektive plädieren.

Peter Mannsdorff in Soziale Psychiatrie

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Kirsten Boie: Mit Kindern redet ja keiner. Frankfurt/M., Fischer-Verlag, 2004, ISBN 3-596-80541-4, 138 Seiten, 5,90 Euro