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Das Eismeer in mir

Die Texte machen Mut, sollen auch anderen Kindern und Jugendlichen die Angst vor der Psychiatrie nehmen. Ihnen zeigen, dass es nicht verwerflich ist, sich Hilfe zu suchen, wenn es einem nicht gut geht, wie es Herausgeber Andreas Jordan, Sozialpädagoge am Wilhelmstift, formuliert. Es ist zu hoffen, dass die Berichte ihre Wirkung nicht verfehlen.

Das Eismeer in mir Bevor Kinder und Jugendliche in der Psychiatrie behandelt werden, haben sie oft schon einen langen Leidensweg hinter sich. Am Katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift ermutigt man die jungen Patienten, ihre Gefühle und Hoffnungen niederzuschreiben. Seit 2005 erscheint dort zweimal im Jahr der „Psychotempel“, eine Zeitung, in der die jungen Patienten beschreiben, was sie in die Psychiatrie geführt hat und wie sie den Aufenthalt im Hause erleben. Nun liegen ihre Berichte, Gedichte, Comics und Zeichnungen in Buchform vor: „Das Eismeer in mir“ heißt der Band, in dem Kinder und Jugendliche mit Essstörungen, Depressionen und Psychosen Einblicke in ihre Gedankenwelt geben.

„Hier in der Psychiatrie sind die schönsten Menschen, die es gibt. Einfach dadurch, dass sie einen an der Waffel haben, sind sie sehr rein und unverfälscht. Und dadurch schön“, schreibt Felix, 17 Jahre, der wegen eines manisch-depressiven Traumas ins Wilhelmstift kam. Er schildert, wie er sich anfangs von der Auskunft sämtliche Anwaltsnummern Hamburgs besorgte, um sich notfalls aus der Klinik rausklagen zu können. Die Einsicht kam jedoch rasch, dass gerade der Humor der Pfleger Balsam für die Seele ist. „Die Pfleger umspielen einen auf eine so liebe Art, dass es so blöd ist, dass man lachen muss. Und so wird man geheilt.“

Aus vielen Texten spricht die Erleichterung, im Wilhelmstift einen Ort der Geborgenheit gefunden zu haben. Andere geben einen tiefen Blick in verletzte Kinderseelen frei: „So viel kann man sagen. So viel kann man verstehen. So viel Leid in sich tragen. Doch wer kann das schon sehen. Man muss es sagen. Damit man es versteht. Denn dann kann die Hilfe kommen. Das Leid kann gehen.“ Dies schrieb Lucie, erst 10 Jahre alt.

Die kindliche Verzweiflung über zerrüttete Familien, Einsamkeit, Angstzustände rührt an. Über „mehr als 100 Schmerztabletten und ihre Folgen“ berichtet ein Kind – nicht das einzige, dass einen Suizidversuch hinter sich hat. Dass sich viele danach in der Klinik wohl fühlen und wieder Hoffnung und Lebenswillen schöpfen, spricht für die aufopferungsvolle Arbeit des Personals. Deren Bemühungen wissen die Patientinnen und Patienten sehr wohl zu würdigen, schätzen sie sich selber doch oft als schwierig ein.

Die Texte machen Mut, sollen auch anderen Kindern und Jugendlichen die Angst vor der Psychiatrie nehmen. Ihnen zeigen, dass es nicht verwerflich ist, sich Hilfe zu suchen, wenn es einem nicht gut geht, wie es Herausgeber Andreas Jordan, Sozialpädagoge am Wilhelmstift, formuliert. Es ist zu hoffen, dass die Berichte ihre Wirkung nicht verfehlen. Damit es Betroffenen nicht so ergeht wie Kadda, die ihren Artikel mit dem Satz „Wer weiß, vielleicht kehre ich nach abgeschlossener Doktorarbeit in Psychologie noch mal hierher zurück“ beendete. Kadda ist zwei Tage nach ihrem 18. Geburtstag gestorben.

Andreas Jordan (Hrsg.): Das Eismeer in mir, Hamburger Kinderbuch Verlag 2007, 176 Seiten, 12,80 Euro